Ärzte Zeitung online, 20.05.2011

Abrechnungsbetrug: Patienten im Visier der Staatsanwälte

In Bremen steht eine Physiotherapeutin im Visier der Staatsanwaltschaft: Die soll Leistungen abgerechnet, aber andere erbracht haben. Speziell an dem Fall: Auch gegen ihre Patienten, etliche hundert, wird ermittelt.

Abrechnungsbetrug: Patienten im Visier der Staatsanwälte

Osteopathie statt verordneter Krankengymnastik? Dann interessiert sich der Ermittler eventuell auch für die Patienten.

© Monkeybusiness Images / panthermedia

BREMEN (eb). Ein Fall von Abrechnungsbetrug in Bremen zieht weitere Kreise: Nicht nur die betroffene Physiotherapeutin steht im Visier der Ermittler, auch gegen einige hundert ihrer Patienten wird nach einem Bericht des "Weser Kurier" ermittelt.

Der Fall reicht zurück bis in den Herbst 2008. Damals nahm die Staatsanwaltschaft Bremen die Ermittlungen gegen eine Physiotherapeutin aus der Hansestadt auf.

Der Vorwurf: Sie soll statt der von den Ärzten verordneten Krankengymnastik osteopathische Behandlungen durchgeführt haben. Die sind allerdings in der gesetzlichen Krankenversicherung von der Erstattung ausgeschlossen.

Im Dezember 2010 machte schließlich die Bremer Prüfgruppe für Abrechnungsmanipulation den Fall bekannt. Nach ihren Angaben soll die Therapeutin von Ärzten verordnete Krankengymnastik im Verhältnis 2:1 in osteopathische Behandlung "umgerechnet" wurde. Nach den Schätzungen der Prüfer sei dadurch ein Schaden von rund 190.000 Euro entstanden.

Wilfried Mankus, Sprecher der Prüfgruppe, sagte damals: "An diesem Fall wird gut sichtbar, dass sich auch die Versicherten strafbar machen, wenn sie sich auf solch einen Handel einlassen. Strafanzeige wurde nicht nur gegen die Physiotherapeutin, sondern auch gegen die Patienten gestellt."

Die Staatsanwaltschaft sah das offenbar ähnlich und nahm auch sie ins Visier. Zunächst war die Rede von 650 Patienten, gegen die wegen Beihilfe zum Betrug ermittelt wurde. Nach Angaben des "Weser Kurier" sind einige Verfahren bereits eingestellt.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade, bestätigte der "Ärzte Zeitung" die Ermittlungen. Nach seinen Worten lassen sich die Fälle einfach zusammenfassen: Ein Arzt verordnet Krankengymnastik, die Therapeutin spricht mit dem Patienten aber eine osteopathische Behandlung ab.

Statt sechs verordneten Behandlungen liefert sie nur vier. Laut Passade sei dies im Einverständnis zwischen Patient und Behandlerin geschehen. In einigen Fällen hätten die Patienten außerdem eine Zuzahlung geleistet.

Anschließend rechnet die Therapeutin sie sechs verordneten Gymnastikbehandlungen mit den Kassen ab. Somit ergibt sich der Betrugsvorwurf, bzw. der Vorwurf zu dessen Beihilfe.

Der Anwalt der Therapeutin sieht das allerdings anders. Dem "Weser Kurier" sagte er, dass es in diesem Fall Unterschiede zum "klassischen Abrechnungsbetrug" gebe.

Denn seine Mandantin habe die Leistungen ja erbracht. Nun stelle sich höchstens die Frage, "ob die gesetzlichen Kassen diese Leistung (die Osteopathie, Anm. d. Red.) bezahlen wollen."

Der Bremer Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske richtet eine Mahnung denn auch an die Ärzte. Ebenfalls im "Weser Kurier" sagte er: "Ärzte sollten exakt beschreiben, was die Physiotherapeuten leisten sollen".

Unbestimmte Rezepte seien ein Einfallstor für beliebige Behandlungsformen. Am Beispiel der Physiotherapeuten sagte er: Sie hätten dann "leichtes Spiel", die Patienten von einer bestimmten Therapie zu überzeugen.

[27.05.2011, 10:09:24]
Dr. Stefan Refle 
Hier wird auf den Richtigen geschossen
Bei dem vorliegen Fall hat der behandlende Physiotherpeut durchaus einen monitären Vorteil. Es wird eine vom Kunden gewünschte Behandlung (Osteopathie) über die Krankenkasse abgerechnet, obwohl dies illegal ist. Hierdurch hat er gegenüber anderen Physiotherapeuten, die dies nicht machen einen Vorteil. Auch hat er gegenüber anderen Therapeuten, (Ärzten und Heilparktikern) die die Osteopathie legal auf Rechnung anbieten, hat er einen Wettbewerbsvorteil.
Abgesehen davon darf er es nicht, da es sich um eine Ausübung der Heilkunde handlet (im Heilpraktikergesetz geregelt). Es ist daher Heilen ohne Bestallung und auch eine Straftat.
Eine klare Bestrafung dieser schwarzen Schafe ist dringend notwendig um diese Machenschaften, die ja weit verbreitete sind endlich zu beenden. zum Beitrag »
[25.05.2011, 16:42:40]
Norbert Meyer 
Gedankengänge zum Fehlverhalten -Mißbrauch des HML
Als "betroffener" Physiotherapeut frage ich mich immer, was wird denn eigentlich im Therapiebericht angekreutz und geschrieben, es scheint eine Unsitte zu werden, Behandlungen auf Wunsch des Patienten!Ständig wird diskutiert über die Wirtschaftlichkeit einer Massnahme,da liegt doch der Hase im Pfeffer.Diese Kollegen schaden letztlich uns Alle und versauen die Gesamtstatistik der KG - Leistung,folglich bleiben für effektive (wirkungsvolle) Anwendungen nichts übrig.
Der Kontakt zu den Ärzten bringt sehr wenig seit 1990 ging es abwärts,leider, das war früher anders, denn heutzutage werde Ich als Mitbewerber und Konkurenz um den Patienten angesehen. zum Beitrag »
[25.05.2011, 10:09:46]
Dr. Martin Strohmeier 
Passive Maßnahmen chronifizieren
Es ist der Alltag, KG mit genauen Ausführungen für die LWS wird verordnet, aber weil an der HWS gerade Verspannungen waren hat der Physiotherapeut erst mal oben massiert und jetzt will der Patient aber noch das Rezept für die LWS. Das finanzielle Risiko trägt der Arzt, nicht der Physiotherapeut und nicht der Patient. Im Bereich KG hat sich eine Behandlerkultur entwickelt, in der viele tun, was sie gerade für richtig halten, Verordnung meist egal. Einheitliche Therapieschemata, Studien oder irgendetwas, das an evidence basierte Medizin erinnert, Fehlanzeige. Insofern ist der Vorstoss der Staatsanwaltschaft richtig, wenn Behandlungen abgegeben werden, die nicht im Heilmittelkatalog gelistet sind oder so nicht verordnet wurden. Nur nebenbei führen passive Maßnahmen wie Massagen statistisch zu einem vielfach höheren Risiko einer Chronifizierung von Schmerzen. Zeit einen Riegel vorzuschieben und den Dialog zwischen Arzt und Behandler wieder zu beleben.  zum Beitrag »
[25.05.2011, 09:47:01]
Dr. Matthias Zufall 
falsche Treffer?
@ Martin Runge: Verordnung ist Verordnung. Es gibt eine Katalog, den haben die Physiotherapeuten selbst erfunden. Danach wird verordnet. Sonst nichts.-- Wenn was anderes gemacht wird vom KG, dann ist das zumindest eine Fehlbehandlung. -- Leider gibt es keine wirksame Kontrolle der Ausführung von Verordnungen.  zum Beitrag »
[23.05.2011, 08:04:00]
Dipl.-Psych. Martin Runge 
Hier wird auf die Falschen geschossen
Folgt man den Veröffentlichungen über den Fall, so entsteht der Eindruck, dass es um eine Physiotherapeutin geht, die einen persönlichen auch monetären Vorteil aus der Abrechnung gezogen hat. Vielmehr ist es doch so, dass die Behandlerin die gesamte Zeit tatsächlich die Patienten behandelt hat und zwar so, wie es ihrer Einschätzung nach optimal für die Genesung der Patienten war. Die Krankengymnastin hatte dadurch keinen finanziellen Vorteil, da eine Ostheopathiebehandlung in der Regel 60 Minuten! dauert. Ob eine ostheopathische Behandlung nicht ohnehin als Physiotherapie im Sinne der Richtlinien auslegbar ist, müssen die Gerichte erst einmal klären. Während in anderen Ländern wie den USA die Ostheopathie längst zum Standard gehören, hängt unser Land in der Zulassung von Verfahren wie üblich weit hinterher. Das geht ja von der Hyperthermie bei Krebs bis hin zur Ostheopathie in den Heil- und Hilfsberufen. Die Behandlerin sollte gestärkt und unterstützt werden anstatt jetzt zum Kesseltreiben gegen eine ohnehin unterbezahlte Berufsgruppe zu blasen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

"Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, die Ärzte sollten sich daher aktiv daran beteiligen, appellierte der Blogger Sascha Lobo auf dem Ärztetag. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Massive Technik-Pannen behindern Ärztetag

Nicht einsehbare Anträge, verschobene Abstimmungen: Technische Probleme machen Delegierten und Journalisten gestern unmd heute auf dem Ärztetag arg zu schaffen. mehr »