Ärzte Zeitung online, 01.07.2011

Berufsunfähig nach Loveparade? Anwalt warnt vor Zugeständnissen an Versicherer

KÖLN (akr). Opfer der Duisburger Loveparade und Anwälte üben massive Kritik an der Vorgehensweise der Axa, die den Veranstalter des Technospektakels haftpflichtversichert hatte. "Ich fürchte, dass man da mit einer Art Schadenschnelldienst billig heraus kommen möchte", sagt Jürgen Hagemann, Vorsitzender des Selbsthilfe-Vereins der Loveparade-Geschädigten.

Berufsunfähig nach Loveparade? Anwalt warnt vor Zugeständnissen an Versicherer

Eine Rettungskraft des DRK legt am 24. Juli während der Gedenkfeier zur Loveparade-Katastrophe im Fußballstadion in Duisburg 21 Sonnenblumen in ein Herz aus Blumen.

© dpa

Hagemanns Tochter war bei der Veranstaltung schwer traumatisiert wurden und musste ihre Ausbildung abbrechen.

Die Teilnahme an der Technoparade in Duisburg vor einem Jahr hatte 21 Menschen das Leben gekostet, hunderte wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Liste der festgellten Verletzungen ist lang

Nach einer jetzt im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlichten Studie stellten Ärzte bei 131 Personen Extremitätenverletzungen fest, bei weiteren 89 Wunden und oberflächliche Verletzungen. Schädel-, Gesichts- und Halsverletzungen zogen sich 64 Personen zu, 40 erlitten Thoraxverletzungen, 36 Panik- und Anmgststörungen.

Zu den weiteren, von Ärzten beobachteten Verletzungen gehören die des Abdomen, des Beckens, der Wirbelsäule sowie Frakturen. Die häufigste Diagnose war mit 140 Fällen allerdings Rauschmittelabusus.

Wer für welche Schäden haften muss, ist noch unklar

Der Veranstalter Lopavent hatte bei der Axa eine Haftpflichtversicherung über 10 Millionen Euro abgeschlossen, davon 7,5 Millionen. Euro für Personenschäden. Noch ist allerdings nicht geklärt, wer für welche Schäden haften muss.

Sollte sich herausstellen, dass auch die Stadt Duisburg und das Land Nordrhein-Westfalen für das Geschehen verantwortlich sind, werden sie sich an Entschädigungzahlungen beteiligen müssen.

Damit die Opfer und Hinterbliebenen nicht auf die Klärung der Haftungsfragen warten müssen, haben die Stadt Duisburg und die Axa einen Vertrag geschlossen, der Entschädigungszahlungen ermöglicht. Er ist nicht öffentlich, kristisiert Hagemann.

Die Geschädigten fürchten, dass in der Vereinbarung hinter ihrem Rücken Regelungen zu ihren Lasten getroffen werden.

Vergleichs- und Abfindungserklärung der Axa wird scharf kritisiert

Auf scharfe Kritik stößt außerdem die "Vergleichs- und Abfindungserklärung", die die Axa an Geschädigte schickt. "Ich kann nur davor warnen, diese Erklärung zu unterschreiben", sagt Anwalt Julius Reiter.

Die Kanzlei vertritt 77 Geschädigte, davon sind zwei nach Reiters Angaben aufgrund der Loveparade berufsunfähig. Mit der Vergleichs- und Abfindungserklärung sollen die Unterzeichner bei einer Entschädigungszahlung auf alle weiteren Ansprüche verzichten.

Gerade bei psychischen Verletzungen sind die Spätfolgen aber schwer abschätzbar, sagt Reiter. Möglicherweise stellt sich erst Jahre nach dem traumatisierenden Ereignis heraus, dass die Geschädigten aufgrund der Massenpanik berufsunfähig sind.

Misstrauisch macht die weit reichende Verzichtserklärung

Auf Argwohn stößt vor allem, dass die Unterzeichner nicht nur gegenüber der Axa und der Stadt Duisburg auf alle weiteren Ansprüche verzichten sollen, sondern auch "gegen jeden Dritten, sofern er Gesamtschuldner ist".

Damit verzichten die Geschädigten auch auf Ansprüche, die sie gegen das Land NRW haben, kritisiert der Anwalt.

Die Vorgänge haben die oppositionelle FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag auf den Plan gerufen. In einer kleinen Anfrage an die Landesregierung will der FDP-Abgeordnete Horst Engel wissen, was das Land vom Vorgehen der Axa hält.

Axa fühlt sich zu Unrecht angegriffen

Die Axa fühlt sich zu Unrecht angegriffen und verweist darauf, dass sie bereits unmittelbar nach der Katastrophe einen Fonds für schnelle Hilfe eingerichtet hat. Seien Spätfolgen für Geschädigte zurzeit nicht abschätzbar, werde die Regulierung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, sagt Axa-Sprecher Ingo Koch.

"Wir gleichen den Schadenersatzanspruch der Betroffenen vollständig nach Sach- und Rechtslage und damit nach deutschem Schadenersatzrecht aus", sagt er.

Sei eine 100-prozentige Regulierung erfolgt, könnten Geschädigte keine weiteren Forderungen an andere stellen. Denn ihre Ansprüche seien komplett erfüllt.

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