Ärzte Zeitung online, 19.08.2011

Schlamperei oder Betrug: 12.000 Apotheker vergessen Rezept-Korrektur

Es klingt nach einem Riesenskandal: 12.000 Apotheken könnten Dokumentenbetrug begangen haben. Der Grund: Sie sollen vergessen haben, eine Nummer auszutauschen. Die Beteiligten schweigen. Insider vermuten allerdings, dass es ähnliche Fälle schon länger gibt.

Schlamperei oder Betrug: 12.000 Apotheker vergessen Rezept-Korrektur

Metoprolol auf Rezept: Die tausendfach vergessene PZN-Korrektur sorgt für Ärger.

© [M] Petra Schneider / imago

BERLIN (cw). Haben Apotheker massenweise Dokumentenbetrug begangen? Was auf den ersten Blick skandalös anmutet, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als riesige Schlamperei: Rund 30.000 Rezepte wurden mit der Pharmazentralnummer (PZN) von betapharms Metoprololsuccinat bedruckt und zur Abrechnung eingereicht. Und das, obwohl der Betablocker mit AOK-Vertragszuschlag überhaupt noch nicht im Markt ist.

Aufgeflogen war der Schwindel erst, als der Augsburger Generikahersteller den gesetzlich vorgesehenen Herstellerabschlag zahlen sollte.

Seitdem bemühen sich Deutscher Apothekerverband (DAV), Apothekenrechenzentren und AOK um Schadensbegrenzung. Eine Lösung ist bislang nicht in Sicht.

Keine Lösung für ältere Verordnungen

Die Juli-Rezepte können den Apothekern zwar noch zurückgeschickt werden. Einer ebenso einfachen Rückabwicklung der Juni-Verordnungen aber scheint sich die in Rabattvertrags-Angelegenheiten federführende AOK Baden Württemberg zu widersetzen.

So dementierte die Kasse kürzlich gegenüber der Apothekerzeitung DAZ, mit dem DAV eine entsprechende Lösung zu verhandeln. Bleibt die AOK hart, droht den Apothekern die Null-Retaxierung sowie eine Rechnung über den gesetzlichen Herstellerrabatt.

Hintergrund der falsch bedruckten Rezepte sind Lieferschwierigkeiten der pharmazeutischen Unternehmen.

Da die letzten Entscheidungen der Vergabekammern zur jüngsten AOK Rabattausschreibung erst Mitte Mai erfolgten, blieb vielen Industrie-Partnern kaum Zeit, mit ihren Produkten pünktlich zum Vertragsstart 1. Juni großvolumig im Handel zu sein.

Bei betapharm kam erschwerend hinzu, dass man Metoprolol bis dato in Deutschland gar nicht vertrieben hatte. Die AOK-Ausschreibung erlaubte jedoch auch eine Angebotsabgabe vor Markteinführung. Betapharm kündigte unterdessen an, Anfang September lieferfähig zu sein.

Sonder-PZN ermöglicht Abgabe anderer Präparate

Um besagter Schwierigkeiten Herr zu werden, hatten AOK und DAV eine Friedenspflicht bis Ende Juli vereinbart, die mittlerweile bis Ende August verlängert wurde.

Demnach können Apotheker Lieferdefekte mittels einer Sonder-PZN auf dem Rezept anzeigen und dann einen preisgünstigen Wirkstoff eines anderen Herstellers abgeben.

Warum die Apotheker dennoch falsch bedruckte Rezepte in die Abrechnung gaben, ist ein Rätsel. Einen finanziellen Nutzen haben sie davon nicht.

Selbst der Apothekerverband ABDA sucht nach der Antwort. Ein Sprecher spekuliert, es könnte an Voreinstellungen in der Apotheken-EDV liegen oder an den Arbeitsabläufen in der Offizin.

Rezepte würden zunächst mit dem bereits gelisteten betapharm-Metoprolol bedruckt, anschließend beim Großhandel bestellt, nach dessen Rückmeldung über die Nicht-Verfügbarkeit aber vergessen, die Rezepte entsprechend der tatsächlichen Produktabgabe zu korrigieren.

Die Hälfte aller Apotheken betroffen

Das freilich in großem Stil: Laut betapharm stehen hinter den 30.000 falschen Metoprolol-Rezepten nicht weniger als 12.000 Apotheken, also mehr als die Hälfte aller Ladenapotheken hierzulande.

Die meisten hätten nur ein- bis viermal geschludert, heißt es. Rund ein Viertel jedoch zehnmal und häufiger. Den Vogel abgeschossen hatte ein Apotheker, der laut Rezeptbedruckung allein im Juni 70 mal den nicht verfügbaren betapharm-Blutdrucksenker abgegeben haben will.

So lapidar sich die Sache in dieser Perspektive darstellt, sie hat doch eine weitaus brisantere, über die bislang in der Branche nicht laut geredet wird.

Kein neues Phänomen?

Wenn es sich bei falsch dokumentierter Medikamentenabgabe um eine schlechte Angewohnheit handelt, von der jetzt nur ein Fall sichtbar wurde, dann wurden und werden immer wieder mal Pharmaunternehmen für GKV- und Individualrabatte zur Kasse gebeten, denen gar kein Produktumsatz zugrunde lag. Von Haftungsfragen und der Sicherheit der Arzneimittelabgabe ganz zu schweigen.

Ein ehemaliger Pharmamanager (der Name ist der Redaktion bekannt) bestätigt, dass es "einzelne Apotheken gibt, die das relativ oft machen". Die Kassen "vermuten schon lange, dass es das gibt, konnten es aber bisher nicht beweisen".

Auch der DAV habe sich schon mehrfach veranlasst gesehen, "seine Leute darauf hinzuweisen, die Abgabe korrekt zu dokumentieren".

Allerdings habe es bisher nie so massive Differenzen zwischen Produktumsätzen und -rabatten gegeben, dass es einem Hersteller aufgefallen wäre.

Lesen Sie dazu auch:
AOK droht Apothekern mit dem Staatsanwalt

[19.08.2011, 09:08:50]
Dr. Christof Rheinert 
selber schuld
wer einen solchen pseudo-marktwirtschaftlichen Schwachsinn betreibt als Krankenkasse und Zuschläge für Medikamente erteilt, die noch nicht in Produktion sind, sollte auf dem Schaden sitzen bleiben. Diese Form der Patienten- und Behandlerentmündigung gehört auf den Müll! zum Beitrag »

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