Ärzte Zeitung, 17.11.2011

Retaxwut ärgert Ärzte und Apotheker

Ein Bericht über kleinliche Null-Retaxationen bei BtM-Rezepten in der "Ärzte Zeitung" hat Ärzte und Apotheker zur Diskussion angeregt. Denn im schlimmsten Fall könnte die schnelle Versorgung schwerkranker Patienten gefährdet sein.

Von Ruth Ney

Retaxwut der Kassen ärgert Arzt und Apotheker

Zankapfel BtM: Was muss genau auf den Rezepten ausgefüllt werden?

© Jochen Tack / imago

NEU-ISENBURG. Anlass für die aktuelle Debatte ist die systematische Kontrolle von Betäubungsmittelrezepten vor allem der BKK Novitas und einiger anderer Betriebskrankenkassen.

Meist werden sie bei ärztlichen Verschreibungsfehlern fündig, die nach Ansicht der Kassen eine Korrektur des Rezepts oder eine Nichtbelieferung hätte nach sich ziehen müssen.

Ein Apotheker mahnt daher in seinem Kommentar im Internet das Verständnis ärztlicher Kollegen an, wenn Apotheken um Korrekturen bei den Rezepten bäten.

Schludrig ausgefüllte Rezepte

Denn die von den Krankenkassen kritisierten Formfehler bei BtM-Rezepten gingen vorwiegend auf eine Nichtbeachtung ärztlicher Vorschriften zurück.

Unklar ist dabei offensichtlich, was Kassen überhaupt beanstanden dürfen, wie aus dem Leserbrief eines Arztes hervorgeht.

Nach Ansicht von Dr. Heinz-Uwe Dettling, Rechtsanwalt aus Stuttgart, schießen Krankenkassen mit den Beanstandungen weit über das Ziel hinaus.

Beanstandung nicht vom Recht gedeckt?

"Die Beanstandungen lassen sich vielfach gar nicht mit der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung begründen", erläuterte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Kritisch sieht er auch die Praxis der Null-Retaxation an sich, die auf einer verfehlten Rechtsprechung des Bundessozialgerichts beruhe.

"Ein Geldzurück und gleichzeitiges Behaltendürfen der Leistung gibt es sonst nirgendwo in der gesamten Rechtsordnung", betonte er.

Rechtswidrige Retaxationen

Die Versuche einiger Krankenkassen, die Rechtsprechung zur Null-Retaxation mit unberechtigten oder bagatellartigen Beanstandungen auszunutzen, um Leistungen in Anspruch zu nehmen und deren Zahlungen zu verweigern, verurteilte er als "Auswüchse".

Auch der Pharmarechtsexperte Professor Elmar Mand aus Marburg äußert sich skeptisch gegenüber dem Verhalten der Krankenkasse bei Null-Retaxationen.

"Viele Retaxationen sind nicht nur rechtswidrig, sondern marktstarke Krankenkassen verstoßen auch gegen das kartellrechtliche Missbrauchsverbot gemäß den Paragrafen 19, 20 GWB."

Mand betonte allerdings auch, dass die - auch formal - extrem strengen Anforderungen bei BtM-Verordnungen zu recht gälten. "Hier ist kein Raum für Nachlässigkeiten, wie klein diese auch sein mögen", so der Jurist.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kontrollterror gefährdet Patienten

[17.11.2011, 10:57:00]
Reinhard Bangert 
Patientensicherheit und gesunder Menschenverstand zählt in Wahrheit nicht mehr!
Unbestritten ist, das insbesondere die Vorschriften der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung dazu dienen, die Versorgung der meist schwer kranken Patienten sicher zu machen (indem z. B. die Angabe der Gebrauchsanweisung auf dem Rezept oder in schriftlicher Form durch den Arzt vorgeschrieben ist) sowie Arzneimittelmissbrauch und Rezeptfälschungen zu verhindern (indem z. B. nachträgliche Änderungen durch den Arzt einer zweiten Unterschrift bedürfen). Dies ist auch sinnvoll, wenn z. B. der Arzt einen Fehler (falsche Stärke oder Stückzahl verordnet usw.) nachträglich korrigiert.

Vollabsetzungen (= komplette Nichtbezahlung der ganzen Verordnung!) wurden allerdings auch in solchen Fällen seitens einiger besonders retaxwütiger Kassen vorgenommen, wenn
1) die handschriftlich hinzugefügte Telefonnummer des Arztes
2) eine sichtbar mit Handschrift des Arztes hinzugefügte Dosierung
3) ein sichtbar mit Handschrift des Arztes hinzugefügtes "A"
auf einem ansonsten mit PC gedruckten Rezept nicht nochmals mit einer zweiten(!) Unterschrift des Arztes und Datum abgezeichnet war!

Ausserdem Vollabsetzungen, wenn
4) "gemäss ärztlicher Anweisung" statt "gemäss schriftlicher Anweisung"
5) "alle 3 Tage" statt "alle 3 Tage 1 Pflaster"
6) "2x1" oder "1-0-1" statt "2 x tgl. 1 Tbl."
7) "bei Bedarf" statt "bei Bedarf bis zu ... x tgl. .... Tbl"
angegeben war!

Ausserdem Vollabsetzungen, wenn
8) bei Gemeinschaftspraxen, MVZ, Klinikambulanzen der verordnende Arzt nicht namentlich mit Berufsbezeichnung genannt oder im Stempel gekennzeichnet wurde!

Viele Ärzte-EDV-Systeme gestatten gar nicht die komplette Ausfertigung aller Angaben mit dem PC, so dass zwangsläufig handschriftliche Ergänzungen durch den Arzt erforderlich sind. Laut Ansicht der Kassen ist in solchen Fällen stets eine zweite Unterschrift des Arztes erforderlich!

Insbesondere mit dem seitens der Kassen vorgeschobenen Scheinargument der "Patientensicherheit" hat das nur so viel zu zun, als dass der Patient absolut "sicher" sein kann, seine dringend benötigten Medikamente nicht mehr sofort zu erhalten. Kaum ein BTM-Rezept erfüllt nämlich 100%ig ALLE oben genannten Anforderungen, so dass - um spätere Nichtbezahlung nicht zu riskieren - VOR Belieferung eigentlich alle Angaben korrigiert bzw. zusätzlich vom Arzt abgezeichnet werden müssten, was weder den Apotheken noch den Patienten zumutbar ist.

Mit Augenmass oder gesundem Menschenverstand und insbesondere vertragsPARTNERschaftlichem Verhalten hat dies nichts mehr zu tun. Gleichfalls nicht mit den Eingangs erläuterten Intentionen des Gesetzgebers, der die BTMVV formuliert hat.

Es scheint vielmehr so, als ob hier insbesondere auf dem Rücken der Patienten - und zu Lasten der eigentlichen Leistungserbringer, nämlich der Apotheker und Ärzte - einige Krankenkassen versuchen, sich um die Bezahlung erbrachter Leistungen zu drücken. Dass sich hier insbesondere Kassen hervortun, die bereits aufgrund ihrer prekären wirtschaftlichen Lage gezwungen sind, Zusatzbeiträge zu erheben, scheint diese Vermutung nur zu bestätigen.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »