Ärzte Zeitung online, 06.03.2012

Tödlicher Arztbesuch

Ein Rentner erschießt in der Westpfalz zwei Hausärzte und sich selbst. Zu den Ärzten soll der offenbar Schwerkranke ein gutes Verhältnis gehabt haben. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel.

Von Denis Nößler

Tod in der Arztpraxis

Blumen und Kerzen in Weilerbach: Ein Renter hat in dem kleinen Ort in der Pfalz am Montag zwei Hausärzte und sich selbst erschossen.

© Uwe Anspach / dpa

WEILERBACH. Wieder erlangt ein kleiner Ort traurige Berühmtheit: Im westpfälzischen Weilerbach, nur wenige Kilometer nördlich von Kaiserslautern, hat ein Mann zwei Hausärzte erschossen.

Die Bürger sind entsetzt über die Bluttat und darüber, dass ihnen zwei Menschen genommen wurden, "die sich für die Menschen im Ort aufgeopfert haben", wie es eine Anwohnerin nennt.

Die Ärzteschaft ist fassungslos über den gewaltsamen Tod und ringt nach Worten. Und alle fragen sich: Warum?

Auf diese Antwort hatten Staatsanwälte und Polizei auch am Dienstag, einen Tag nach dem Verbrechen, noch immer keine Antwort: "Wir haben kein Hinweis auf ein Tatmotiv", sagte Hans Maaßen vom Polizeipräsidium Westpfalz am Dienstag in Kaiserslautern.

Mit zwei Waffen in die Praxis

Rückblende: Am Montag gegen 16 Uhr betritt ein 78-jähriger Rentner die Gemeinschaftspraxis der beiden Allgemeinärzte Peter und Alexander M. in der Friedenstraße 5 in Weilerbach.

Sie arbeiten zusammen mit sechs weiteren Ärzten in einem Ärztehaus. In dem Ort haben sich insgesamt neun Ärzte niedergelassen.

Der Rentner ist ein alter Bekannter: Seit Jahren leidet er an einer Krebserkrankung, weswegen er bei Alexander M. in Behandlung ist. Der Mann hat für den Tag keinen Termin vereinbart, zahlt seine zehn Euro Praxisgebühr und nimmt im Wartezimmer Platz.

Die anderen Patienten werden später der Polizei berichten, dass sie nicht Auffälliges an ihm festgestellt haben. Lediglich über die Wartezeit habe er sich kurz beklagt.

Schließlich wird er in das Behandlungszimmer von Alexander M. gebeten. Wenige Minuten später hören die Praxismitarbeiter und Patienten Geschrei aus dem Zimmer.

Der Internist Friedrich K. wird auf den Tumult aufmerksam und geht in das Behandlungszimmer. Dort sieht er Alexander M. auf dem Boden liegen und den Rentner mit einer Pistole in der Hand. Die Polizei wird sie später als Walther PPK 7,65 Millimeter identifizieren. Durch sein beherztes Eingreifen kann K. die Waffe an sich reißen.

Währenddessen kommt Peter M., Berichten zufolge der Onkel von Alexander M., in das Behandlungszimmer. Mit einer zweiten Waffe, einer Walther P1, streckt der Rentner auch ihn nieder. Eine Arzthelferin wird von einem Streifschuss am Rücken verletzt.

Täter flüchtet in seine Wohnung

Der 78-Jährige nimmt mit einem Motorroller die Flucht auf und verschanzt sich in seiner Wohnung, die nur zwei Kilometer vom Tatort entfernt liegt.

Inzwischen sind längst die Rettungskräfte alarmiert. Die Polizei rückt mit einem Großaufgebot und Helikoptern an. Das Gebiet wird weiträumig abgesperrt.

In der Praxis versuchen die anwesenden Ärzte und Rettungskräfte, Alexander und Peter M. zu reanimieren - vergebens. Beide erliegen eine Stunde später ihren Verletzungen.

Was zu dem Zeitpunkt noch keiner weiß: Auch der Rentner ist tot. Mit einem Kopfschuss hat er sich in seiner Wohnung selbst gerichtet. Kurz vor sechs Uhr finden die Beamten eines Sondereinsatzkommandos ihn tot in einem Stuhl.

Zuvor hatte er aus dem Küchenfenster geschossen und damit einen Polizeibeamten am Hals verletzt.

Auf einem Tisch liegt ein Abschiedsbrief: "Mein Sohn soll alles regeln. Ich will kein Grab. Ich will verbrannt werden und will keine Urne. Es sollen keine Erinnerungen übrig bleiben." Kein Motiv, kein Bedauern.

Waffennarr? Hass auf die Ärzte?

Was war der Rentner für ein Mensch? War er ein schießwütiger Waffennarr? "Bislang ist der Täter nicht in Erscheinung getreten", sagt die Polizei.

Fakt ist: In einem Tresor fanden die Beamten neun Waffen: sechs Gewehre. die Polizei spricht von Langwaffen, und drei Pistolen. Weder besaß er einen Waffenschein noch die nötigen Waffenbesitzkarten.

Hatte er einen Hass auf seine Ärzte? "Mit seinem behandelnden Arzt Alexander M. muss er ein recht freundliches Verhältnis gehabt haben", sagt die Polizei. "Als Patient ist er nie negativ aufgefallen", sagt Oberstaatsanwalt Hans Bachmann.

Aber der Rentner soll auch über seine Krankheit und die Ärzte geklagt haben. Fakt ist: Er litt seit Jahren an einer schweren Krebserkrankung.

War der alte Mann vielleicht verstört? "In den letzten Jahren ist er öfter mit Nachbarn und Mietern in Streit geraten", sagt die Polizei. Es sei um Banalitäten gegangen, etwa um den Schnitt der Hecken.

Nachbarn sagen aber auch, der Rentner sei zunehmend verwirrt und schwierig gewesen. Fakt ist: Am 16. Februar hat er zuletzt die Polizei gerufen und sich beschwert, dass sein Fernsehbild flimmere.

Seine Vermutung damals: Die Nachbarin "schickt Strahlen". Er leide deswegen unter Herzrasen, Schweißausbrüchen und Atembeschwerden.

Das Gesundheitsamt und der sozialpsychiatrische Dienst wurden eingeschalten. Es soll Besuchstermine gegeben haben. Einen Grund zur Einweisung in eine Klinik gab es den Behörden zufolge nicht.

"Alle Fachleute haben das so gesehen, dass auf keinen Fall eine Zwangsmaßnahme nötig ist", sagt der Kreisbeigeordnete Gerhard Müller. Zwangseinweisungen sind ohnehin schwer und nur in Fällen von potenzieller "Eigen- oder Fremdgefährdung" möglich.

Ein Sonderling

"Der Rentner muss als Sonderling aufgetreten sein", sagt Polizeidirektor Maaßen. Von einer Wesensveränderung in den letzten Monaten ist die Rede. Immer wieder soll er zuletzt die Polizei wegen mutmaßlichen "Strahlenangriffen aus der Nachbarschaft" eingeschaltet haben.

In seiner geräumigen Wohnung, in der alleine, seit mehr als 20 Jahren getrennt von Frau und Kindern lebte, soll er sich zunehmend unwohl gefühlt haben. In der Nacht zum Montag soll er sich ein Hotelzimmer genommen haben.

Doch all das führt die Ermittler zu keinem Motiv. "Die Sache muss wohl so bewertet werden, dass das Ereignis unvorhersehbar gewesen ist", sagt Staatsanwalt Bachmann.

Der leitende Oberstaatsanwalt Helmut Bleh spricht von einer "wahnhaften Persönlichkeitsstörung". So etwas komme immer wieder vor. "Dieser Ausbruch ist womöglich darauf zurückzuführen, dass er sein gesamtes Umfeld als feindselig betrachtet hat."

Doch auch das ist kein Motiv. Bleh: "Wir wissen einfach zu wenig." Und: "Wir können diesen Mann nicht mehr fragen."

"Hausärzte aus tiefster Überzeugung"

Entsetzen, Ratlosigkeit, tiefe Anteilnahme: Die Bundesärztekammer sowie Kammer und KV Rheinland-Pfalz haben sich zutiefst bestürzt über den gewaltsamen Tod von zwei Ärzten in Weilerbach geäußert. "Auch wenn wir den Schmerz kaum ermessen können, sind unsere Gedanken in diesen schweren Stunden bei den Familien", sagte der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Frank Ulrich Montgomery.

Die KV weist in einer Mitteilung darauf hin, dass die beiden Ärzte in ihrer Gemeinde fest verankert waren. "Sie versorgten die Einwohner auch in den Nachbargemeinden nicht nur medizinisch, sondern waren Hausärzte aus tiefster Überzeugung, das heißt, sie waren auch Ansprechpartner und Vertrauenspersonen in nicht-medizinischen Fragen", heißt es weiter.

Die KV Rheinland-Pfalz werde alles in ihrer Macht stehende tun, um die Versorgung in der betroffenen Region zu gewährleisten. Sie teile mit allen Kollegen in Rheinland-Pfalz die Fassungslosigkeit und tiefe Trauer über "dieses wahrhaft sinnlose Verbrechen."

Auch die Landesärztekammer drückte in einer Stellungnahme den Angehörigen der Opfer ihr tiefstes Mitgefühl aus: Der gewaltsame Tod hinterlasse "sowohl eine kollegiale als auch eine menschliche Lücke, beide Ärzte waren bei ihren Patienten sehr beliebt". (fuh)

Die Gemeinde Weilerbach in der Pfalz

Die Gemeinde Weilerbach bildet mit acht weiteren Orten die Verbandsgemeinde Weilerbach. Der Ort gehört zum Landkreis Kaiserslautern. In Weilerbach leben rund 4500 Einwohner. Hier sitzt die Verwaltung der acht Orte. Im Dorf selbst praktizierten zwei Allgemeinärzte, eine praktische Ärztin und ein Internist. Außerdem gibt es eine gynäkologische Praxis, einen Augenarzt, zwei Zahnärzte und eine Radiologin.

In Weilerbach baut das US-Militär für rund 750 Millionen Dollar (558 Millionen Euro) ein neues Militärkrankenhaus. Der Neubau soll das in die Jahre gekommene US-Hospital im nahe gelegenen Landstuhl ersetzen und damit zentrale medizinische Anlaufstelle für US-Militärangehörige und ihre Familien in Europa, im Nahen Osten und in Afrika werden. Die ersten Bagger in Weilerbach sollen bis März 2013 auf das Baugelände, ein ehemaliges Munitionsdepot, rollen. Bis September 2019 soll die Klinik fertig sein.

"Wir alle hätten nie für möglich gehalten, dass so etwas bei uns passieren kann", schreibt die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Weilerbach, Anja Pfeiffer (CDU), auf der Internetseite der Gemeinde. "Die beiden Ärzte waren ein wichtiger Teil unserer Verbandsgemeinde. Für viele waren sie mehr als Mediziner, sie waren Seelsorger und Freunde", schreibt Pfeiffer weiter. Die Gemeinde hat ein Bürgertelefon eingerichtet. (bee)

Chronologie: Schüsse in Praxen und Kliniken

19. September 2010: Eine 41 Jahre alte Rechtsanwältin und frühere Sportschützin erschießt in Lörrach ihren Sohn und ihren Mann sowie einen Pfleger im örtlichen Krankenhaus, bevor Polizisten die Frau im Krankenhausflur erschießen.

17. Februar 2005: Ein 26-Jähriger erschießt einen Zahnarzt im nordrhein-westfälischen Oelde. Sein Motiv bleibt im Unklaren.

15. Mai 2003: Zwei Ärzte in zwei verschiedenen Arztpraxen werden Opfer eines 69 Jahre alten Schützen in Ludwigshafen, der wie seine Frau bei den Medizinern in Behandlung war. Er erschießt auch seine Frau und tötet sich selbst.

23. Dezember 2002: Ein 52-jähriger Sozialhilfeempfänger tötet in einer Kinderarztpraxis den 61-jährigen Mediziner, seine Frau (66) und eine Arzthelferin (24).

11. Oktober 2001: Ein 21-Jähriger erschießt in einer Arztpraxis in Melle seine Ex-Freundin und deren Arbeitskollegin. Er wird später wegen doppelten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt.

26. August 1999: Ein 52 Jahre alter Mann erschießt nach einem Streit seine Freundin und eine Arzthelferin in der Praxis eines Nervenarztes in Berlin.

27. Mai 1999: Ein ehemaliger Pa tient des Klinikums Ludwigshafen erschießt den Direktor der Hals-Nase-Ohren-Abteilung, weil er seine Nase nach einer Operation zu hässlich fand.

3. März 1999: Vor einem Bochumer Krankenhaus schießt ein 69 Jahre alter Mann auf einen 57-jährigen Krebsspezialisten und verletzt ihn schwer. Der Täter hatte den Arzt für den Krebstod seiner Frau verantwortlich gemacht.

28. Mai 1998: Ein geisteskranker Mann erschießt einen 49 Jahre alten Röntgenarzt in dessen Kieler Praxis. Der 30 Jahre alte Täter hatte über einen angeblich in seinen Kopf eingebauten Computer geklagt. (eb)

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