Ärzte Zeitung online, 21.03.2013

Göttinger Transplantationsmediziner

Nächste Haftbeschwerde abgelehnt

Der Göttinger Transplantationsmediziner bleibt in U-Haft. Auch die Richter des Oberlandesgerichts Braunschweig lehnen seine Haftbeschwerde ab - weil sie einen dringenden Tatverdacht des versuchten Totschlags in acht Fällen sehen.

Nächste Haftbeschwerde abgelehnt

Die Ungereimtheiten um den Göttinger Transplantationsmediziner in Zusammenhang mit Lebertransplantationen werden vor Gericht geklärt.

© Julian Stratenschulte / dpa/Ini

GÖTTINGEN. Der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum, Aiman O., muss weiter in Untersuchungshaft bleiben. Das hat am Mittwoch das Oberlandesgericht Braunschweig entschieden.

Der 1. Strafsenat wies damit eine weitere Beschwerde des Mediziners gegen den Haftbefehl des Amtsgerichts Braunschweig als unbegründet zurück. Damit war er bereits vor dem Landgericht Braunschweig gescheitert. Der 45-Jährige war am 11. Januar an seinem Wohnort in Göttingen festgenommen worden.

Dringender Tatverdacht in acht Fällen

Das OLG habe in insgesamt acht Fällen den dringenden Tatverdacht des versuchten Totschlags bejaht, teilte ein Gerichtssprecher mit.

So gebe es deutliche Anhaltspunkte dafür, dass der Chirurg das Zuteilungsverfahren für die Organverteilung systematisch durch Falschangaben beeinflusst habe, um seinen eigenen Patienten bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen.

Als Mediziner habe er gewusst, dass durch solche Manipulationen andere Patienten, die dringend auf ein Organ angewiesen waren, sterben könnten.

Der Senat hält es für "dringend wahrscheinlich", dass er diese möglichen Folgen billigend in Kauf genommen und somit mit Tötungsvorsatz gehandelt hat.

Nach Ansicht der Richter besteht der dringende Verdacht, dass der Arzt fälschlicherweise Patienten gegenüber der zentralen Vergabestelle von Spenderorganen "Eurotransplant" als dialysepflichtig gemeldet hat. Dies ergebe sich aus dem Bericht einer Prüfungskommission.

Außerdem sei bei der Meldung mehrerer alkoholabhängiger Patienten für die Warteliste "planmäßig unbeachtet" gelassen worden, dass die vorgeschriebene Karenzzeit noch nicht abgelaufen war.

Nicht Aufgabe des Chirurgen

Die Richter verwiesen außerdem darauf, dass die "beim Beschuldigten offenbar vorhandene Vorstellung, einem Patienten mit besserer Lebenserwartung zulasten eines Menschen mit geringerer Lebenserwartung helfen zu dürfen", der Rechtsordnung widerspreche.

Die Auswahl der geeigneten Empfänger eines Spenderorgans sei gerade nicht Aufgabe des Chirurgen gewesen, der im Übrigen über die Krankheitsgeschichte der anderen Patienten gar nicht informiert gewesen sei. Über die Zuteilung habe allein Eurotransplant zu entscheiden gehabt. (pid)

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[16.07.2013, 21:35:51]
Barbara Tolle 
Der Vorwurf des versuchten Totschlags ist m. E. an den Haaren herbeigezogen,
und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen muss m.E. für jeden einzelnen Pat. nachgewiesen werden, dass der manipulierte Empfänger in den Genuss eines Organs kam, das einem vielleicht schwerer Erkrankten zugestanden hätte. Denn ein in der Allokation befindliches Organ muss ja nicht nur z.B. in der Blutgruppe, sondern z.B. auch in der Größe in etwa zum potentiellen Empfänger passen. D.h. ein Organangebot für einen bestimmten Empfänger bedeutet noch nicht, dass es auch tatsächlich bei diesem zur Transplantation kommt.

Darüber hinaus ist hier auch die totale "MELD-Gläubigkeit" der Deutschen gerade bei schwerst Leberkranken ein Problem - in anderen Ländern spielt auch die Wartezeit eine Rolle bei der Organzuteilung -: Der MELD-Score wird logarithmisch aus den aktuellen Laborwerten von Serum-Kreatinin, Serum-Bilirubin und INR gebildet.

Wenn es einem Patienten schlecht geht, wird ein Arzt alles daran setzen, dass diese Werte durch Medikamente annähernd normal stabil gehalten werden. Das aber hat zur Folge, dass der Patient, gleichwohl sterbenskrank, einen relativ niedrigen MELD-Wert von z.T. unter 10 hat (der schlechteste Score ist 40)!

Nun hat der Arzt die Wahl zwischen Scylla und Charybdis: Entweder er lässt den Pat. unbehandelt, damit sein MELD-Score hoch wird oder bleibt, was ethisch höchst verwerflich ist, oder er meldet ihn so, als ob er unbehandelt wäre, sprich, er manipuliert die Laborwerte entsprechend, was auch in meinen Augen kriminell ist. So what?

Dr Nachweis, dass sehr kranke Patienten zum Nachteil vielleicht noch kränkerer, aber vielleicht auch nur schlechter eingestellter Patienten, bevorzugt Organe erhielten, dürfte nur sehr schwer zu führen sein! zum Beitrag »

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