Ärzte Zeitung App, 31.12.2013

Arzneiverordnung

Viel hilft meist eher weniger

Viele Versicherte werden von mehr als einem Hausarzt und von mehreren Fachärzten behandelt. Ein Beispiel der Knappschaft-Bahn-See zeigt: Dies führt nicht selten zu Über- und Fehlverordnungen.

Von Kerstin Kilian

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Rezept: Zu oft und zu viel?

© Rolf Richter / fotolia.com

HAMBURG. "Die Versichertengemeinschaft der Knappschaft spiegelt die demografische Struktur Deutschlands in 20 Jahren wieder. Der Altersdurchschnitt unserer 1,7 Millionen Versicherten liegt bei 58 Jahren, die Mortalität bei 2,65 Prozent und die Pflegeprävalenz bei knapp zehn Prozent", skizziert Dr. Georg Greve, erster Direktor der Knappschaft-Bahn-See, das Profil seiner Krankenkasse.

Das hervorstechende Problem seiner Versicherten: ein eklatanter Mangel der Verordnungsprozesse, der zu Über- und Fehlverordnung führt und die Patienten erheblichen und vermeidbaren Arzneimittelinteraktionen aussetzt.

Denn jeder stationär behandelte Versicherte der Knappschaft wird im Durchschnitt von sieben niedergelassenen Ärzten ambulant betreut und erhält Arzneiverordnungen für rund neun Wirkstoffe pro Jahr. Fast die Hälfte dieser Patienten wird innerhalb von zwölf Monaten erneut stationär behandelt.

Viele Ärzte lassen Kosten steigen

Eine Analyse der Anzahl der behandelnden Ärzte je Versicherten hatte für das Jahr 2010 sogar ergeben, dass lediglich zehn Prozent der Versicherten von nur einem Haus- oder einem Facharzt behandelt werden. 27 Prozent der Versicherten sind dagegen bei mehr als einem Hausarzt und zwischen fünf und zehn Fachärzten in Behandlung.

Ein konkretes und - für seine Klientel - nicht untypisches Beispiel: Herr X ist 59 Jahre und leidet an Diabetes, koronarer Herzkrankheit und Hypertonie. Allein im Jahr 2012 suchte der Patient insgesamt neun Ärzte auf, darunter fünf Hausärzte, einen Dermatologen, einen Augenarzt, einen Orthopäden und einen HNO-Arzt.

Zusätzlich erfolgte eine stationäre Einweisung in ein Krankenhaus. Insgesamt verordneten ihm die Ärzte 17 Wirkstoffe. Die Gesamtkosten der Behandlung beliefen sich auf 8305 Euro.

Greve: "Je mehr Ärzte einen Patienten behandeln, desto höher ist die Anzahl der verordneten Arzneimittel, ist häufig auch die Anzahl der vermeidbaren Interaktionen und sind natürlich auch die Arzneimittelkosten."

Mit Anstieg der Zahl der verordnenden Ärzte schießen die Arzneimittelinteraktionen in beängstigende Höhen: Für 145.000 Versicherte, die mindestens eine von zwölf schwerwiegenden Interaktionen von Arzneimitteln aufweisen, ist aus seiner Sicht ein besonders Monitoring erforderlich.

Greve nennt ein weiteres Beispiel, das seinen Wunsch nach koordinierter Verordnung unterstreicht: Hierfür verweist er auf zwei seiner Versicherten mit einem vergleichbaren Krankheitsbild: Beide sind 68 Jahre alt, an Diabetes mellitus Typ 2 ohne Komplikationen und an chronischer Herzinsuffizienz erkrankt.

Die eine wurde von vier Hausärzten behandelt, erhielt 15 Wirkstoffe und verursachte Kosten von 1074 Euro pro Jahr. Die andere erhielt von nur einem Hausarzt drei Wirkstoffe im Wert von 256 Euro pro Jahr.

Medikationsmanagement fehlt

"Hier zeigt sich, dass für den Patienten von Vorteil ist, wenn die Medikation in nur einer Hand liegt bzw. gesteuert wird. Denn viel hilft zumeist eher weniger", weiß Greve. Die Gefahr von Arzneimittelinteraktionen steigt ab vier Arzneimitteln deutlich an.

Aber ein bundesweit funktionierendes Medikationsmanagement fehlt nach wie vor in Deutschland. Und nach den für ihn dürftigen Ergebnissen der gematik in Sachen elektronischer Patientenakte hat die Knappschaft aus "schierer Not des Kostendrucks", wie Greve formuliert, eine eigene Lösung entwickelt.

Für Versicherte, die ihre Einwilligung erteilt haben, insbesondere für die rund 250.000 Versicherten in den integrierten Versorgungssystemen der Knappschaft, hat die Krankenkasse ein Arzneimitteldossier, auch elektronische Behandlungsinformation (eBI) genannt, erstellt. Dieses kommt etwa zum Einsatz, wenn die Patienten in die Klinik eingewiesen werden.

Mit dem eBI erhalten die Klinikärzte das Wissen über Vorerkrankungen, über aktuelle und frühere Arzneimitteltherapien und über frühere stationäre Behandlungen und ambulant betreuende Ärzte. Dabei handelt es sich um eine komplette Behandlungshistorie.

Die Leistungserbringer erhalten das Dossier auf elektronischem Wege als Datei über eine, dem Online-Banking vergleichbare, gesicherte Internettechnologie. Kooperierende Krankenhäuser und Ärzte haben direkten Zugriff auf diese Information und können diese fortschreiben.

Das Projekt nimmt keinen Einfluss auf die Behandlung im Krankenhaus und schränkt die Therapiefreiheit der Ärzte in keiner Weise ein, wie Greve betont. Es behebt aber existierende Informationsdefizite zum Wohle der Patienten und unterstützt die Kompetenz der Behandler.

Künftig ist beabsichtigt, niedergelassene Ärzte mit einzubeziehen und den konsolidierten Medikationsplan z.B. nicht nur dem Krankenhaus, sondern allen Behandlern zugänglich zu machen. Vermeidbare Risiken der Arzneitherapie sollen so effektiv vermindert werden.

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