Ärzte Zeitung, 09.11.2015

Medikamentenreste

Endstation Klo? So nicht!

Durch die Landwirtschaft und die Entsorgung von Medikamentenresten im Klo landen Pharma-Wirkstoffe im Trinkwasser. Spezielle Sammelsysteme für Altmedikamente haben einen schweren Stand. Das Unternehmen Reclay kämpft trotzdem weiter.

Von Christoph Winnat

HERBORN. Nachhaltigkeit ist in. Doch nicht selten nur auf dem Papier. Was die Entsorgung von Altmedikamenten betrifft, könnten die Dinge besser stehen. Meint jedenfalls Dorothee Stamm, Pressesprecherin der mittelständischen Reclay Group. Das Unternehmen betreibt das Rücknahmesystem für Altmedikamente "Remedica".

Bis zur Novellierung der Verpackungsverordnung 2009 waren knapp 16.000 öffentliche Apotheken angeschlossen. Finanziert wurde das System von Pharmaherstellern, die im Rahmen einer Selbstentsorgerlösung sowohl für die Entsorgung der Verpackungsmaterialien als auch der Altmedikamente aufkamen.

Mit der 5. Novelle der Verpackungsverordnung wurden die Arzneimittelhersteller jedoch verpflichtet, die Entsorgung der Verpackungen über ein duales System zu organisieren. "Die Selbstentsorgerlösung über Apotheken fiel weg", so Stamm. In der Konsequenz zogen sich die Firmen aus der Remedica-Finanzierung zurück, erläutert Stamm im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Seither gilt die Restmülltonne als gleichsam alleiniger amtlicher Entsorgungsweg für Medikamentenreste.

Nur noch einen Euro pro Sack

Und Reclay betrieb fortan sein System mit den Apotheken alleine weiter, die nun für die bereitgestellten Entsorgungsbehältnisse bezahlen mussten. Nicht viel: Fünf Euro kostete etwa ein 40-Liter-Sack, in dem Tabletten, Cremes, Tuben oder Blister mit Inhalt gesammelt werden.

Vielen Offizinbetreibern war das anscheinend noch zu teuer. Daneben habe auch die Möglichkeit, Altmedikamente über die Restmülltonne zu entsorgen, zum Rückgang geführt: Von einst 16.000 teilnehmenden Apotheken blieben nur noch 3500 Freiwillige bei der Stange.

Obgleich, wie Pressesprecherin Stamm versichert, mit der Rücknahme von Altmedikamenten kein Geld verdient wird - "wir versuchen, die schwarze Null zu schreiben" - halte man an dem einst aufwändig etablierten System fest. Nicht zuletzt profitiere man in Verkaufsgesprächen mit gewerblichen Kunden von dem Know-how-Ausweis und dem Imagegewinn durch Remedica, so Stamm.

Um der Sache neuen Schwung zu geben, wurden im Mai dieses Jahres die Preise drastisch gesenkt. Jetzt wird den Apothekern nur noch ein Obolus von einem Euro für den 40-Liter-Sack abverlangt. Vertriebspartner sind der Apothekenausstatter Wepa und der Großhändler Pharma Privat.

"Wir würden gerne mehr Apotheken für die Teilnahme an Remedica gewinnen und auch die Öffentlichkeit stärker für das Thema Medikamentenmüll sensibilisieren", sagt Stamm. Die Partnerakquise am Point of Sale bringt das System dem erklärten Ziel, plus minus null zu fahren, gleichwohl nicht wesentlich näher; zumal die Preise für die Sammelbehälter jetzt noch weniger kostendeckend als früher kalkuliert sind.

Daher versuche man, Pharmaunternehmen im Rahmen der, wie Stamm betont "freiwilligen Produktverantwortung" für eine Teilnahme an Remedica zu gewinnen.

Flüssige Reste gerne runtergespült

Bislang mit mäßigem Erfolg. Immerhin hat sich die Anzahl der angeschlossenen  Apotheken inzwischen auf 5000 erhöht.

Laut Umweltbundesamt gelten Substanzen wie traditionelle pflanzliche Arzneimittel, Elektrolyte, Vitamine, Peptide oder Aminosäuren "als nicht umweltrelevant". In Oberflächengewässern besonders auffällig sind nach Behördenangaben dagegen unter anderem Röntgenkontrastmittel, der Schmerzmittelwirkstoff Diclofenac, Antiepileptika, Antibiotika und Betablocker. Kläranlagen sind demnach nicht in der Lage, alle Arzneimittelrückstände restlos herauszufiltern.

Die Haupt-Eintragswege von Humanarzneimittelrückständen ins Trinkwasser sind Ausscheidung und unsachgemäße Entsorgung über Waschbecken und Toilette. Laut einer Studie des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) halten Verbraucher Pharmazeutika in flüssiger Form offenbar für besonders geeignet, einfach heruntergespült zu werden.

46,5 Prozent der Teilnehmer einer Repräsentativbefragung aus 2014 bejahten die Frage, ob sie flüssige Arzneimittel über Toilette oder Spüle entsorgten, 20 Prozent bejahten dies für Tabletten; die Werte lagen jeweils drei und fünf Prozentpunkte höher als bei einer vergleichbaren Befragung aus 2008.

Doch selbst die reguläre Entsorgung über die Restmülltonne lässt Umweltbelastungen nicht mit Gewissheit ausschließen, weiß Dorothee Stamm: "In einigen Kommunen wird der Abfall in mechanisch-biologischen Anlagen vor der Verbrennung vorbehandelt, eine vollständige Zerstörung der Wirkstoffe ist nicht sichergestellt. Sie können daher in solchen Anlagen über das Abwasser wieder in die Umwelt und den Wasserkreislauf gelangen".

Mehr Infos und eine Karte mit allen teilnehmenden Apotheken finden Sie unter diesem Link.

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