Ärzte Zeitung, 13.10.2016

Therapietreue Fehlanzeige

Fast jede fünfte Arznei wird falsch eingenommen

"Das Medikament ist wichtig", appellieren Ärzte. Patienten sehen das oft anders und bleiben verordneten Pillen absichtlich fern. Warum das so ist, haben Forscher jetzt untersucht.

Von Robert Bublak

Arznei-A.jpg

Viele von den Ärzten als wichtig eingestufte Präparate werden von Patienten nicht korrekt eingenommen.

© Robert Kneschke / fotolia.com

PARIS. Die wenigsten Ärzte dürften sich der Illusion hingeben, alle von ihnen verordneten Präparate würden von den Patienten vorschriftsgemäß eingenommen. Betrachtet man aber genauer, wie es um die Therapieadhärenz bestellt ist, überrascht das Ausmaß der Noncompliance manchmal dennoch.

Eine französische Untersuchung hat nun einen möglichen Grund für die mangelhafte Behandlungstreue offengelegt: In den Ansichten darüber, wie wichtig ein Medikament für den Patienten ist, sind Behandelte und Ärzte in vielen Fällen uneins (Ann Fam Med 2016; 14: 415–421).

Für ihre Studie haben Stéphanie Sidorkiewicz von der Université Paris Descartes und ihre Mitarbeiter 128 Patienten und deren Ärzte zur Wichtigkeit der verordneten 498 Präparate und zur Einnahmetreue befragt.

In beiden Punkten stimmten die Einschätzungen von Ärzten und Patienten nur schwach überein. Zwischen dem Grad der Wichtigkeit, die Ärzte einer Verordnung beimaßen, und dem Grad der Therapieadhärenz, von dem die Patienten berichteten, bestand gar keine Korrelation.

Meist in voller Absicht

94 (18,9 Prozent) der verordneten und von den Ärzten als wichtig eingestuften Präparate – meist Herz-Kreislauf-Medikamente, Antidiabetika und Mittel gegen Atemwegserkrankungen – wurden nicht korrekt eingenommen. In der Hälfte dieser Fälle geschah dies aus Sicht der Patienten mit voller Absicht.

Sidorkiewicz und ihr Team analysierten auch die näheren Gründe der mangelnden Adhärenz. Vergesslichkeit, Sorglosigkeit und Leere in der Pillendose werteten sie als nicht absichtliche Therapieuntreue.

Wo Patienten ihre Medikamente absichtlich nicht nahmen, gaben sie unter anderem an, ohne ihre Tabletten gehe es ihnen besser. Auch die Nebenwirkungen, eine angeblich zu große Zahl von verschriebenen Medikamenten und Zweifel, ob die Mittel überhaupt wirkten, kamen zur Sprache.

In nicht wenigen Fällen weigerten sich die Patienten einfach, die Präparate weiter zu nehmen. "Ich will damit aufhören", hieß es dann.

Forscher ermuntern zur Aufklärung

Die französischen Wissenschaftler ermuntern die Ärzte, ihre Patienten besser über die verordneten Medikamente aufzuklären. Dabei sei zu berücksichtigen, dass Patienten in erster Linie ihre Beschwerden loswerden wollten, während die Mediziner ihre Rezepte oft mit Blick auf die Abwehr chronischer Leiden ausstellten, die zu dem Zeitpunkt noch gar keine Symptome verursachten.

"Wie unsere Ergebnisse zeigen, ist es wichtig, regelmäßig für jedes einzelne langfristig verordnete Medikament zu prüfen, ob die Patienten es einnehmen", schreiben Sidorkiewicz und Kollegen in ihrem Fazit.

Bei schlechter Compliance sei das Risiko-Nutzen-Verhältnis abzuwägen und gegebenenfalls auch einmal auf eine weniger bedeutende, aber neben- und wechselwirkungsträchtige Verordnung zu verzichten.

Immerhin 13 Prozent ihrer Verordnungen hatten die an der Studie beteiligten Ärzte als nicht besonders wichtig eingestuft.

[13.10.2016, 09:41:31]
Thomas Georg Schätzler 
Verkappter ärztlicher Intelligenztest?
Mein Studienkollege Prof. Dr. med. Rainer Düsing von der Uni-Klinik Bonn hat darüber auch empirisch-experimentell geforscht und nicht nur subjektiv verzerrende Befragungen gemacht. Mittels Bewegungsmelder im Deckel von Tabletten-Dosen wurden "drug holydays", ausgedünnte Medikation, intensivierte Therapie vor Arztterminen bzw. Noncompliance und Nonadhärenz danach detektiert, aber auch Phantasie-"Messungen" mittels Teststreifen aufgeklärt, bei denen fiktive, aber glaubhafte Messergebnisse eingetragen wurden.

Dass aber in der vorliegenden französischen Studie zwischen dem hohen Grad der Wichtigkeit, die Ärzte ihren eigenen Verordnungen beimaßen, und dem Grad der Therapieadhärenz, von dem die Patienten berichteten, keinerlei Korrelationen bestanden haben, hängt doch wohl eher mit der höheren medizinischen Kompetenz, Intelligenz, Empathie und (hoffentlich) zielführend-indikationsgerechten Behandlung zusammen.

Von daher relativiert sich der Ratschlag: "Bei schlechter Compliance sei das Risiko-Nutzen-Verhältnis abzuwägen und gegebenenfalls auch einmal auf eine weniger bedeutende, aber neben- und wechselwirkungsträchtige Verordnung zu verzichten". Denn die Feststellung: "Immerhin 13 Prozent ihrer Verordnungen hatten die an der Studie beteiligten Ärzte als nicht besonders wichtig eingestuft", läuft ja eher auf einen verkappten ärztlichen Intelligenztest hinaus.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[13.10.2016, 08:59:09]
Hans-Robert Böhme 
Die Folgen einer "politischen Pharmakologie"
Hätten die verehrungwürdigen und fleissigen Forscher (über 100 Patienten !!) doch einmal den Arzneimittelforscher einer weltumspannenden Kleinkasse (,der sich auch gern Pharmakologe nennen lässt,) hinzugezogen. Der hätte ihnen erklären können, dass die mangelnde Compliance unmittelbare Folge einer die Unwissenschaftlichkeit legalisierenden Gesetzgebung (AMNOG) ist !
s.a. www.drboehmeklipha.com Informationen für Fachkreise zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »