Ärzte Zeitung, 22.11.2011

Wenn Ärzte selbst zu Patienten werden

Kommt ein Arzt-Kollege als Patient in die Praxis, gibt es eine wichtige Regel: Nicht aus der Behandlerrolle heraustreten. Sonst schleichen sich schnell Fehler in Anamnese und Diagnostik ein.

Von Ursula Armstrong

Wenn Ärzte selbst zu Patienten werden

Krank und allein gelassen - so fühlen sich Mediziner oft, wenn sie beim Arztbesuch statt als Patient als Fachkollege angesehen werden.

© iwstock / fotolia.com

Dr. Schmidt konsultiert in eigener Sache Arztkollegen. Als Person ist er für die behandelnden Ärzte beileibe nicht krank.

Er wird als mit-diagnostizierender und mit-therapierender kompetenter, also gesunder Kollege angesehen und respektiert.

Hochqualifizierte Fallbesprechung

Der aufgesuchte Arzt - gegenüber Dr. Schmidt ein bisschen befangen und unsicher - ist froh, mit dem Kollegen von Kollege zu Kollege über den gemeinsamen Fall fachlich qualifiziert diskutieren zu können.

Denn darin kennen beide sich aus, und schließlich wollen sie sich auch gegenseitig beweisen, dass sie kompetent sind und eine hochqualifizierte Fallbesprechung zu Wege bringen.

Nur: Der Fall ist dabei fast zufällig nicht ein dritter Patient, sondern einer der beiden Ärzte.

Problematisch wird es bei ernsten Diagnosen

Der inzwischen an seinem Krebsleiden gestorbene Heidelberger Allgemeinmediziner Dr. Thomas Ripke war einer der ersten, der das Problem "Patient Kollege" anhand des fiktiven Dr. Schmidt beschrieben hat, so wie er es selbst erlebt hat (Dt. Ärztebl. 2000; 97: A-237-240; Heft 51). Aber auch vielen anderen Ärzten dürfte die Geschichte irgendwie bekannt vorkommen.

Es ist auch keine einfache Situation, einen Arzt-Kollegen als Patienten zu behandeln. Für viele Ärzte ist es überhaupt kein Problem, einen Kollegen eines anderen Fachbereichs zu konsultieren.

Schwierig ist die Situation aber, wenn es sich wie bei "Dr. Schmidt" um eine ernste Diagnose, um eine schwerere Krankheit handelt. Man setzt voraus, dass sich der Kollege ja auskennt. Man fühlt sich vielleicht unwohl und beobachtet, geniert sich, gewisse Fragen zu stellen.

Aufklärung und Information finden nicht statt, denn der Kollege weiß selbst Bescheid

Die Folge: Bei Anamnese und Diagnostik wird geschludert. Aufklärung und Information finden gar nicht statt, denn der Kollege weiß ja selbst Bescheid. Wie also soll man sich verhalten? Welche Fallen gilt es zu vermeiden?

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass ein Arzt nur dann die Praxis eines Kollegen aufsucht, wenn es ihm wirklich schlecht geht. Denn bekanntlich behandeln sich Ärzte selbst - wenn überhaupt.

Als Arzt wird man nicht krank, sagt Professor Dr. Götz Mundle, der Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg in Wendisch Rietz: "Viele Ärzte haben die Tendenz, sich selbst zu behandeln."

Arztbesuche sind bei Medizinern selten

Der Psychiater, in dessen Klinik vor allem auch Ärzte mit psychischen Problemen therapiert werden, sagt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung": "Meine Erfahrung ist: Ärzte gehen eher selten zum Arzt. Sie machen Vorsorge seltener als die Allgemeinbevölkerung.

Darin sind wir kein Vorbild für unsere Patienten. Ärzte setzen selbst ihre eigenen Ratschläge an Patienten nicht um - das ist notorisch und in Studien erwiesen."

Das bedeutet in der Praxis: Wenn ein Arzt einen Kollegen aufsucht, ist das ein großer Schritt. Er ist bereit, die Patientenrolle anzunehmen, so Mundle. Und das sollte dem behandelnden Kollegen sehr bewusst sein. Er müsse unbedingt in der "Behandlerrolle" bleiben.

Die größte Falle sei, in ein freundliches, kollegiales Gespräch zu wechseln. "Denn dann ist der Kranke nicht mehr Patient, sondern Kollege. Die Folgen sind Unsicherheit und Angst, etwas falsch zu machen. Also: keine Rollenvermengung! Nicht aus der professionellen Rolle heraustreten!" Mundle gibt zu, das sei nicht einfach, aber es ist extrem wichtig in dieser Situation.

Der "Patient Kollege" sucht nach ärztlicher Führung

Es wäre falsch, etwa zu fragen: "Sie sind doch auch Kollege, was würden Sie nun machen?" Denn der kranke Kollege will als Patient gesehen werden, will sich fallen lassen und Hilfe annehmen können.

Genau das schildert auch Ripke: "Schließlich hat er genug davon, von den ärztlichen Kollegen immer nur gesagt zu bekommen: ,Sie als Kollege wissen am besten, was für Sie gut ist.‘

Er fühlt sich dadurch allein gelassen und sehnt sich nach einer Autorität, die wirklich für ihn sorgt, der er vertrauen kann. Er sehnt sich nach einem Arzt, der kompetent ist, der sich wirklich für ihn engagiert und in seinen Vorschlägen souverän und unabhängig ist."

Ein Arzt, der die Praxis eines Kollegen aufsucht, will Patient sein und sollte auch so behandelt werden. Man darf nichts voraussetzen. Denn grundsätzlich gilt: Kein Patient muss alles wissen, auch der Patient Kolle-ge nicht.

Arzt lernt, besser zuzuhören und den Patienten seine Wärme und seinen Schutz zu geben

"Unsere Aufgabe ist, Infos zu vermitteln und aufzuklären, das dürfen wir auch in dieser Situation nicht unterlassen", macht Mundle deutlich. Ob er die therapeutischen Ratschläge annimmt, sei eine andere Frage. "Aber das ist bei allen Patienten so - mal machen sie's, mal nicht. Also: nicht frustriert sein, wenn der Kollege die empfohlene Therapie nicht umsetzt."

Übrigens: Ein Arzt, der die Patientenrolle aus eigener Erfahrung kennenlernt, hat die Chance auf besseres Verständnis für seine eigenen Patienten.

Ripke: "Er lernt, besser zuzuhören und den Patienten seine Wärme und seinen Schutz zu geben, weil er selbst Ärzten und Schwestern unendlich dankbar ist, die ihm dies in Zeiten von Krankheitskrisen gegeben haben."

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