Ärzte Zeitung, 11.12.2012

Balint-Arbeit für Ärzte

Fit werden für schwierige Patienten

Balint-Arbeit kennt jeder aus Studium oder Weiterbildung. Im Praxisalltag ist das dann oft in Vergessenheit geraten. Doch gerade beim Umgang mit vermeintlich schwierigen Patienten können Balintgruppen weiterhelfen.

Von Ursula Armstrong

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Damit die Fallbesprechung unter Kollegen konstruktiv ist, sollten sich die Ärzte aus ihrer täglichen Arbeit besser nicht kennen.

© Mathias Ernert

NEU-ISENBURG. Ärzte stöhnen immer mal wieder über "schwierige Patienten". Doch was sind schwierige Patienten?

Therapieabbrecher, aggressive oder uneinsichtige Patienten, solche, die alles besser wissen, die besonders geschwätzig, besonders manipulativ sind, aber auch psychosomatisch Kranke, an deren Konflikt man einfach nicht herankommt - all solche Patienten werden im Praxisalltag als "schwierig" erlebt.

Und das ist das entscheidende Wort: Sie werden so erlebt. "Es gehören immer zwei dazu", heißt es im Buch "Der schwierige Patient" des Psychologen Gert Kowarowsky (W. Kohlhammer GmbH Stuttgart, Neuauflage 2011).

Denn schwierige Patienten per se gibt es nicht. Das sind Patienten, mit denen die Kommunikation schwierig und der Umgang kompliziert ist; Patienten, auf die der Arzt mit Unmut reagiert, die ihn ärgern oder einfach nur nerven, die einen inneren Widerstand erzeugen gegen ihre Person, ihr Verhalten oder ihren Krankheitsverlauf.

Das bedeutet, dass hier immer ein Interaktionsproblem vorliegt, ein Problem der Arzt-Patienten-Beziehung, betonen Experten wie Kowarowsky.

Welche Patienten jeweils als schwierig erlebt werden, das ist ganz individuell. Denn auch Persönlichkeit und Gefühle des Arztes spielen eine Rolle in einer schwierigen Kommunikation.

Der eine hat kein Problem mit Patienten, die immer gleich eine AU-Bescheinigung fordern oder die nicht aufhören zu schwätzen, einen anderen macht genau das wütend.

Es ist deshalb sinnvoll, an der Beziehung zu arbeiten - schon, um die negativen Gefühle loszuwerden. Und hier bietet sich die Balint-Arbeit an. Jeder Facharzt für Allgemeinmedizin und hausärztliche Internist kennt Balintgruppen aus der Weiterbildung.

Viele haben die Fallanalyse im kollegialen Kreis, wie sie der ungarisch-britische Psychiater Michael Balint (1896 bis 1970) in den 1950er Jahren installiert hat, schätzen gelernt. Doch im Praxisalltag ist das in Vergessenheit geraten.

Man hat zu viel zu tun, ist abends einfach zu müde für stundenlange Gruppenarbeit unter Kollegen. Doch Balintgruppen helfen genau hier weiter, in der Kommunikation mit vermeintlich schwierigen Patienten.

Besprochen wird immer nur ein Fall

Gerade niedergelassenen Ärzten, die allein für sich arbeiten und keinen Austausch haben, empfiehlt Dr. Heide Otten, Ärztin aus Wienhausen und Geschäftsführerin der Deutschen Balint-Gesellschaft, sich auf die Balint-Arbeit zu besinnen.

"In Gruppenpraxen gibt es zwar mehr Austausch, aber auch hier bleibt oft die Zeit nicht."

In Balintgruppen wird jeweils eine schwierige Kommunikation mit einem Patienten, die ein teilnehmender Kollege vorstellt, besprochen. Pro Arzt-Patienten-Beziehung werden anderthalb Stunden angesetzt.

"Es ist eine analytische Methode, da geht es nicht schneller", so Otten im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Man muss Zeit haben, die Gefühle zu entwickeln, die in der Beziehung wichtig sind."

Denn ein wichtiger Teil dieser Arbeit ist die Selbstbeobachtung: Wie geht der Patient mit mir um? Welche Gefühle und Reaktionen löst er in mir aus? Was läuft falsch?

Die Analyse der Kollegen und die Selbstbeobachtung geben Anregung für eine neue Sichtweise, blinde Flecken werden erhellt. Der vortragende Arzt erkennt seine Wirkung auf den Patienten und auch seine eigenen Verhaltensmuster - und kann sie dann auch durchbrechen.

Aber auch den anderen Teilneh-mern, die keinen eigenen Fall vorgestellt haben, nützt diese analytische Betrachtung zu einem besseren Verständnis für ihre Patienten und sich selbst.

"So potenziert sich die Wirkung der Gruppenarbeit; jeder Teilnehmer wird an mehrere Patienten erinnert, mit denen es ähnliche Schwierigkeiten gab", sagt Otten.

Um sich die Beziehungsanalyse, die hinter der Balint-Arbeit steckt, ins Gedächtnis zu rufen, bietet sich die Teilnahme an einer Tagung an. Die Deutsche Balint-Gesellschaft veran-staltet 16 Tagungen im Jahr in ganz Deutschland, die jeweils ein Wochenende dauern.

Viele Kollegen wollen sich wenigstens einmal im Jahr mit der Patientenkommunikation auseinandersetzen und Patienten vorstellen, mit denen sie Schwierigkeiten haben, ist Ottens Erfahrung.

Otten hält es für sinnvoller, wenn sich die Kollegen in der Gruppe nicht aus der praktischen Arbeit vor Ort kennen. "Man kann sich dann frei äußern, fantasieren und assoziieren. Man kann sagen, was man dem Nachbarkollegen nicht sagen würde."

Eine andere gute Möglichkeit sind zwei oder drei Doppelstunden einmal pro Monat. Das ist dann immer mehr oder weniger die gleiche Gruppe. Die ideale Gruppengröße ist laut Otten acht bis zwölf Kollegen.

Eine Sitzung dauert 90 Minuten und ist mit zwei Fortbildungspunkten zertifiziert. Die Kosten sind unterschiedlich von Ärztekammer zu Ärztekammer.

Wer an einer Balintgruppe interessiert ist, kann auf der Homepage der Deutschen Balint-Gesellschaft nach einer Gruppe vor Ort suchen: www.balintgesellschaft.de/balintgruppen

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