Ärzte Zeitung, 13.03.2013

Patienten-Coaching

Der Arzt als Lehrer

Chronische Erkrankungen sind die große Herausforderung der Zukunft. Eine Lösung liegt oft bei den Betroffenen selbst: die Änderung des Lebensstils. Doch vielen Patienten gelingt das nicht alleine. Patienten-Coaching - richtig aufgesetzt - kann ihre Motivation stärken.

Von Angela Mißlbeck

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Eine erfolgreiche Therapie ist Teamarbeit: Patientin und Coach erarbeiten Ziele und erste Etappen für eine Lebensstiländerung.

© Miriam Dörr / fotolia.com

BERLIN. Experten sind sich einig: Patienten-Coaching nutzt dem Betroffenen ebenso wie dem Gesundheitssystem und der Gesellschaft.

Indem es Patienten dabei unterstützt, bestimmte Gesundheitsziele zu erreichen, spart es dem Gesundheitssystem Behandlungskosten und der Gesellschaft die Kosten für den Arbeitsausfall, lautet die Theorie.

In der Praxis ist Patienten-Coaching bis jetzt noch nicht sehr etabliert. Doch einige Akteure im Gesundheitswesen setzen es bereits ein und verweisen auf ihre Erfolge.

Oft wird die Zusatzleistung im Rahmen von Selektivverträgen angeboten. Gelegentlich sind es auch Arzneimittelhersteller, die Adhärenzprogramme bei bestimmten Erkrankungen vorhalten.

Soll der Arzt Coach sein oder nicht?

Der Coach ist dabei längst nicht immer der behandelnde Arzt. Das ist nach Expertenmeinung manchmal auch gar nicht sinnvoll.

So vertritt Martin Bartetzko, Geschäftsführer des Dienstleisters Almeda, die Auffassung, "dass nicht unbedingt immer der Arzt der richtige Ansprechpartner ist, weil er zu sehr auf die Medizin fokussiert ist und beim Patienten-Coaching das ganze Lebensumfeld eine Rolle spielt".

Es erfordere viel Zeit herauszufinden, welche Lebensstilfaktoren auf das Gesundheitsverhalten Einfluss haben. Diese Zeit sei in der Arztpraxis oft nicht vorhanden. Bartetzko stellt aber auch klar: "Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zum Hausarzt. Es geht nur gemeinsam."

Bei Almeda haben die Coachs nach Bartetzkos Angaben eine medizinische, psycho- oder physiotherapeutische Ausbildung. Sie setzen beim Coaching die Technik des Motivational Interviewings ein. Dieses Beratungsmodell basiert laut Bartetzko auf den fünf A's:

Assess - Erfassung des Status quo und der Motivation

Advise - Angebot zur indikationsspezifischen Schulung und Information

Agree - Zielvereinbarung

Assist - Unterstützung bei der Zielerreichung, Abbau von Barrieren

Arrange - Feedback und Follow-up

Almeda macht zum Beispiel im Rahmen eines Telemedizinprojektes zur Herzinsuffizienz der AOK Niedersachsen Telecoaching. Bislang nehmen Bartetzko zufolge 15.000 Patienten an dem Projekt teil. Sie erhalten über zwei Jahre hinweg telefonisches Coaching.

Eine Evaluation durch die Medizinische Hochschule Hannover habe im Längsschnitt eine signifikante Verbesserung der medizinischen Parameter Body Mass Index und Blutdruck, aber auch der typischen Symptome, vor allem Schwindel, nachgewiesen.

Bei 2000 Hochkostenfällen sei zudem eine Einsparung von 18 Prozent im Vergleich zur Regelversorgung errechnet worden, berichtet Bartetzko.

Sein Fazit: "Patienten-Coaching ist in der Praxis bereits erprobt. Die Erfolge sind nachweisbar. Wir brauchen eine Regelung, die dieses Thema für die breite Masse attraktiv macht."

Warum nicht als Regelleistung?

Darauf drängt auch die Projektgruppe Patienten-Coaching des Bundesverbands Managed Care (BMC). Sie fordert die Verankerung im Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und hat bereits Standards für Patienten-Coaching festgelegt.

Demnach setzt Patienten-Coaching bei der gesundheitsbezogenen Selbstwahrnehmung der Patienten an. Es hilft, individuelle Gesundheitsziele zu erkennen und zu erreichen. Dazu bietet es Information, Beratung, Betreuung und Motivation zur Umsetzung von Verhaltensänderungen.

Ziel ist es, die Gesundheit zu erhalten und wieder zu erlangen und die Effizienz der Versorgung zu steigern. Der BMC hält es zudem für nötig, dass bestimmte Qualitätsstandards für die Coachs festgelegt werden.

Bisher ist der Begriff ungeschützt. Gewährleistet sein müsse, dass der Coach frei von Partikularinteressen ist und als neutraler Ansprechpartner fungiert.

Eine genauere Begriffsbestimmung für Patienten-Coaching hält auch der Chef des Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt für nötig. Das Prinzip begrüßt er jedoch ausdrücklich. Man müsse über Patienten-Coaching im Gesundheitswesen mehr nachdenken, fordert Weigeldt.

Der Hausärzteverband hält mit dem System HausMed ein eigenes, online-basiertes Coaching-Angebot bereit. Weigeldts Referent Tjarko Schröder bezeichnet es als "Verbindung von Internet und Hausarzt".

Mehrere Online-Kurse von jeweils zwölf Wochen Dauer stehen zur Auswahl. Sie sind laut Schröder alle vom Institut für hausärztliche Fortbildung zertifiziert.

Entscheidung liegt beim Patienten

Programme gibt es unter anderem für Patienten mit Depression, Burn-out, Diabetes und Bluthochdruck. Auch Stressmanagement, Gewichtsreduktion, Raucherentwöhnung, besser Schlafen und gesunder Rücken sind Themen des Coachings bei HausMed.

Ein Kurs kostet 80 Euro. Manche Krankenkassen übernehmen unter gewissen Voraussetzungen die Kosten.

Aber vor allem der Teilnehmer muss bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Denn davon hängt nach Schröders Erfahrung der Erfolg einer Coaching-Maßnahme ab. Am wichtigsten sei Freiwilligkeit.

"Ein Patient wird eine Verhaltensänderung nur dann mitgehen, wenn er sich freiwillig dafür entscheidet. Ohne seine aktive Mitwirkung wird es nicht funktionieren", sagt Schröder.

Der Patient müsse sein eigenes Gesundheitsverhalten reflektieren, Gesundheitsziele formulieren und motiviert sein, sie zu erreichen.

Als problematisch für den Erfolg von Patienten-Coaching betrachtet Schröder, dass viele Patienten die Einstellung "Lieber Pille als Lebensstiländerung" und eine Vollkaskomentalität hätten.

Für ältere Patienten sei zudem das Internet eine Barriere. Insgesamt arbeiten Schröder zufolge aber bereits 2000 Hausärzte als HausMed-Coachs an dem 2011 gestarteten Angebot mit.

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