Ärzte Zeitung, 05.04.2013

Kommunikation mit Patienten

"Das Intuitive der Hausärzte hat eine hohe Trefferquote"

Hausärzte haben ein sehr gutes Gespür für den Kommunikationsbedarf ihrer Patienten. Das ist eines der Studienergebnisse von Professor Antonius Schneider, dem Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der TU München.

Das Interview führte Ursula Armstrong

"Das Intuitive der Hausärzte hat eine hohe Trefferquote"

Professor Antonius Schneider, Direktor des Instituts für Allgemeinmediziner der TU München.

© Privat

Ärzte Zeitung: Für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient wird von vielen Seiten immer wieder das Konzept des "Shared-Decision-Making" propagiert: Der Patient soll an der Therapieentscheidung beteiligt werden.

Professor Antonius Schneider: Genau. Es gibt im Prinzip drei unterschiedliche Kommunikationsmodelle: das Shared-Decision-Making-Modell, das im Prinzip auf einer Gleichberechtigung zwischen Arzt und Patient beruht.

Dann gibt es das autonome Kommunikationsmodell, das besagt, dass Patienten zwar die Meinung vom Arzt hören wollen, aber dann völlig autonom für sich entscheiden, was sie machen wollen. Das ist in meinen Augen eher unrealistisch.

Und dann gibt es das leider immer noch sehr verbreitete Modell der paternalistischen Entscheidungsfindung, das heißt, der Arzt diktiert, wo's lang geht, und der Patient hat relativ wenig Mitspracherecht.

Von den Protagonisten des Shared- Decision-Making gibt es die Forde-rung, dass eigentlich mit jedem Pati-enten so kommuniziert werden soll. Ich selbst habe aus meinen eigenen Praxiserfahrungen den Eindruck, dass das gar nicht jeder Patient will. Manche Patienten ziehen doch den paternalistischen Zugang vor und sind verunsichert, wenn man ihnen mit lauter komplexen Vorschlägen, Leitlinien und Strategien kommt.

Sie wollen, ganz plakativ gesagt, einfach mal in den Arm genommen werden und vielleicht gezielt einen Weg gezeigt bekommen. Gerade wenn Leute schwerstkrank sind, Tumorpatienten etwa, ist denkbar, dass sie sich eher eine Führung durch den Arzt wünschen. Dies wurde jedoch noch nicht eingehend untersucht.

Können Hausärzte erkennen, welcher Patient welches Kommunikationsmodell vorzieht?

Ich habe selbst zwei Studien dazu gemacht. Eine kleinere mit 234 Patienten aus fünf Hausarztpraxen wurde 2006 veröffentlicht (Schneider A. et al.: "Impact of age, health locus of control and psychological comorbidity on patients‘ preference for shared decision making in general practice". Patient Education and Counseling 61 (2006, 292-298).

Die zweite Studie mit über 1000 Patienten ist noch nicht veröffentlicht, sie bestätigt die Ergebnisse der ersten Studie aber. Ich habe darin untersucht, inwieweit Hausärzte in der Lage sind, einzuschätzen, wie sehr Patienten an diagnostischen oder therapeutischen Entscheidungen aktiv beteiligt werden wollen.

Und da hat sich gezeigt, dass tatsächlich die Einschätzung vom Arzt durchaus signifikant mit der Selbsteinschätzung des Patienten korreliert.

Können sich die Hausärzte also auf ihr Bauchgefühl verlassen?

Ja, doch. Prinzipiell ist es ganz gut, sich auf sein Bauchgefühl und seine Kenntnis vom Patienten zu verlassen. Wenn man die Patienten fünf, zehn Jahre oder noch länger kennt, weiß man auch, wie sie kommunizieren.

Als Hausarzt verändert man ja seine Kommunikationsstrategie von Patient zu Patient, man passt sich an. Da läuft vieles schon von ganz alleine recht gut. Das Intuitive der Hausärzte hat eine hohe Trefferquote.

Gibt es Hinweise, welchen Kommunikationsstil ein Patient präferiert?

In den Studien hat man gesehen, dass Alter und Schulbildung der Patienten bedeutsam sind: Alte Menschen tendieren eher zum paternalistischen Modell und Patienten mit Hochschulbildung eher zum Shared-Decision-Making. Und interessanterweise orientieren sich die Hausärzte auch genau daran.

Jüngere Patienten neigen also eher zur Mitsprache. Gilt das auch für die Ärzte? Sind jüngere Ärzte eher aufgeschlossen, Patienten in die Entscheidungen einzubeziehen?

Das würde ich so nicht sagen. Ältere Ärzte sind nicht zwangsläufig paternalistisch orientiert. Ich kenne viele ältere Ärzte, die sehr kommunikativ sind, vielleicht sich sogar mal mehr Zeit für die Patienten nehmen. Beispielsweise hat ein 60-jähriger Arzt vielleicht keine Lust mehr auf eine 1500-Scheine-Praxis, sondern fährt da ein bisschen runter und redet länger mit den Patienten.

Vielleicht kennen ältere Ärzte die Patienten intuitiv sogar noch besser. Aber dies ist jedoch noch nicht untersucht. Man muss auch sehen, dass das Partnerschaftliche aus der Gleichberechtigungsbewegung der 60er und 70er Jahre kommt.

Die Leute, die da groß geworden sind, sind jetzt ja schon um die 60. Ich glaube, der übertriebene Paternalismus ist auf dem Rückzug.

Sie haben gerade angedeutet, dass Shared-Decision-Making mehr Zeit braucht…

Auf jeden Fall. Das verdienen die Patienten und die Ärzte aber auch, das ist notwendig. Und das ist es wert. Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass das Therapie-Outcome besser ist. Deshalb auch meine Forderungen an die Politik, mehr Zeit zur Verfügung zu stellen und das entsprechend zu honorieren.

Es widerspricht dem humanistischen Ansinnen der Medizin, so wenig Zeit für Patienten zur Verfügung zu haben.

Mitreden in der Praxis

„Shared-Decision-Making“ wird heute für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient propagiert. Hausärzte wissen meist sehr genau, welche ihrer Patienten mitentscheiden möchten und welche eher nicht, so Professor Antonius Schneider.

Für Fälle, in denen man den Patienten nicht kennt und seine Präferenz nicht einschätzen kann, schlägt er vor, offensiv vorzugehen. Der Patient sollte offen gefragt werden, ob er etwa bei der Therapieentscheidung mitreden möchte.

Dazu sollten ihm gleich die verschiedenen Optionen sowie ihre Vor- und Nachteile aufgezeigt werden. An seiner Reaktion ist in der Regel zu erkennen, ob ein Patient zum Mitentscheiden tendiert.

Ist das der Fall, rät Schneider, ihm Evidenz-basierte Informationen zur Verfügung gestellt werden. Für manche Indikationen gibt es hier Patientenleitlinien, die in Ruhe durchgelesen werden können, bevor Arzt und Patient gemeinsam das weitere Vorgehen festlegen.

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