Ärzte Zeitung online, 08.10.2013

Gesundheitsreformen

Rückblick zeigt negative Kollateraleffekte

Gesundheitsreformen müssen sich an ihrer Wirkung auf das Patient-Arzt-Verhältnis messen lassen. Vertreter des Dialogforums Pluralismus in der Medizin in Verbindung mit der Robert-Bosch-Stiftung fordern ein Umsteuern bei Reformen weg von finanziellen hin zu Qualitätsanreizen.

BERLIN. Im Wahljahr 2013 jährt sich das Gesundheitsstrukturgesetz zum 20. Mal und die Einführung der Fallpauschalen zum 10. Mal. Eine kritische Zwischenbilanz dazu zieht das Dialogforum Pluralismus in der Medizin in Verbindung mit der Robert-Bosch-Stiftung.

Stärker als die Intention dieser Reformschritte seien die negativen Kollateraleffekte in den Vordergrund getreten, so Wolfgang Klitzsch, Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein und Gründungsmitglied des Dialogforums.

Die starken Wirkungen von finanziellen Anreizen müssten so justiert werden, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis nicht leidet, forderte er. Der aktuelle Ordnungsrahmen des Wettbewerbs führe zu unbefriedigenden Ergebnissen.

"Der Arzt wird zum Beispiel im Krankenhaus getrieben, sehr viel stärker an die ökonomischen Effekte seines Tuns zu denken", kritisiert Klitzsch. Das spiegle sich in der aktuellen Diskussion um Mengenausweitungen in den Krankenhäusern wider.

Die Menge sei das einzige, woran sich Ärzte ausrichten würden, denn: "Die Qualitätsanreize funktionieren nicht", so Klitzsch. Seine Diagnose: "Die Kooperation im Gesundheitswesen ist notleidend." Das gelte für die Kooperation zwischen Patient und Arzt, zwischen den Sektoren, aber auch zwischen den Krankenhäusern gleichermaßen.

Klitzschs Urteil: "Ein Steuerungssystem, das diese Zentralfaktoren nicht stärkt, ist kein Gutes." Die Anreize müssten so gesetzt werden, dass sie Kooperation stärken.

Lob für Nordrhein-Westfalen

Positiv bewertete Klitzsch die Bemühungen der nordrhein-westfälischen Landesregierung um eine qualitätsorientierte Krankenhausplanung. Das Hauptproblem dabei ist nach seinen Angaben, gerichtsfeste Kriterien zu formulieren.

Von der Bundesregierung erwartet der Kammergeschäftsführer in der nächsten Legislaturperiode ein "vernünftiges Präventionsgesetz", eine "deutliche Stärkung der Integrierten Versorgung" und eine "qualitätsorientierte Gesundheitspolitik, die gute Kooperation, gute Verantwortung und gute Allokation belohnt".

Er appellierte an die Politik, die gute Kassenlage in der gesetzlichen Krankenversicherung zu nutzen, um Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. "Wir hätten jetzt Zeit nachzudenken", sagte er.

Plädoyer für deutliche Regulierung

Für deutliche Deregulierung im Gesundheitswesen plädierte der stellvertretende Sprecher des Dialogforums Peter Matthiessen. Er übte scharfe Kritik an der "hemmungslosen Merkantilisierung der ärztlichen Tätigkeit. Darunter leidet die Mehrzahl der Ärzte", sagte er.

Unter Marktbedingungen sei eine interventionistische Medizin entstanden. Ziel von Reformen müsse es sein, dass der Arzt nicht mehr nur Verkäufer von Gesundheitsleistungen und der Bürger und Patient nicht mehr nur Einkäufer seien.

Der Patient müsse Experte für das eigene Gesundwerden sein und: "Der gute Arzt wird Gründe finden, eine Behandlung zu unterlassen, weil er merkt, dass der Patient sich selbst helfen kann", so Matthiessen. (ami)

[08.10.2013, 07:02:04]
Dr. Christian Schulze 
Nicht nur im stationären Sektor
Die Schnittstelle als Chance, Behandlungserfolge sicher zu stellen wird an den meisten Krankenhäusern nicht genutzt, Wiederaufnahmen sind als Komplikation die normale Folge davon. Die Versorgung nach Entlassung im häuslichen Umfeld durch den "Sozialdienst" wird oft nicht geregelt, was ein weiteres Potentielles Feld für Verbesserungen darstellt. Und last but not least muss auch und vor allem der niedergelassene Hausarzt als fast einziger, wo jeder ohne Termin hingeht und angenommen wird als Patient, diese Insuffizienzen im Stationären Sektor wie auch die langen Warezeiten beim Spezialisten ausbaden und die Patienten im System bei Laune halten. Und die Liste der Spezialisten, die keine weiteren Patienten mehr annehmen, abgesehen von privaten, wird immer länger. Letzteres auch aus merkantilen Beweggründen, da die Finanzierung einer Praxis mit Investitionsvolumen ohne private Patienten nicht geht. Denn die Investitionszuschüsse wie im Krankenhaus durch das Land und den Träger fallen in der Praxis komplett unter den Tisch, da muss sich der Betrieb und die Investition rechnen und bei technischen Untersuchungseinrichtungen wie Ultraschall oder Ergometrie bringt der Arzt Geld mit beim Kassenpatienten.
Versorgen tut er die Patienten dennoch inklusive des größten Risikos für Regresse beim höchsten Verordnungsvolumen von allen Fachgruppen. zum Beitrag »

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