Ärzte Zeitung, 08.12.2014

Prognose für 2020

Smartphones machen Arztbesuche überflüssig

Die Bedeutung des persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes wird in Zukunft abnehmen. An seine Stelle sollen Apps und Wearables treten, prognostiziert eine Studie für das Jahr 2020.

Von Matthias Wallenfels

Das Smartphone als Arzt

Gesundheitsdaten von Patienten für den behandelnden Arzt auf Abruf: Apps machen das möglich.

© jedi-master / fotolia.com

DÜSSELDORF / MÜNCHEN. Steht weltweit ein Paradigmenwechsel bei der Patientenversorgung bevor? Geht es nach der Unternehmensberatung Deloitte, so wird sich der Behandlungsort global weg von Kliniken und Krankenhäusern hin ins heimische Umfeld verlagern - nur Spezialbereiche wie Notfallchirurgie verlangten stationäre Behandlungen.

Ärzten und Patienten tauschten sich dann hauptsächlich auf digitalen Kanälen aus. Patienten archivierten und überwachten ihre Vitalwerte selbst und steuerten diese über Apps oder Wearables.

Dieser Trend könnte die Life-Sciences-Branche revolutionieren: Durch die automatische Vitalwertüberprüfung seien keine häufigen Arztbesuche mehr notwendig.

Wearables könnten sowohl den Patienten als auch den Arzt automatisch über wichtige Vorkommnisse informieren. Diese Entwicklung prognostizieren die Unternehmensberater in ihren "Healthcare and Life Sciences Predictions 2020", die der "Ärzte Zeitung" vorliegen.

Healthcare-Branche am Zug

Krankheiten könnten via Apps und Wearables potenziell viel früher erkannt und behandelt werden, als das bisher der Fall sei. Für die Healthcare-Unternehmen biete dieser Trend viel Potenzial, heißt es in der Studie.

"Die Life-Sciences-Branche ist für die Zukunft gewappnet, wenn sie den Digitalisierungstrend mitbestimmt und Geschäftsideen wie Apps vorantreibt. Über digitale Kommunikationskanäle kann eine gute Beziehung zum Patienten aufgebaut werden, die ihn langfristig bindet", schätzt etwa Dr. Gregor-Konstantin Elbel, Partner und Leiter Life Sciences & Health Care bei Deloitte.

"Wearables sind ein gutes Beispiel für erweiterte, maßgeschneiderte Services. Die automatisierte Sammlung medizinischer Daten erhöht die Lebensqualität, was Patienten zu schätzen wissen, sofern Datenschutzregelungen eingehalten werden.

Gerade deutsche Firmen sollten hier Transparenz über die Datennutzung schaffen, damit den Patienten klar ist, wofür ihre Informationen verwendet werden", erläutert Elbel.

Patienten werden anspruchsvoller

Insgesamt habe die Life-Sciences-Branche weiterhin gute Aussichten, wobei die Patienten anspruchsvoller würden - denn sie wüssten über das eigene genetische Profil respektive ihren Gesundheitszustand Bescheid. Informationsbasis seien digitale Kanäle, auch die Kommunikation zwischen Gesundheitseinrichtung und Patient finde somit zunehmend über soziale Netzwerke statt.

Gesundheitsdaten werden laut Studie für die nationale Infrastruktur eine hohe Priorität genießen, denn sie können bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten erzielen als heutzutage.

Die strukturellen Voraussetzungen dafür seien weltweit unterschiedlich, wobei Deutschland zum Beispiel im europäischen Vergleich hinterherhinke.

Life-Sciences-Unternehmen werden, so prognostiziert es Deloitte, verstärkt mit Patienten zusammenarbeiten, um neue Produkte schneller auf den Markt zu bringen. Derzeit seien die Zulassungsprozesse zwar noch stark an relativ starre Regulierungen gebunden.

Doch sehe die Studie hier eine Verschiebung hin zu einem mehr versorgungsdatengetriebenen Ansatz. Um die notwendigen Daten zu erhalten, müssten aber Anreize für Patienten geschaffen werden, an der Informationssammlung teilzunehmen.

[09.12.2014, 09:51:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Das Smartphone als tragbare "Intensive Care Unit" (ICU)?
Geburt im Jahr 2025: Neugeborene, deren Vitaldaten bereits pränatal kontinuierlich per W-LAN-Elektroden an die Eltern und das zuständige Perinatalzentrum übermittelt wurden, erhalten einen implantierbaren USB-Anschluss, damit ihre Funktionsfähigkeit überwacht und über eine Zentralserver gesteuert werden kann. Sauerstoffsättigung, CO2-Spiegel, Blut-"Zucker", Blutdruck, Atemfrequenz, BMI-Entwicklung, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hirnaktivität und psychomotorische Kompetenzen werden ermittelt.

Später kommen in der Pubertät die kontinuierliche Überwachung devianten Verhaltens, Alkohol- Nikotin- und Drogenmissbrauchs, Abweichungen vom gewohnten Schulweg und die Überwachung/Steuerung des kommunikativen Verhaltens hinzu.

"Schummel"-Versuche bei Prüfungen und Examina werden durch "Lügendetektor"-ähnliche Komplexanalysen von Vitalparametern bereits im Vorfeld von Herzfrequenzsteigerungen erkannt.

Bei unphysiologischem Ess-, Trink und Risikoverhalten wird ein Smartphone-Alarm aktiviert; potenziell kriminelles Verhalten kann frühzeitig detektiert und örtlichen Polizeidienststellen automatisch übermittelt werden.

Sollten Krankheitszeichen und ggf. Intensivüberwachungs-pflichtige Zustände erkannt und diagnostiziert werden wird eine "Gute-Ratschläge-App" aktiviert: Freunde, Bekannte, Heilpraktiker, Gesundbeter, Wunderheiler und sonstige Gesundheitspolitiker, in deren Bekanntenkreis mal jemand "auf Intensiv" gelegen hatte bzw. die jemanden kennen, der einen Dritten kennt, dem ähnliches widerfahren ist, können "posten" und "teilen" bzw. "Telefonjoker" nutzen, um demokratisch über die Möglichkeit einer stationären Krankenhausaufnahme zu entscheiden. Eine qualifizierte Therapie auf einer Intensivstation wird erst erreicht, wenn man mindestens 1.000 "Follower" hat.

Schöne, Neue Welt!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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