Ärzte Zeitung online, 16.12.2014

vzbv

Mehrheit weiß nichts vom Recht auf Zweitmeinung

Schon heute bieten einige Kassen ihren Versicherten ein Recht auf Zweitmeinung an. Sie halten die Regelung im VSG für einen Rückschritt.

Mehrheit weiß nichts vom Recht auf Zweitmeinung

Der zweite Befund unterscheidet sich oftmals von der ersten Diagnose, so die BKK.

© endostock / fotolia.com

BERLIN. Experten zeigen sich enttäuscht, dass im Versorgungsstärkungsgesetz nur in bestimmten Fällen ein Recht auf eine Zweitmeinung festgeschrieben werden soll.

"Das Recht auf Zweitmeinung wird durch die Formulierung im Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) deutlich eingeschränkt", kritisiert zum Beispiel Dr. Ilona Köster-Steinbach vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Nach Ansicht der vzbv-Referentin für Qualität und Transparenz hätte der Gesetzgeber ein generelles Recht auf Zweitmeinung für Versicherte und eine Informationspflicht des Arztes bei mengenanfälligen Leistungen festschreiben müssen, sagte sie auf einer Tagung des BKK-Dachverbandes zum Zweitmeinungsverfahren.

Nach derzeitigem Stand sieht der Gesetzgeber kein allgemeines Recht auf Zweitmeinung vor, sondern es muss sich um eine "Indikation zu einem planbaren Eingriff handeln, bei dem insbesondere im Hinblick auf die zahlenmäßige Entwicklung seiner Durchführung die Gefahr einer Indikationsausweitung nicht auszuschließen ist" (Paragraf 27b VSG).

"Auch die BKKen halten diese enge Formulierung für rückwärts gerichtet", so Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes.

Abweichungen in den Meinungen nicht selten

Nutzung von Zweitmeinungen

25 Prozent der Bundesbürger kennen ihr Recht auf Zweitmeinung nicht.

15 Prozent glauben, sie müssten selbst dafür aufkommen.

Fast ein Drittel der Kassen bietet derzeit ein Zweitmeinungsverfahren an.

Die BKK PwC bietet ihren rund 20.000 Versicherten bereits seit Januar 2014 Verfahren zur Zweitmeinung bei Krebserkrankungen und anstehenden Rückenoperationen an - weitere Krankheitsbilder sollen 2015 folgen.

Ersten Erkenntnissen zufolge weicht ein Großteil der Zweitmeinungen vom ersten Befund ab, erläuterte Lars Grein, Vorstand der BKK PwC.

Insbesondere Zweitmeinungen kleinerer Kliniken im ländlichen Bereich fielen häufig unterschiedlich aus. Insgesamt bieten bislang weniger als ein Drittel der Kassen Zweitmeinungsverfahren an.

Dabei, betonte Dr. Udo E. Beckenbauer vom Vorstand der HMO AG, "entsprechen Zweitmeinungen unserer Zeit".

Fallmanager des Gesundheitsdienstleisters bieten Patienten mit Krebsdiagnosen die komplette Organisation des Verfahrens an. Derzeit decken laufende Verträge zwischen HMO und Kassen mehr als zwei Millionen Versicherte ab, die eine Zweitmeinung einholen können.

Die Abrechnung erfolgt zwischen HMO und Kasse über gesonderte Verträge.

Vor zu hohen Erwartungen an Zweitmeinungsverfahren warnte Kardiologe Professor Hartmut Gülker. "Kern sollte die leitliniengerechte Medizin und deren Umsetzung sein", betonte er. (mam)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Zweitmeinung zweitrangig?

[17.12.2014, 11:31:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Volksverdummung durch Verbraucherzentralen?

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) i r r t, wenn hier davon die Rede ist: "Das Recht auf Zweitmeinung wird durch die Formulierung im Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) deutlich eingeschränkt", wie Frau Dr. Ilona Köster-Steinbach vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisiert. Die GKV-Kassen können zwar großmäulig und werbewirksam behaupten: "Gesetzlich versicherte Patienten können auf Kosten der Krankenkassen eine ärztliche Zweitmeinung einholen." Vgl.: https://www.medexo.com/kostenuebernahme

Aber das ist kein normiertes Recht bzw. wird nur von wenigen Kassen in einem Antrags- und Bittstellerverfahren unter U m g e h u n g der "informationellen Selbstbestimmung" ermöglicht. Die Patienten müssen gegenüber KK-Mitarbeitern intime Details preisgeben. Denn das R e c h t eines Kassenpatienten auf eine Zweitmeinung ist im E n t w u r f des Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VersStG) - in Paragraf 27b des novellierten SGB V - noch Zukunftsmusik. Und der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) wird dann erst mal festlegen müssen, bei w e l c h e r Art von Eingriffen w e r eine Zweitmeinung erbringen darf. So nimmt es nicht Wunder das laut Ergebnis einer in der Ärzte Zeitung unter:
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/874736/studie-zeigt-viele-wissen-nichts-recht-zweitmeinung.html
referierten, höchst fiktiven Befragung etwa jeder Vierte n i c h t weiß, dass die Kosten für das Einholen einer zweiten Meinung eines anderen Facharztes - unabhängig von der Art der Erkrankung - von manchen Krankenkassen übernommen werden.

Letzteres beinhaltet eine weitere Unwahrheit! Denn würden die Kosten für eine fundierte ärztliche Zweitmeinung tatsächlich extrabudgetär von den Kassen übernommen, müssten diese ihre GKV-Beiträge erhöhen (vergleichbares gilt auch für die PKV). In vorauseilendem Gehorsam werden die Beiträge mancherorts schon nächsten Monat ab 1.1.2015 um bis zu 0,9 Prozent angehoben. Somit zahlen n i c h t die Kassen sondern ihre Versicherten die Zeche.

Sollte die Finanzierung von Zweitmeinungen eher wahrscheinlich infra-budgetär bleiben, hat die Große Koalition (GROKO) erneut beliebte Opfer für das fröhliche "Ärzte-Bashing" ausgemacht: Die Gesamtheit der niedergelassenen GKV-Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte darf dann nämlich die Kosten für alle Zweitmeinungen s e l b s t übernehmen. Das ist bei gedeckelter Gesamtvergütung für die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung so ausgemacht!

Man kann es drehen und wenden wie man will; der vzbv macht sich zum Büttel von GKV-Kassen-Desinformationskampagnen rund um deren SGB-V Leistungspflichten und Ermessens-Spielräume. Der Verbraucherzentrale Bundesverband lässt sich außerdem vor den Werbe-Karren des Spitzenverbands Bund (SpiBu) und seinen GKV-Kassen spannen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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