Ärzte Zeitung online, 13.04.2015

Mythos widerlegt

Ein Apfel pro Tag hält den Doktor nicht fern

"An apple a day keeps the doctor away" - an dieser Weisheit ist doch nichts dran. Einen Vorteil haben Apfelesser laut einer US-Studie aber doch.

Von Thomas Müller

Ein Apfel pro Tag hält den Doktor nicht fern

Zu schön wär's, wenn der tägliche Apfel wirklich den Doktor fernhalten könnte.

© babimu - Fotolia

DARTMOUTH/USA. Im angloamerikanischen Sprachraum kennt jedes Kind den Spruch, wonach der täglich verspeiste Apfel in der Lage sein soll, den Arzt auf Abstand zu halten.

Der Aphorismus stammt noch aus einer Zeit, in der die Bevölkerung bei einem Arztbesuch nicht ganz zu Unrecht das Schlimmste befürchten musste und daher froh war, den Medicus nicht zu Gesicht zu bekommen.

Offenbar kommt der Reim aus Wales und wurde erstmals 1866 in einer anderen Variante schriftlich erwähnt: "Eat an apple on going to bed and you'll keep the doctor from earning his bread", berichten Forscher um Matthews Davis vom Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice (JAMA Intern Med, online 30. März 2015).

Zwar steht der Apfel hier eher stellvertretend für eine gesunde Ernährung, angesichts einer Reihe von Bestandteilen wie Ballaststoffen, Vitaminen oder Antioxidantien könnte aber auch mehr hinter dem Sprichwort stecken.

Aus diesem Grund hat das Team um Davis geschaut, ob der tägliche Apfelkonsum tatsächlich mit weniger Arztbesuchen und geringeren Gesundheitskosten einhergeht.

Nur 9 Prozent essen täglich einen Apfel

Für ihre Studie haben die Forscher Daten des großen nationalen Gesundheits- und Ernährungssurveys NHANES* aus den Jahren 2007 bis 2010 ausgewertet.

Dabei wurden die Teilnehmer unter anderem gefragt, was sie in den vergangenen 24 Stunden gegessen hatten und ob dies typisch für ihre Ernährung war.

Berücksichtigt wurden in der Analyse nur Personen, die bei dem zweiten Punkt zustimmten.

Wenn jemand also einen Apfel verspeist hatte, war davon auszugehen, dass er dies täglich tat.

Da in NHANES die Speisen in Gramm angegeben wurden, gingen die Forscher ab 150 Gramm davon aus, dass mindestens ein Apfel gegessen wurde.

Die Teilnehmer wurden zudem gefragt, wie häufig sie im vergangenen Jahr Ärzte und Medikamente in Anspruch genommen hatten.

Insgesamt konnten die Forscher Daten zu 8700 Personen im Erwachsenenalter auswerten. Nur 9 Prozent zählten zu den regelmäßigen Apfelkonsumenten.

Die Hälfte der Apfelesser kommt ohne Pillen aus

Nach einer Rohanalyse der Daten konnten die täglichen Apfelesser tatsächlich signifikant häufiger auf einen Arztbesuch verzichten: 39 Prozent mussten in den zwölf Monaten vor der Befragung entweder nie oder maximal einmal zum Arzt, bei den Apfelvermeidern waren es nur 33 Prozent.

Allerdings verblassten die Unterschiede, wenn berücksichtigt wurde, dass Apfelesser ein höheres Bildungsniveau hatten, seltener rauchten, mehr verdienten und dünner waren.

Dann ließen sich keine signifikanten Unterschiede mehr bei den Arztbesuchen feststellen.

Wird der Apfel also als Symbol für einen gesunden Lebensstil betrachtet, kann dieser in der Tat den Doktor fernhalten, das Kernobst an sich hat auf die Zahl der Arztbesuche aber eher keinen Einfluss.

Etwas besser steht der Apfel da, wenn nach verschreibungspflichtigen Medikamenten gefragt wird.

Knapp 48 Prozent der Apfelesser hatten im vorausgegangenen Monat keine solchen Arzneien benötigt, mit 42 Prozent war dieser Anteil unter den Apfelverächtern deutlich geringer.

Der Unterschied war auch dann noch signifikant, wenn Lebensstil und soziodemografische Faktoren berücksichtigt wurden.

Auf die Zahl der Klinikaufenthalte oder die Besuche beim Seelendoktor hatte der Apfelkonsum jedoch keinen Einfluss.

Letztlich, so Davis und Mitarbeiter, müsste der beliebte Aphorismus in der heutigen Zeit etwas modifiziert werden: "An apple a day keeps the pharmacist away" träfe nach den NHANES-Daten weit besser zu.

*NHANES: National Health and Nutrition Examination Survey

[20.04.2015, 23:20:10]
Dr. Horst Grünwoldt 
Apfel essen
Das ist schon ein schöner Spruch: an apple a day - keeps the doctor away!
Natürlich ist das kein Allheil-Rezept. Aber es dürfte schon was dran sein. Schließlich ist es nicht nur eine schmackhafte, süß-saure Frucht, sondern auch die mit dem höchsten Pektin-Gehalt. Und der dürfte bei Viel-Sitzern (Büromenschen und Autofahrern) eine große Bedeutung für den normalen "Stuhlgang" haben. Die Substanz ist jedenfalls ein hervorragendes Quellmittel und damit anregend für die normale Darmpassage - ohne laxativ zu wirken.
Jedenfalls habe ich im tropischen Afrika mit teuren Importäpfeln aus dem französischen Supermarkt die sog. Reise-Diarrhoe, die sonst wochenlang dauern kann -bis die Darmflora sich an die neuen Standortkeime angepaßt hat- kurzfristig zum Stoppen gebracht.
Das ist mir alleine mit Bananen, Mangos und Papayas nicht gelungen!
Und wie an unserer Zahnformel abzulesen ist, gehören zum anabolen Fleisch- und Fischverzehr, stets noch eine gehörige Portion Gemüse und danach möglichst Obst, damit die richtige Gemengelage beim Gemischtkost-Esser entsteht. Das dürfte beim bewegungsarmen Neuzeit-Menschen sowieso ein Faktor zur Darmkrebs-Prophylaxe sein.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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[14.04.2015, 08:43:04]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Der "Mythos" gesunde Ernährung ist natürlich richtig.
Und ich hoffe doch, dass mit "das Schlimmste" nicht der Arztbesuch gemeint war!
Ansonsten stimme ich Herrn Schätzler zu, das ist wirklich keine "Wissenschaft" zum Beitrag »
[13.04.2015, 07:56:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ein logischer Fehlschluss - peinlich und rätselhaft für die JAMA-Autoren M. A. Davis et al.!
Wenn nur 9 Prozent einer Studienpopulation des großen nationalen Gesundheits- und Ernährungssurveys NHANES täglich einen Apfel aßen, und dagegen 91 Prozent der Befragten auf einen Apfel verzichteten, weil sie ein niedrigeres Bildungsniveau bevorzugten, häufiger rauchten, weniger verdienten und lieber übergewichtig waren, ist dies das Ergebnis einer völlig normalen Gauss'schen Verteilungskurve bzw. ein bevölkerungstypisches Ernährungs- und Genussverhalten in postindustriellen Gesellschaften.

Wie absurd und unlogisch die B e r e i n i g u n g der Daten-Rohanalyse von in der Tat u n t e r s c h i e d l i c h e n Verhaltensweisen beim täglichen Apfelessen ist, wird daran deutlich: Wenn sich 91 Prozent der Befragten umentscheiden würden und tatsächlich auch einen Apfel am Tag essen würden, wären sie dann keineswegs automatisch signifikant gebildeter, rauchten weniger, verdienten mehr und wären dünner bzw. dümmer.

Wie man allerdings o h n e Arztbesuch signifikant auf w e n i g e r verschreibungspflichtige Medikamente kommen kann, wird ein seit 1866 [„Eat an apple on going to bed and you’ll keep the doctor from earning his bread“] medizinisch ungelöstes Rätsel bleiben!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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