Ärzte Zeitung, 14.07.2016

Therapietreue

So erzeugen Sie zufriedene Patienten

Oft sagen Patient und Arzt sich nicht die ganze Wahrheit – aus Scham, Angst oder Höflichkeit. Doch was erwarten die Patienten von einem Arzt? Fünf Tipps, damit Patienten ihre Therapie durchziehen und wieder kommen.

Von Ilse Schlingensiepen

So erzeugen Sie zufriedene Patienten

Versteht der Patient seine Erkrankung, klappt die Kommunikation oft besser.

© Alexander Raths/fotolia.com

Wenn es um die Therapietreue geht, gleicht das Arzt-Patienten-Verhältnis manchmal einer Theaterinszenierung: Der Patient nimmt das verordnete Medikament nicht, sagt es dem Arzt aber nicht, um ihn nicht zu kränken und sich nicht mit ihm auseinandersetzen zu müssen.

Der Arzt ahnt, dass nicht alles so läuft, wie er sich das wünscht. Aber auch er spricht das Thema nicht an und tut so, als ob der Patient das Arzneimittel genommen hätte. So drastisch zeichnet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) Dr. Peter Potthoff die Situation.

"Es fällt mir schwer, in dieser Scheinwelt zu leben", sagte er auf einer Fachtagung der KVNo. Um aus ihr herauszufinden, gibt es für ihn nur einen Weg: das Problem beim Namen nennen und in einen "geordneten Dialog" treten. Daran sollten sich auch Apotheker und die Pharmaindustrie beteiligen - denn auch sie sind heute Teil der Inszenierung. "Alle sind zufrieden, wenn man nicht darüber spricht, dass Arzneimittel nicht eingenommen werden."

Patienten wollen unabhängige, ehrliche Ärzte

Wie notwendig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, verdeutlichen nach Potthoffs Ansicht Studien, nach denen rund 30 Prozent der Patienten Medikamente nicht oder nicht in der verordneten Weise einnehmen, darunter auch Schwerkranke wie Frauen mit Brustkrebs oder HIV-Patienten.

In dem über vier Jahre laufenden Projekt "Zur Treue gehören immer zwei! - Gemeinschaftliche Therapieverantwortung im Arzt-Patienten-Verhältnis" hat die KVNo mit Vertretern der Selbsthilfe versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen und nach Lösungen zu suchen. Im Mittelpunkt standen Diskussionen mit 46 Ärzten aus Qualitätszirkeln - Hausärzte, Urologen, Gynäkologen - und 13 Patienten.

Die Auswertung zeigt fünf Faktoren, die nach Einschätzung der Ärzte und der Patienten die Therapietreue verbessern können: mehr bezahlte Zeit für Gespräche, die gegenseitige Wertschätzung, eine geteilte Verantwortung, der Abbau der Verunsicherung aufgrund der Informationsüberflutung sowie auf den jeweiligen Patiententyp zugeschnittene Erklärungen zu Diagnose und Therapie.

Wie sieht die Umsetzung aus?

Bleibt die große Frage, wie sie sich diese Dinge in der täglichen Praxis umsetzen lassen.

Die Ärzte waren sich einig, dass eine verständliche Information eine wesentliche Voraussetzung für die Therapietreue ist. Dass dies im Alltag nicht immer gelingt, liegt nicht nur an den Ärzten, betonte der Düsseldorfer Allgemeinmediziner Dr. Ralf Raßmann.

Oft begegneten ihm die Patienten mit Halbwissen, das sie von Meinungsbildnern, Freunden oder "Dr. Google" übernommen haben und mit Macht verteidigen. "Das macht meine Arbeit so schwer." Ein Satz, den Raßmann in seiner Praxis häufig hört, lautet: "Sie haben mich sehr beruhigt." Zuvor hatten die Patienten im Internet gegoogelt und waren deshalb von dem Schlimmsten ausgegangen.

"Wir können den Patienten ein Angebot machen", sagte der Hausarzt: die Information, welche Therapien bei ihrem Krankheitsbild wirken und welche Vor- und Nachteile sie haben. "Ich kann bei der Aufklärung sagen, warum ich der Meinung bin, dass ein Arzneimittel gut ist. Aber die Entscheidung muss letztendlich der Patient treffen."

Keine theatralische Inszenierung

An der genauen Aufklärung mangelt es nach der Erfahrung von Hildegard Mang vom Vorstand der Deutschen Rheuma-Liga Nordrhein-Westfalen aber häufig. Schuld sei meist der Zeitmangel. Deshalb sei die Information durch die Selbsthilfe so wichtig. Viele würden Medikamente aus Angst nicht nehmen. "Als Betroffene kann ich ihnen diese Angst nehmen."

Klaus-Werner Mahlfeld, Vorstand der Plasmozytom/Multiples Myelom-Selbsthilfegruppe NRW, sieht auch die Patienten selbst in der Pflicht. Sie müssten bereit sein, ihre Krankheit anzuerkennen und mit ihr umzugehen. Sonst spiele es letztendlich keine Rolle, was der Arzt verordne.

Seine Selbsthilfegruppe verlässt sich nicht nur auf den Austausch zwischen den Betroffenen. "Wir haben einen erfahrenen Arzt dabei, der über unsere Krankheit Bescheid weiß", sagte Mahlfeld.

Als Gründe für die fehlende Therapietreue hatten die Patienten in der Befragung die erlebten oder erwarteten Neben- und Wechselwirkungen angegeben, den als unsicher oder gering eingestuften Nutzen der Arzneimittel, das Fehlen eines Krankheitsempfindens oder eben das Verdrängen der Krankheit.

Patienten müssen sich über diese Dinge mit dem Arzt auseinandersetzen und Informationen einfordern, sagte Petra Belke, Leiterin der Koordination für Selbsthilfe NRW. "Transparenz ist ein wichtiger Motivator für die Therapietreue." Ebenso wichtig sei das Vertrauen in den Arzt, "auch in seine Unabhängigkeit". Nur eines darf das Arzt-Patienten-Gespräch eben nicht sein: eine Inszenierung.

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