Ärzte Zeitung, 14.10.2008

Betriebsärzte werden Gesundheitsmanager für gestresste und ausgepowerte Mitarbeiter

Die Betriebs- und Werksärzte sind sich einig: Arbeitsbedingte psychische Störungen haben zugenommen. Dadurch ändert sich auch ihr eigenes Berufsbild.

Von Katlen Trautmann

Betriebsärzte werden Gesundheitsmanager für gestresste und ausgepowerte Mitarbeiter

Wenn Stress den Berufsalltag bestimmt, ist dies ein Fall für den Betriebsarzt.

Foto: Johanna Mühlbauer©www.fotolia.de

Betriebsärzte und Arbeitsmediziner werden sich nach Ansicht des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V (VDBW) in den kommenden Jahren verstärkt psychosozialen Fragen zuzuwenden haben. "Betriebsärzte werden immer häufiger mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Stress konfrontiert. Andererseits ist das Thema in der Führung vieler Betriebe noch nicht angekommen. Es ist Aufgabe der Betriebsärzte, das Thema anzudienen", sagte Verbandspräsident Dr. Wolfgang Panter zum Auftakt der 24. Arbeitsmedizinischen Tagung in Dresden. Rund 800 Arbeitsmediziner aus ganz Deutschland berieten über psychische Belastung am Arbeitsplatz, älter werdende Belegschaften, zunehmende Arbeitsverdichtung und Probleme im Zusammenhang mit dem Wechsel von körperlicher hin zu mehr mentaler Beanspruchung.

Leitfaden gibt Ärzten Hilfestellung bei der Arbeit

Der VDBW gibt in seinem neuen, in Dresden vorgestellten Leitfaden "Psychische Gesundheit im Betrieb" Ärzten und Personalverantwortlichen Hinweise, Krankheitsbilder zu erkennen, das jeweils optimale Vorgehen zu finden und Anregungen zum Erhalt der psychischen Gesundheit im Betrieb. "Der Betriebsarzt als Gesundheitsmanager steht für aktive Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz", sagte Präsidiumsmitglied Anette Wahl-Wachendorf. An dieser Stelle könne er zur Wertschöpfung des Unternehmens beitragen, ergänzte Panter.

Momentan existiert in Deutschland keine Vorsorgeuntersuchung zum Einschätzen von Risiken für psychische Fehlbelastungen am Arbeitsplatz. Darauf verwies Professor Klaus Scheuch, der Leiter des Institutes und der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden. Neben einer solchen verbindlichen Untersuchung forderte er mehr belastbare wissenschaftliche Studien zum Themenkomplex und bessere gesetzliche Bedingungen. "Der Staat soll die Voraussetzungen für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen durch den Betriebsarzt schaffen", appellierte er. Auch die Werksärzte sollten nach seiner Ansicht aktiver werden. Mehr Leistungen des Betriebsarztes zu Gesundheitsvorsorge, dem Erhalt der Leistungsfähigkeit und damit des Arbeitsplatzes könnten das Image des Werksarztes verbessern, drückte es Scheuch aus. Denn Arbeitnehmer sehen den Betriebsarzt mitunter - zu Unrecht - als im Bunde mit dem Chef.

Psychischer Stress kitzelt auch Leistung heraus

Der Arbeitsmediziner warnte zugleich vor dem Verteufeln jeglicher psychischer Herausforderungen. "Als Mensch brauchen Sie psychische Belastungen, um leistungsfähig zu sein." Er nannte die Abgrenzung normaler Herausforderungen gegenüber Fehlbelastungen "das Problem unserer Tage".

Als Hintergrund für die Zunahme des Anteils psychischer Erkrankungen um bis zu 300 Prozent in den vergangenen Jahren wurden die sich wandelnden Arbeitsbedingungen genannt, aber auch der deutliche Rückgang anderer Krankheiten mit Berufshintergrund, wie Muskel-Skeletterkrankungen. Trotz aller Schwierigkeiten zeigen sich laut VDBW in Studien mehr als drei von vier Arbeitnehmer davon überzeugt, dass die Arbeit sie fit hält.

Unterversorgte Kleinbetriebe und Mittelständler

Stress und seine Folgen stellen aktuell die vierthäufigste Krankheitsursache am Arbeitsplatz dar - mit stark steigender Tendenz. Schätzungen der Bundesregierung gehen davon aus, dass sich die Kosten der Arbeitsunfähigkeit ausschließlich aufgrund psychosozialer Ursachen auf rund 15 Milliarden Euro jährlich belaufen. Einige Berufsgruppen - darunter Ärzte, Lehrer oder Journalisten - sind häufiger betroffen als andere, hieß es, und Männer mehr als Frauen. Laut Gesetz hat jedes Unternehmen einen Betriebsarzt vorzuhalten, an den sich die Beschäftigten wenden können.

Ein Werksarzt sitzt entweder im Betrieb oder es handelt sich einen vertraglich gebundenen niedergelassenen Arzt. Nach Verbandsschätzungen verfügen zwei von drei Betrieben über einen Werksarzt. Klein- und mittelständische Betriebe sind besonders oft unterversorgt. Verbandspräsident Dr. Wolfgang Panter nennt diese Tatsache ein "Kernproblem". Belastbare Statistiken, gerade mit Blick auf kleine Betriebe, existieren nicht. Bundesweit arbeiten 12 000 Betriebsärzte und Kollegen mit arbeitsmedizinischer Qualifikation. Der Verband zählt 3000 Mitglieder.

(tra)

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