Ärzte Zeitung online, 12.01.2009

Hunderte Freunde und Mitarbeiter verabschieden sich von Merckle

BLAUBEUREN (dpa). In einem Trauergottesdienst haben sich am Montag Hunderte Freunde, Mitarbeiter und Verwandte vom toten schwäbischen Milliardär Adolf Merckle verabschiedet.

In der evangelischen Stadtkirche seines Heimatortes Blaubeuren bei Ulm nahmen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sowie die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) an der Trauerfeier teil. An den Eingängen der Kirche und der Stadthalle, wo der Gottesdienst übertragen wurde, lagen Kondolenzbücher aus. Der 74- Jährige hatte vor einer Woche Suizid begangen, weil er es nicht verkraftet hatte, nach fehlgeschlagenen Börsenspekulationen die Kontrolle über seine Gruppe zu verlieren (wir berichteten).

Die wirtschaftliche Notlage seiner Unternehmen und "die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", hätten den 74-Jährigen gebrochen, teilte die Familie am vergangenen Dienstag mit. Der Unternehmer hatte vor seinem Suizid die Einigung mit den Banken noch selbst unterschrieben. Damit besiegelte er die Zerschlagung seiner finanziell schwer angeschlagenen Gruppe. Am Mittwoch gewährten die rund 30 Gläubigerbanken den rettenden Überbrückungskredit. Der Pharmahersteller ratiopharm muss aber verkauft werden.

Merckle galt mit einem geschätzten Vermögen von 6,9 Milliarden Euro als fünftreichster Mann Deutschlands. Im weit verzweigten Merckle-Imperium sind mehr als 100 000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Jahresumsatz liegt bei 30 Milliarden Euro.

Das lange Ringen um die Rettung des Merckle-Imperiums - eine Chronologie der Verhandlungen

14. November 2008: Erstmals wird über einen Verkauf des zur Merckle-Gruppe gehörenden Generika-Herstellers ratiopharm spekuliert. Damit soll nach Medienberichten die Bilanz von Deutschlands größtem Baustoffhersteller HeidelbergCement verbessert werden.

17. November 2008: Merckle hat sich laut Finanzkreisen mit VW-Aktien verspekuliert und dabei schwere Verluste eingefahren.

18. November 2008: Merckle spricht mit Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) über eine Landesbürgschaft, stellt aber keinen Antrag. Nach Zeitungsangaben geht es um 150 Millionen Euro.

20. November 2008: Der Milliardär bestätigt, dass er bei Wetten mit VW-Aktien einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag verloren hat. In Bankenkreisen wird der Finanzierungsbedarf Merckles jedoch später auf 700 Millionen bis 1 Milliarde Euro geschätzt. Weitere Quellen sprechen davon, dass auf der Beteiligungsgesellschaft VEM Vermögensverwaltung Schulden von bis zu fünf Milliarden Euro lasten.

25. November: Bei einer Betriebsversammlung von ratiopharm sagt Adolf Merckles Sohn Ludwig, dass die Banken auf eine Zerschlagung des Firmenimperiums dringen.

3. Dezember: Merckle legt den Banken ein verbessertes Angebot vor und stellt Sicherheiten aus dem privaten Vermögen zur Verfügung.

8. Dezember: Der Unternehmer unterbreitet den Banken ein neues Angebot. Es enthält die Anteile an den Unternehmen ratiopharm, HeidelbergCement und dem Pharmagroßhandel Phoenix.

11. Dezember: Merckle droht nach Informationen aus Branchenkreisen damit, seine Holding VEM in die Insolvenz gehen zu lassen, sollte er keinen Kredit bekommen.

12. Dezember: Die Banken unterbreiten Merckle ein Gegenangebot. Der Unternehmer akzeptiert das Angebot nach Zeitungsangaben weitgehend. Er soll sogar zu einem ratiopharm-Verkauf bereit sein.

19. Dezember: Die Rettung der Merckle-Gruppe droht einem Pressebericht zufolge am Widerstand der Royal Bank of Scotland zu scheitern. Demnach weigert sich das britische Kreditinstitut, frische Mittel für die zum Merckle-Konglomerat gehörende Phoenix Pharmahandelsgruppe zur Verfügung zu stellen.

23. Dezember: Merckle und seine Gläubigerbanken einigen sich auf Eckpunkte eines Sanierungskonzepts. Eine endgültige Entscheidung, ob er das Angebot der Banken annehmen wird, will der 74-Jährige aber erst Anfang 2009 treffen. Einem Medienbericht zufolge boten die Banken dem Unternehmer einen Überbrückungskredit bis Ende März an. Bis dahin soll ein Sanierungsplan für die Unternehmensgruppe ausgearbeitet und ein längerfristiger Kredit ausgehandelt werden. Im Gegenzug dazu soll Merckle dem Bericht zufolge die Kontrolle über wichtige Teile seiner Firmengruppe abtreten.

27. Dezember: Beim Generikahersteller ratiopharm laufen nach einem Zeitungsbericht die Vorbereitungen für einen Verkauf des Unternehmens. Einen Tag später dementiert ein Unternehmenssprecher die Spekulationen.

30. Dezember: Alle beteiligten gut 30 Gläubigerbanken unterzeichnen eine Kreditstundung für die nächsten Monate.

5. Januar: Am späten Nachmittag wird Merckle in der Nähe seiner Wohnung in Blaubeuren südwestlich von Ulm von einem Zug erfasst und getötet. Der Unternehmer hinterlässt einen Abschiedsbrief. Die Ermittler gehen deshalb von einem Suizid aus.

7. Januar: Die Unternehmen der Merckle-Gruppe sind gerettet, das Firmengeflecht wird aber zerschlagen. Der Pharmahersteller ratiopharm muss verkauft werden und Ludwig Merckle muss als VEM-Geschäftsführer gehen. Nur unter diesen Bedingungen wollten die Gläubigerbanken den rettenden Überbrückungskredit gewähren.

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