Ärzte Zeitung online, 08.05.2009

Erreicht die Finanzkrise die Gesundheitswirtschaft?

Die Finanzkrise zieht immer größere Kreise: Banken, Automobilhersteller und Maschinenbauer melden katastrophale Umsatzeinbrüche, brauchen Staatshilfe und müssen Kurzarbeit anmelden. Und die Gesundheitsbranche? Bleibt sie ein Fels in der Brandung?

Von Antonia von Alten

Kliniken und Arztpraxen erreicht die Wirtschaftskrise erst mit Verzögerung.

Foto: ddp (1) Spectaris (2)

Verglichen mit anderen Branchen scheint die Gesundheitswirtschaft bisher fast ungeschoren davongekommen zu sein. Doch es lohnt sich genauer auf die Auftragszahlen, Umsätze und Erwartungen der Branche und einzelner Unternehmen zu schauen.

Recht gut aufgestellt sind die Pharma-Unternehmen: Dem Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller zufolge erwarten sie im Durchschnitt für 2009 ähnliche Umsatzzuwächse wie im vergangenen Jahr: 3,8 Prozent. Einzelne Firmen haben sogar noch höhere Erwartungen: Sanofi-Aventis kündigte an, 2009 den Gewinn pro Aktie um mindestens sieben Prozent zu steigern.

Ähnliche Töne sind aus der Medizintechnikbranche zu hören. "Negativrekorde habe ich nicht zu vermelden", verkündet Ulrich Krauss, Fachverbandsvorsitzender Medizintechnik des Industrieverbandes Spectaris, der etwa 150 der insgesamt mehr als 1250 deutschen Unternehmen der Medizintechnik vertritt.

Die Branche ist bisher vergleichsweise wenig von der Wirtschaftskrise betroffen. Der Umsatz ist auch 2008 gestiegen: um 2,5 Prozent auf 17,8 Milliarden Euro. Allerdings, so Krauss, seien die Erwartungen zu Jahresbeginn 2008 höher gewesen. Damals war ein Wachstum von fünf Prozent erhofft worden.

Die Medizintechnik bietet ein uneinheitliches Bild

Die Medizintechnikbranche präsentiert sich jedoch uneinheitlich. Es ist schwer, klare Tendenzen festzuhalten: Der Branchenriese Siemens beispielsweise berichtet konzernweit von Auftragseinbrüchen, die Medizintechniksparte jedoch meldet ein Auftragsplus. Beim Konkurrenten Philips hat dagegen die Flaute auch vor der Medizintechnik nicht haltgemacht. Der niederländische Konzern meldete einen Gesamtverlust von 57 Millionen Euro im ersten Quartal und verzichtete auf eine Jahresprognose.

"Einbrüche und Zuwächse - beides ist zu beobachten." Ulrich Krauss Fachverband Spectaris

Als Grund für den Einbruch wird steigender Preisdruck, ausgelöst durch Einsparungen im US-Gesundheitswesen genannt. Amerika spielt auf dem internationalen Markt für Medizintechnik die mit Abstand wichtigste Rolle. Mit Sorge verfolgen daher auch die deutschen Medizintechnikunternehmen, die 65 Prozent ihres Umsatzes im Ausland tätigen, die Entwicklung in den Vereinigten Staaten.

Uneinheitlich wie bei den großen Medizintechnikunternehmen ist das Bild auch bei den kleinen und mittleren. So berichtet Ulrich Krauss, dass von den 1250 deutschen Unternehmen der Branchen manche über Zuwächse von mehr als 20 Prozent berichten, andere aber Auftragseinbrüche von bis zu 30 Prozent beklagen und sogar von Kurzarbeit berichten. "Insbesondere kleine Firmen mit einem Umsatz von weniger als 10 Millionen Euro leiden gegenwärtig stärker unter der Krise", so Krauss. Der Ausblick von Spectaris für die Medizintechnikbranche im laufenden Jahr ist alles in allem verhalten optimistisch: Null bis ein Prozent Umsatzwachstum.

Verglichen mit Automobilherstellern stehen Pharma und Med-Techunternehmen also gut da. Aber wird es so bleiben? Und welche Faktoren entscheiden über Umsatzwachstum oder Umsatzeinbrüche in der Gesundheitswirtschaft?

Die Nachfrage bestimmt sehr stark der Staat

Angebot und Nachfrage, die in der freien Wirtschaft über Erfolg und Misserfolg entscheiden, gelten auch für die Gesundheitswirtschaft. Mit einer Einschränkung: Die Nachfrage kommt zum überwiegenden Teil vom Staat. Das heißt: Krisen und Konjunkturzyklen bleiben außen vor. Das gilt in Deutschland seit der Einführung des Gesundheitsfonds sogar noch stärker als vorher. Vor 2009 spürten die gesetzlichen Krankenkassen nämlich jeden Einbruch am Arbeitsmarkt sofort über sinkende Beitragseinnahmen und gaben das Minus möglichst an die Versorger - Ärzte und Krankenhäuser - weiter. Seit Jahresbeginn erhalten sie garantierte Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds. Wenn das Geld nicht reicht - der Schätzerkreis für die gesetzliche Krankenkasse sprach jüngst von einer Unterdeckung von 2,9 Milliarden - springt der Staat mit Darlehen ein, die die Kassen jedoch bis 2011 zurückzahlen müssen (wir berichteten). Spätestens dann erreicht die Krise die Gesundheitsbranche dann doch. Vermutlich werden die Kassen Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern eintreiben und versuchen, Ärzten und Kliniken weniger Geld für ihre Leistungen zu honorieren.

Auf diesen Moment warten die großen privaten Klinikketten, die am Ende als Krisengewinner dastehen könnten. Wenn bei den Kommunen, die immer noch Betreiber vieler Kliniken sind, die Steuereinnahmen wegbrechen und die Schulden steigen, werden sich die Gemeinden nach Ansicht der privaten Klinikbetreiber wieder vermehrt von ihren Zuschussbetrieben trennen.

An Zahnimplantaten sparen die Menschen in der Krise

Spätestens zum Jahresende 2009 wird diese Situation laut des Vorstandsvorsitzenden der Rhön-Kliniken, Wolfgang Pföhler, eintreten, und es wird eine neue Übernahmewelle geben. Rhön, Helios & Co. haben sich schon Geld für weitere Akquisitionen beiseitegelegt. Selbstbewusst präsentieren sie ihre Bilanzzahlen und berichten von Sanierungserfolgen und Wachstumsplänen.

"Ende 2009 werden die Steuern in den Kommunen einbrechen." Wolfgang Pföhler Vorstandsvorsitzender Rhön-Kliniken

Bleibt schließlich noch der zweite Gesundheitsmarkt. Wie wirkt sich die Krise dort aus? In Rezessionszeiten geht die Nachfrage zurück - und wenn Patienten OTC-Produkte oder IGeL-Angebote aus der eigenen Tasche zahlen müssen, dann überlegen sie es sich vielleicht zweimal. Bisher sind Rückgänge etwa bei Nobel Biocare zu beobachten. Der Hersteller von Zahnimplantaten meldete dieser Tage Gewinneinbrüche von fast 50 Prozent und erwartet auch in den nächsten Monaten keine Besserung. Die Patienten sparen sich die teueren Therapien oder verschieben sie.

Gilt das gleiche auch für IGeL-Angebote? Die Prognosen darüber sind unterschiedlich. Doch je überzeugter ein Arzt selbst von den Selbstzahlerleistungen ist, die er anbietet, desto eher wird er seine Patienten davon überzeugen, sie in Anspruch zu nehmen - auch in Krisenzeiten.

Gesundheitswirtschaft in Deutschland

Was gehört dazu? Krankenhäuser, Pflege- und Reha-Einrichtungen, Arzt- und Zahnarztpraxen, Apotheken, pharmazeutische und medizintechnische Industrie, medizinische Laboratorien.

Wie viele Beschäftigte?:

Fast 4,4 Millionen Menschen.

Wie viel geben die Deutschen für Gesundheit aus?: 252,8 Milliarden Euro. Das entspricht 10,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Wer bezahlt für die Gesundheit? 57 Prozent aller Ausgaben (145,4 Milliarden Euro) werden von den gesetzlichen Krankenversicherern getragen, gefolgt von privaten Haushalten mit 13,5 Prozent und privaten Krankenversicherungen mit 9,3 Prozent. Die restlichen 20 Prozent teilen sich die öffentlichen Haushalte, die soziale Pflegeversicherung, gesetzliche Renten- und Unfallversicherung sowie die Arbeitgeber.

Wofür wird das Geld ausgegeben?

Fast die Hälfte der Ausgaben (124 Milliarden Euro) werden im ambulanten Bereich ausgegeben (davon in Arztpraxen 38,4 Milliarden Euro, in Apotheken 36,4 Milliarden Euro). Im stationären und (teil-) stationären Sektor werden 91,8 Milliarden Euro ausgegeben, der größte Block (64,6 Milliarden Euro) fällt dabei auf Krankenhäuser.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 2007

Einbrüche und Zuwächse - beides ist zu beobachten.

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