Ärzte Zeitung online, 17.07.2009

Staatsanwalt: Bahn nicht schuld an ICE-Achsbruch

KÖLN (dpa). Gut ein Jahr nach dem Entgleisen eines ICE in Köln hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG eingestellt. Ihnen sei kein strafrechtlicher Vorwurf zu machen, teilte die Kölner Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Ein Gutachten hat demnach ergeben, dass bereits bei der Herstellung der Achse Fremdkörper ins Material gelangt waren. Dies führte zur Bildung eines Risses, sodass die Radsatzwelle schließlich brach. Die Materialverunreinigung sei für die Bahn nicht erkennbar gewesen.

Bei dem Unglück am 9. Juli 2008 war niemand verletzt worden.   Die Hersteller der Radsatzwelle können nach Angaben der Staatsanwaltschaft strafrechtlich ebenfalls nicht zur Verantwortung gezogen werden. Der Paragraf 315a des Strafgesetzbuches zur Gefährdung des Bahnverkehrs beziehe sich nur auf einen begrenzten Personenkreis, nämlich auf Verantwortliche für die Sicherheit des Schienenverkehrs. "Damit kommen die Hersteller von vornherein nicht als Täter in Betracht", erläuterte Staatsanwalt Timo Seesko. Deshalb seien die Ermittlungen für die Staatsanwaltschaft abgeschlossen.

Bahnvorstand Ulrich Homburg teilte in Berlin mit, das Unternehmen behalte sich Regressforderungen zum gesamten wirtschaftlichen Schaden durch das Achsenproblem vor. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und in enger Abstimmung mit dem Eisenbahn-Bundesamt alle Vorsichtsmaßnahmen umgesetzt, damit unsere Fahrgäste weiterhin sicher mit der ICE-Flotte unterwegs sind", sagte Homburg. "Jetzt erwarten wir von der Herstellerindustrie, dass sie ihren Beitrag zur endgültigen Lösung des Achsproblems leistet."

Das Gutachten zum Unfall erstellte das Bundesamt für Materialforschung in Berlin. Dieses kam nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu dem Schluss, dass "fertigungsbedingte Materialeinschlüsse" in der Radsatzwelle zu dem Riss geführt hatten. Die Fremdkörper seien bei der Herstellung im Jahr 2000 in das Material gelangt und hätten die zulässigen Normwerte überstiegen.

Für die Bahn sei dies bei den routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen der Achsen nicht feststellbar gewesen. Eine Analyse zum Reinheitsgrad der Radsatzwelle, die der Bahn bei der Lieferung vorgelegt worden sei, habe ebenfalls keine Hinweise darauf ergeben. Grund dafür sei, dass die Materialeinschlüsse nicht gleichmäßig auf die Achse verteilt seien. Weil es außerdem zuvor noch keine ähnlichen Vorkommnisse bei der ICE-3-Baureihe gegeben habe, treffe die Bahn-Verantwortlichen keine Schuld.

Auch dem Zugpersonal sei kein grob fahrlässiges Verhalten vorzuwerfen. Bereits auf der Fahrt von Frankfurt nach Köln hatten Reisende laute Geräusche gehört. Der Zugbegleiter hielt diese zunächst für unbedenklich, informierte aber per Funk die Zentrale. Dem Gutachten zufolge war die Achse schon vollständig gebrochen, ehe der ICE in den Kölner Hauptbahnhof einfuhr. Nach dem Verlassen des Bahnhofs entgleiste der Zug bei geringer Geschwindigkeit auf der Hohenzollernbrücke. Daraufhin zogen der Zugbegleiter und eine weitere Person die Notbremse. Das Verhalten des Zugpersonals biete keine Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Handeln oder Unterlassen, befand die Staatsanwaltschaft.

Bahnvorstand Homburg sagte, die Einstellung der Ermittlungen zeige, dass die Prüf- und Kontrollsysteme für die ICE-Flotte zuverlässig funktionierten. Seit dem Kölner Unfall würden alle Achsen des Typs ICE-3 zehnmal häufiger untersucht als vorher.

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