Ärzte Zeitung online, 01.09.2009

Neues Ausbildungsjahr: 99 000 noch unversorgt

BERLIN/NÜRNBERG (dpa). Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres am Dienstag waren bundesweit noch 99 100 Schulabgänger ohne Lehrstelle. Dies meldete die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag in Nürnberg. Die Zahl der noch Unversorgten lag damit um 29 700 unter der des Vorjahres. Ursache ist dafür der erhebliche Bewerberrückgang wegen der weiter sinkenden Schulabgängerzahl.

Insgesamt bewarben sich diesmal 515 000 junge Menschen um eine Lehrstelle - 85 200 weniger als noch 2008. Experten gehen davon aus, dass es neben den unversorgten Schulabgängern noch eine Vielzahl von Altbewerbern aus früheren Jahren gibt.

Unternehmen und Verwaltungen boten den Arbeitsagenturen von Oktober 2008 bis einschließlich August 2009 insgesamt 436 200 Ausbildungsplätze zur Vermittlung an. Das waren 30 500 oder sieben Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der gesetzliche Bilanzstichtag ist der 30. September - vier Wochen nach Beginn des neuen Ausbildungsjahres. Dann will die Bundesagentur zugleich eine Analyse vorlegen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) bezeichnete den Ausbildungsmarkt trotz der Wirtschaftskrise als stabil. Die Zahl der Bewerber sei im Vergleich zum Vorjahr mehr als doppelt so stark zurückgegangen wie die Zahl der den Arbeitsagenturen angebotenen Lehrstellen. Damit könnten auch Altbewerber verstärkt zum Zug kommen. "Das Ziel ist aber erst erreicht, wenn alle Bewerber ein Angebot bekommen", sagte Schavan. Die Unternehmen müssten bedenken, dass es in den nächsten Jahren noch weniger Bewerber geben wird. "Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte die Unternehmen davor, sich auf der demografischen Entwicklung auszuruhen. Die Wirtschaft beklage einen drohenden Fachkräftemangel, reduziere aber zugleich ihr Lehrstellenangebot, sagte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock. Vergleiche man das Angebot der Betriebe und die Zahl der Bewerber, so fehlten rund 110 000 Ausbildungsplätze. Nach Sehrbrocks Angaben gibt es 320 000 Altbewerber, die sich zum Teil seit mehreren Jahren um eine Lehrstelle bemühen.

Ver.di-Vize Frank Werneke sagte, in der Berufsausbildung häuften sich in jüngster Zeit Meldungen über untertarifliche Bezahlung und mangelnde Anleitung. Nötig sei ein gesetzlich verankertes "Grundrecht auf Ausbildung" sowie eine Verbesserung der Qualität. Auszubildende dürften nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden.

Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Priska Hinz, warf der Koalition vor, zunehmende Qualitätsprobleme der Berufsausbildung zu ignorieren. So könnten etliche Berufsschulen nach dem aktuellen Ausbildungsreport des DGB gerade im industriellen Bereich nicht mehr mit der technologischen Entwicklung in den Betrieben mithalten. Ein Problem sei dabei der zunehmende Lehrermangel. "Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, geht der Kern des dualen Systems verloren: die gleichwertige und aufeinander bezogene Ausbildung in Theorie und Praxis."

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