Ärzte Zeitung, 16.09.2009

Größere Putztruppe, mehr Videokonferenzen: Angst vor H1N1 (Schweinegrippe) beflügelt Non-Pharma-Branche

Durch die Schweinegrippe läuft nicht nur in den Impflaboren die Produktion auf Hochtouren. Auch in anderen Branchen können sich Firmen vor Aufträgen und Arbeit kaum noch retten.

Größere Putztruppe, mehr Videokonferenzen: Angst vor H1N1 beflügelt Non-Pharma-Branche

Foto: GSK / www.fotolia.de

Von Dirk Schnack

Wenn Staaten Impfstoffe und Grippemedikamente in gigantischen Mengen ordern, beflügelt das zum Teil die Aktienkurse der Pharmahersteller. Doch es gibt viele weitere Produkte, die plötzlich heiß begehrt sind. In Zeiten von H1N1 (Schweinegrippe) haben vor allem präventive Maßnahmen Hochkonjunktur. Die Angst vor Ansteckung führt dazu, dass besonders Firmen im Reinigungsgewerbe und Hersteller von Desinfektionsmitteln einen lange nicht erlebten Nachfrageboom erleben.

Sterimed heißt etwa ein neues Handdesinfektionsmittel, das seine Existenz der Schweinegrippe verdankt. Mit dem neuen Produkt reagiert der Hamburger Hersteller Canea Pharma auf die hohe Nachfrage in Deutschland.

In Apotheken sind Desinfektionsmittel gefragt

Wie viele Fläschchen das mittelständische Unternehmen davon herstellen wird, teilte es auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" nicht mit. Aber es kann ziemlich sicher sein, dass die Apotheken die gelieferte Menge auch verkaufen werden. Denn die Bevölkerung in Deutschland und in vielen anderen Ländern ist sensibilisiert für das Thema und will sich natürlich schützen. Wie stark dieses Schutzbedürfnis ist, das zeigt auch die aktuelle Produktionsausweitung bei Bode Chemie in Hamburg. Für das Produkt Sterillium, das als Desinfektionsmittel im Gesundheitswesen nach eigenen Angaben Marktführer ist, hat Bode die Produktion von zuvor 30 Tonnen am Tag verdoppelt - und kann dennoch nicht die komplette Nachfrage bedienen.

Nach Angaben von Geschäftsführer Dr. Ulrich Möllers hat das Unternehmen 45 neue Arbeitsplätze in der Produktion im Hamburger Stadtteil Stellingen geschaffen. Statt in zwei Schichten wird dort nun rund um die Uhr gearbeitet. Ein weiterer Produktionsausbau ist aber schwer umzusetzen. "Wir haben ein exorbitantes Zuliefererproblem", beschreibt Möllers die derzeitige Situation. Ein schneller Wechsel etwa des Etiketts ist gar nicht möglich, da die Zulassungsrichtlinien bei Arzneimitteln eingehalten werden müssen.

Möllers erwartet, dass sein Unternehmen neben der aktuellen Nachfragespitze auch langfristig eine Umsatzsteigerung von rund 30 Prozent erfahren wird. Trotz der hohen Nachfrage ist das Unternehmen bemüht, bei Krankenhäusern und Arztpraxen keine nennenswerten Lieferfristen aufkommen zu lassen. Möllers gibt aber zu bedenken: "Mit solch einem Bedarf konnte keiner rechnen. Alle Aufträge auf einen Schlag abzuarbeiten, das schafft man nicht."

Möllers Einschätzung wird unterstützt durch Berichte, wonach viele Betriebe und öffentliche Einrichtungen über dauerhafte Vorbeugemaßnahmen nachdenken. Auch Reinigungsunternehmen spüren die Auswirkungen der Schweinegrippe. Das Berliner Unternehmen GRG berichtet, dass viele Firmen in ihren Räumen die Reinigungsfrequenz erhöhen.

In Kantinen, Fahrstühlen und Tagungsräumen, wo zuvor nur einmal nach Feierabend gereinigt wurde, lassen Banken, Versicherungen und Reedereien heute auch zwischendurch Reinigungskräfte mit desinfektionsgetränkten Putzlappen durch die Räume ziehen. Davon erhoffen sie sich, dass die Verschleppung von Keimen erschwert wird. Zusätzlich lassen viele Firmen Handdesinfektionsmittel für die Mitarbeiter neben den Waschbecken installieren.

Große Nachfrage lässt die Preise steigen

Die Angst vor der Schweinegrippe hat aber auch für andere Produkte einen Nachfrageboom bei den Verbrauchern ausgelöst. Bei Dräger in Lübeck zum Beispiel wurde die Produktion für Atemschutzmasken "signifikant erhöht". Die Bestellungen für Videokonferenzsysteme sind bei Complus deutlich angestiegen. Biotechzulieferer Qiagen, der unter anderem Testverfahren zum Nachweis der Viren herstellt, führt einen Teil der guten Geschäftsentwicklung auf die Schweinegrippe zurück.

Die Kehrseite der Entwicklung: Weil Marktpreise aus Angebot und Nachfrage entstehen, müssen Konsumenten für die begehrten Produkte zum Teil tiefer in die Tasche greifen als noch vor wenigen Wochen. Canea Pharma etwa erhöht gerade den Preis für sein Desinfektionsgel "Waschen ohne Wasser" um 15 Prozent.

Mehr Geld auch für Ärzte möglich

Die Schweinegrippe kann zu einer Steigerung der Gesamtvergütung führen. Leistungen, die Ärzte im Zusammenhang mit einer nachgewiesenen A/H1N1-Infektion erbringen, müssen nach Vorgaben der KVen gekennzeichnet werden. Damit soll festgestellt werden, ob ein nicht vorhersehbarer Anstieg des vorab vereinbarten morbiditätsbedingten Behandlungsbedarfs besteht. Die Kassen müssten dann nachzahlen.

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