Ärzte Zeitung online, 18.09.2009

Vollautomatisches Zellkulturlabor auf drei Quadratmetern

ROSTOCK (dpa). Ein vollautomatisiertes Zellkultivierungssystem wurde am Donnerstag bei einem Kongress über die Automatisierung von Laborarbeiten in Rostock vorgestellt. Es kann monotone sowie zeitlich und personell aufwendige Laborarbeiten komplett übernehmen.

Mit einem leisen Pfeifen bewegt sich der Arm mit der Pipette an der Spitze zu dem kleinen Behälter mit Nährlösung und nimmt ein paar Tropfen Flüssigkeit auf. Weiter geht es zu einer speziellen Schale mit Zellkulturen, die Flüssigkeit wird abgegeben und zurück geht es zum Behälter. Der Vorgang wiederholt sich unzählige Male mit hoher Präzision. Die Maschine, ein vollautomatisiertes Zellkultivierungssystem, wird nicht müde.

Das System kann nach Angaben von Professor Kerstin Thurow, Chefin des Rostocker Forschungsnetzwerks Celisca (Center for Life Science Automation) monotone und personell aufwendige Laborarbeiten komplett übernehmen. Wenn die Zellen einmal in der Kulturflasche sind, muss bis zum Ende des Versuchs nach Tagen oder sogar Wochen kein Mensch mehr Hand anlegen.

"Umfangreiche Testungen, für die mehrere Menschen viele Jahre brauchen, kann ein Automat in weniger als 100 Tagen schaffen", sagt Thurow. Die Anschaffung der Anlagen rechne sich schnell, sie können Tag und Nacht arbeiten. "Roboter haben keine Gewerkschaft", sagt Thurow. Sie betont aber: "Wir wollen die Labor-Arbeitsplätze nicht abschaffen, wir wollen sie nur effektiver machen."

   Das Hightech-Labor inklusive Brutschrank ist in einem zwei Meter hohen Glasschrank mit einer Grundfläche von rund drei Quadratmetern untergebracht und laut Thurow in dieser Form und Präzision weltweit einmalig. Das hermetisch von der Umwelt abgeschlossene Labor, das die Arbeitskraft von bis zu drei technischen Mitarbeitern ersetzen kann, ist ein Alleskönner. Seine Fähigkeiten reichen vom Wechsel des Nährmediums über die Vitalitätskontrolle der Zellen bis hin zu deren Umsetzen in andere Kulturschalen. Sogar an einen kleinen Hammer zum Lösen der Zellen vom Schalenboden wurde gedacht.

Das in Rostock vorgestellte Labor ist noch ein Funktionsmuster, zur weiteren Entwicklung wurde das Hanseatic Institute of Technology in Rostock gegründet. Es soll die Überführung in den Produktstatus und die Vermarktung des rund 500 000 Euro Systems übernehmen.

Das Zellkulturlabor ist die neueste Errungenschaft von Celisca, das 2003 aus der Universität Rostock heraus gegründet wurde. Ziel ist es, Maschinen zu entwickeln, die sich stets wiederholende Arbeiten im Labor übernehmen und dabei mehr Proben und mit höherer Präzision bearbeiten, als dies Kollege Mensch kann. So ist es kein Problem für die Maschine, mit Kulturschalen mit 96 oder gar 384 Zellkultur-Löchern zu hantieren, das Medium zu wechseln oder Zellen zu zählen - Arbeiten, in herkömmlichen Laboren zu Fehlern oder Verschmutzungen der Kulturen führen können.

   Die Automatisierung im Labor ist nach Worten von Horst Klinkmann, Chef des Biotechnologie-Netzwerks BioCon Valley, die einzige Möglichkeit für die Branche in Deutschland, im weltweiten Konkurrenzkampf bei der Entwicklung neuer Medikamente mitzuhalten. Denn in den kommenden Jahren würden wegen der demografischen Entwicklung Tausende von Laborarbeitsplätzen unbesetzt bleiben.

Die für Labormitarbeiter zuständige Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie Energie steht den Neuerungen nicht negativ gegenüber. "Das ist unser tägliches Brot", sagt Bezirksleiterin Sabine Süpke. Solche Neuerungen gehörten zum Wesen in hochinnovativen und wissensdominanten Arbeitsbereichen.

Ein wenig skeptisch noch zeigte sich der Chef der Klinischen Pharmakologie an der Uniklinik Rostock, Professor Bernd Drewelow. Prinzipiell sei es zwar vorstellbar, dass das System auch in seinen Laboren angewandt werden könne. Aber viele Arbeiten dort seien so spezialisiert, dass sie von Hand gemacht werden müssten.

www.celisca.de

www.hanseatic-institute-technology.com

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