Ärzte Zeitung online, 05.11.2009

NDR nimmt Bluttests von ausgewählten Bewerbern

HAMBURG/STUTTGART (dpa). Auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nimmt Bluttests von Bewerbern, nachdem sie für eine Stelle im Sender ausgewählt worden sind. Beim NDR sei in einer Betriebsvereinbarung festgelegt, dass vor jeder Festeinstellung eine Einstellungsuntersuchung durch den Betriebsarzt durchgeführt werde, teilte der Sender am Donnerstag mit und bestätigte Angaben des Online-Portals taz.de.

NDR-Reporter hatten jüngst aufgedeckt, dass Jobsuchende beim Autohersteller Daimler sich schon während des Bewerbungsverfahrens Blut abnehmen lassen müssten - ohne feste Stellenzusage. Seitdem wird zwischen Arbeitsrechtlern, Datenschützern und Unternehmen kontrovers diskutiert, welche Untersuchungsergebnisse dem Arbeitgeber bekannt werden dürfen. Befürchtet wird, dass er Kenntnis über Schwangerschaften oder sogar Gendefekte eines Bewerbers erlangt.

Ein NDR-Sprecher bekräftigte, dass die Untersuchung im Sender erst nach der Jobzusage, aber vor Vertragsunterzeichnung erfolgt. Bei dem Gesundheitscheck werde die künftige Tätigkeit des Mitarbeiters berücksichtigt. Bei Kameraleuten etwa werde Gewicht auf das Sehvermögen gelegt, bei Tontechnikern auf die Hörfähigkeit oder bei Menschen, die auf Sendemasten steigen müssen, auf deren Höhentauglichkeit. "Im Rahmen der Eignungsuntersuchung wird auch ein Bluttest gemacht", teilte der Sender mit. Dieser könne Anhaltspunkte dafür geben, ob ein Mitarbeiter die vorgesehene Wochenarbeitszeit wird leisten können. "In diesem Fall überschreitet der NDR die rechtliche Grenze", sagte der Arbeitsrechtler der Universität Bonn, Gerrit Forst, taz.de.

Der Betriebsarzt teilt dem NDR nach dessen Angaben lediglich mit, ob ein Bewerber für die vorgesehene Tätigkeit gesundheitlich geeignet sei. "Die Diagnose verbleibt grundsätzlich beim Betriebsarzt." Die Untersuchung in dem öffentlich-rechtlichen Sender, der in Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern vertreten ist, orientiere sich an der Einstellungspraxis des öffentlichen Dienstes.

Die Bluttests beim Daimler-Konzern beschäftigen die Datenschützer, die ihren für diesen Freitag angekündigten Bericht auf kommende Woche verschoben haben. "Wir müssen noch einige Dinge erörtern", sagte der Datenschutz-Referent Walter Krämer der Deutschen Presse-Agentur dpa am Donnerstag in Stuttgart. Zudem müssten noch Arbeitsgerichtsurteile gesichtet werden, bei denen am Rande die Frage von Bluttests behandelt worden sei.

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[08.11.2009, 14:58:44]
Uwe Schneider 
Öffentlicher Dienst kein Vorbild!
Wenn der Staat bevor er jemanden verbeamtet umfassende Gesundheitsuntersuchungen vornehmen lässt und auch einen Bluttest verlangt, dann kann man das noch eher verstehen, denn Beamte können später nicht wegen nachhaltig die Arbeit beeinträchtigender Krankheit gekündigt werden. Im privatrechtlichen Arbeitsverhältnis ist das aber ein in der Person des Arbeitnehmers liegender Kündigungsgrund. Und solche privatrechtlichen Arbeitsverhältnisse liegen auch bei Angestellten im öffentlichen Dienst vor. Hier ist der Staat kein Vorbild, an dem sich die Privatwirtschaft orientieren sollte.

Hörtests für Tontechniker usw. ok. Umfassende Blutbilder sind dagegen schon sehr kritisch. Zumal die Erfahrung mit den Daimler-Werken in Sindelfingen und möglicherweise auch Bremen gezeigt hat, dass Werksärzte auch was die Einzelheiten angeht nicht immer dicht halten. "Die Diagnosne verbleibt g r u n d s ä t z l i c h beim Betriebsarzt" - diese eingeschränkte Aussage des NDR ist auch nicht unbedingt dazu geeignet Vertrauen zu schaffen. Und wie will man vom Blutbild auf die leistbare Wochenarbeitszeit schließen? Da mag es Korrelationen geben - und diese müssten zumindest von den Arbeitgebern ganz offen und schriftlich den Bewerbern/Mitarbeitern mitgeteilt werden. Denn je enger die Eignungskriterien gefasst sind, desto aussagekräftiger ist auch die bloße Mitteilung der Eignung durch den Betriebsarzt. zum Beitrag »

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