Ärzte Zeitung online, 06.08.2010

Interview

"Den Begriff ästhetische Medizin habe ich übrigens in meinem Büro erfunden"

Dank eines Nervengifts wurde aus dem ophthalmologischen Spezialpräparate-Hersteller Allergan innerhalb weniger Jahre (auch) ein Weltmarktführer für die ästhetische Medizin. Allergan-CEO David Pyott verrät im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", weshalb ein Chef auf seine Mitarbeiter hören sollte, welche Produkte sein Unternehmen in der Pipeline hat und warum er den Begriff "ästhetische Medizin" erfinden musste.

"Den Begriff ästhetische Medizin habe ich übrigens in meinem Büro erfunden"

"Ich glaube schon, dass wir ein besonderes Unternehmen sind." (David Pyott, Vorstandsvorsitzender bei Allergan)

© Allergan Inc.

Ärzte Zeitung: Wer sich das Produktportfolio von Allergan so ansieht, kommt ins Staunen. Neben klassischen Arzneimitteln finden sich Injektionspräparate für die ästhetische Medizin, Silikon-Implantate und chirurgische Medizinprodukte wie etwa Magenbänder. Wie kam es zu diesem Gemischtwarenladen?

David Pyott: Das kommt aus der Historie. Als Allergan vor genau 60 Jahren gegründet wurde, war unser erstes Standbein die Augenheilkunde. Hier hatten wir von Anfang an sowohl klassisch-pharmakologische Produkte als auch chirurgische Produkte im Angebot. Dazu kamen Consumer-Produkte, wie etwa Pflegemittel für Kontaktlinsen. Allergan ist also von Beginn an mehrgleisig gefahren.

Ärzte Zeitung: Viele andere Unternehmen im Healthcare-Sektor suchen ihr Heil in der Spezialisierung: Konzentrieren auf Kernkompetenzen, Synergien schaffen, das sind beliebte Stichworte…

Pyott: Ich glaube schon, dass wir ein besonderes Unternehmen sind. Wir fokussieren uns auf hochspezialisierte Nischen, in denen wir die Kundenbedürfnisse genau kennen. Das aktuellste Beispiel ist die Urologie. Hier haben wir vor zweieinhalb Jahren die Lizenz für Nordamerika für das Anticholinergikum Trospiumchlorid in einer neuen Freisetzungskinetik erworben. Um dieses Produkt herum haben wir dann weiter investiert, auch im Bereich Medizinprodukte. Das heißt: Wir kopieren die Strategie, die 60 Jahre lang in der Augenheilkunde funktioniert hat. Eine weitere Nische ist die ästhetische Medizin, unser zweites großes Standbein. Den Begriff habe ich übrigens in meinem Büro erfunden. Ich brauchte einen gemeinsamen Nenner für Botulinumtoxin, Brustimplantate, dermatologische Füllstoffe und ähnliche Produkte. Als Marketingfritze habe ich mich hingesetzt und nachgedacht. Der Begriff "ästhetische Medizin" funktioniert in allen Kulturen. Heute hat ihn die ganze Branche übernommen.

Ärzte Zeitung: Sie selbst sind 1998 CEO von Allergan geworden. In Ihre Zeit fällt die Etablierung von Botulinumtoxin als Präparat für die ästhetische Medizin. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?

Allergan

Branche: Allergan ist ein Pharma- und Medizinprodukteanbieter, der sich auf Nischenmärkte wie Augenheilkunde und ästhetische Medizin spezialisiert hat.
Mitarbeiter: Weltweit circa 8500 Mitarbeiter in 24 Ländern
Umsatz/Gewinn: 2009 erzielte Allergan einen Gesamtumsatz von 4,4 Milliarden US-Dollar. Das Ergebnis vor Steuern lag bei 848,5 Millionen US-Dollar.
Geschäftsfelder: Etwa die Hälfte seines Umsatzes macht Allergan mit Arzneimitteln und Medizinprodukten für Augenärzte (Lumigan, Restasis, Optive u.a.).
Weitere Schwerpunkte liegen in der ästhetischen Medizin (Vistabel, Botox, Latisse, Juvéderm u.a.), in der medizinischen Dermatologie (Zorac, Aczone u.a.), in der Neurologie (Botox) und in der Urologie. Allergan ist außerdem ein Anbieter von Magenbändern zur Gewichtsreduktion (Lap-Band, Orbera, Easyband). (gvg)

Pyott: Als ich zu Allergan kam, war Botulinumtoxin ein Orphan Drug, das bei Indikationen wie Blepharospasmus und Strabismus eingesetzt wurde. Mir wurde gesagt, das Umsatzpotenzial von Botulinumtoxin liege bei 5 Millionen US-Dollar. Pro Jahr wohlgemerkt. Ich habe dann viele Gespräche mit den Angestellten geführt. Und alle, die etwas weitsichtiger waren, haben mir gesagt, aus Botulinumtoxin könne man sehr viel mehr machen. Da haben wir dann investiert. Heute hat unser Botox® global 21 verschiedene Indikationen. Es ist ein internationaler Blockbuster, der knapp 30 Prozent unseres Gesamtumsatzes von 4,4 Milliarden US-Dollar ausmacht. Wir haben auch dank Botox® seit 1998 ein jährliches Umsatzwachstum von 18 Prozent erreicht. Trotzdem: Die Augenheilkunde bleibt unser Kerngeschäft, das rund die Hälfte des Unternehmens ausmacht.

Ärzte Zeitung: Im Jahr 2006 haben Sie das Portfolio von Allergan mit der Übernahme von Inamed weiter diversifiziert. Inamed ist unter anderem Silikon-Brustimplantate und ästhetische Füllstoffe her. Warum setzen Sie so stark auf Selbstzahlerleistungen?

Pyott: Letztlich ging es auch hier darum, eine Nische auszubauen, sodass die Kunden, in diesem Fall Ärzte für ästhetische Medizin, einen breit aufgestellten Ansprechpartner haben. Für die Region von der Nasenspitze aufwärts hatten wir Botulinumtoxin. Wir brauchten also noch Produkte für den Rest des Gesichtes. Wir haben intensiv nach Unternehmen gesucht, die dermale Füllstoffe im Angebot hatten und stießen dabei immer wieder auf das französische Hyaluronsäure-Produkt Juvéderm®. Letztlich sind wir dann bei dem kalifornischen Unternehmen Inamed gelandet, das bereits die US-Lizenz für Juvéderm® besaß und ansonsten eben Silikon-Implantate und das Magenband Lap-Band® vertrieb. Die etwas andere Ausrichtung des Unternehmens hat sicher auch mit mir zu tun. Bei Novartis war ich für Ernährungsprodukte zuständig. Den Riecher für Consumer-Trends habe ich wohl zu Allergan mitgebracht.

Ärzte Zeitung: Haben Sie bei Ihren alten Kunden nicht Kopfschütteln geerntet, als Sie auf einmal Silikon-Implantate, Faltenkiller und Magenbänder gegen Fettsucht ins Programm nahmen? Es gibt ja schon Mediziner, die diesen Dingen skeptisch gegenüber stehen…

Pyott: Das war eigentlich kein Problem. Der Bedarf war einfach da. Gerade das Magenband ist ja auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Grenzen verschwimmen. Ein großer Erfolg war, dass die europäischen Zulassungsbehörden einer Veränderung des Beipackzettels beim Magenband zugestimmt haben. Es steht jetzt drin, dass das Band zur Rückbildung eines Diabetes mellitus beitragen kann. Damit wird natürlich auch ganz anders über das Thema Erstattung diskutiert.

Ärzte Zeitung: Treiben Sie als Unternehmen diese Diskussionen aktiv voran?

David Pyott

Aktuelle Position: Seit 1998 Chief Executive Officer (CEO) des US-Unternehmens Allergan mit Sitz in Irvine, Kalifornien.
Werdegang/Ausbildung: Der heute 56-jährige David Pyott diplomierte in Internationalem und Europäischem Recht am Europa-Institut der Universität Amsterdam. Es folgten Master-Studiengänge an der Universität Edinburgh und an der London Business School. Aufgrund seines kosmopolitischen Lebenslaufs bezeichnet er sich selbst als "genmutierten Schotten".
Karriere: Bevor er zu Allergan kam, leitete Pyott den Geschäftsbereich Ernährungsprodukte bei Novartis. Zuvor war er bei Novartis und Vorgängerunternehmen Sandoz in den Bereichen strategische Planung, Marketing und allgemeines Management tätig, unter anderem in Malaysia, Singapur, Österreich und den USA.
Privates: verheiratet, vier Kinder (gvg)

Pyott: Wir sind sehr bemüht, Daten zu liefern. Aktuell haben wir in den USA eine Untersuchung gemacht, bei der wir Patienten mit Magenband verglichen haben mit einer Kontrollgruppe ohne Magenband. In den USA bezahlen in der Regel die Arbeitgeber die Krankenversicherung. Die Frage war, wie lange es dauert, bis sich ein Magenband bei sehr adipösen Menschen für das Unternehmen mit Blick auf den Diabetes rechnet. Das Ergebnis war sehr erstaunlich: Es sind nur 2,3 Jahre. Unabhängig davon haben wir auch eine eigene Abteilung mit 100 Mitarbeitern, die sich nur um das Thema Erstattung bei verschiedenen Produkten, unter anderem beim Magenband, kümmern.

Ärzte Zeitung: In der ästhetischen Medizin ist Allergan vor allem durch Zukäufe gewachsen. Sie sind aber auch ein forschendes Unternehmen. Wie viel Geld stecken Sie in Forschung und Entwicklung?

Pyott: Das F&E-Budget ist seit 1998 von 98 auf circa 750 Millionen US-Dollar für 2010 gestiegen. Das sind in den letzten Jahren etwa 16 bis 17 Prozent des Umsatzes gewesen. Bei Medizinprodukten liegt der Anteil der Forschung am Umsatz bei branchenüblichen zehn Prozent. Wenn wir uns die Pharmasparte separat ansehen, sind wir bei knapp 20 Prozent und damit in einem Bereich, in dem sich hoch innovative Biotech-Unternehmen bewegen.

Ärzte Zeitung: Welche Produkte aus Ihrer Pipeline halten Sie für besonders vielversprechend?

Pyott: Sehr spannend ist sicher der Einsatz von Botulinumtoxin bei schwerer Migräne. Der Zulassungsantrag ist in den USA, Europa und anderen Ländern eingereicht. Wir hoffen, dass wir die Zulassung im dritten Quartal 2010 bekommen. Das wäre ein ungeheurer Durchbruch. Die Patienten mit dieser schweren Migräne werden vor allem von Neurologen behandelt. Wenn sich das Präparat hier durchsetzen sollte, könnten wir für die Zukunft sicher die Frage diskutieren, ob das nicht auch eine Therapie wäre, die von Hausärzten angewandt werden könnte. Aber so weit sind wir noch nicht. Bevor wir den Himalaya besteigen, müssen wir erst einmal die Alpen überqueren…

Ärzte Zeitung: Wie sieht die Pipeline im Bereich Ophthalmologie aus?

Pyott: Bei Lumigan®, unseren Augentropfen zur Senkung des Augeninnendrucks, haben wir die Freisetzungskinetik so verändert, dass wir jetzt einen Nachfolger mit um zwei Drittel geringerer Wirkstoffkonzentration anbieten können. Lumigan® 0,01% wurde kürzlich von der EMA zugelassen. Bei gleicher Wirkung ist das UAW-Profil deutlich besser. Vorher bekam jeder zehnte Patient bei Anwendung ein rotes Auge. Das Problem tritt jetzt praktisch gar nicht mehr auf. Interessant ist auch das Produkt Ozurdex®, für das wir am 28. Juli die Zulassung durch die EMA für die Indikation Makulaödem als Folge retinaler Venenverschlüsse bekommen haben. Ozurdex® ist ein innovatives Polymer, das mit Dexamethason beladen wird. Man spritzt es seitlich am Auge in den Glaskörper. Dort löst es sich in etwa drei Monaten auf und wirkt über vier bis fünf Monate. Das vermeidet zum einen Druckspitzen, die sonst bei Steroid-Injektionen am Auge auftreten. Zum anderen bieten sich hier interessante Ansätze für Kombinationstherapien. Möglicherweise lässt sich die Zahl der Antikörperinjektionen reduzieren.

Ärzte Zeitung: In den USA vertreiben Sie mit dem Ciclosporin-Präparat Restasis das einzige kausale Therapeutikum für Patienten mit trockenem Auge. Wann wird dieses Produkt auch in Europa erhältlich sein?

Pyott: Das Unternehmen Allergan ist Weltmarktführer bei künstlichen Tränen, die aber letztlich das trockene Auge nur jahrzehntelang bewässern. Mit Ciclosporin gehen wir an die Wurzeln des Problems. Und die Patienten schätzen das sehr: In den USA haben wir mit Restasis im vergangenen Jahr 500 Millionen US-Dollar Umsatz gemacht. In Europa wird das Produkt immer häufiger über internationale Apotheken bestellt. Wir arbeiten daran, dass es auch in Europa zugelassen wird. Das ist ein riesengroßer Markt, der weiter wächst: Die Menschen werden älter. Die Zahl der Computerarbeitsplätze nimmt zu. Und vor allem in Asien und Lateinamerika steigt die Umweltverschmutzung. Das alles führt dazu, dass trockene Augen häufiger werden.

Das Gespräch führte Philipp Grätzel von Grätz

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