Ärzte Zeitung online, 22.11.2010

Hohe Kosten für Firmen durch psychische Krankheiten

BERLIN (dpa). Immer mehr Mitarbeiter in Unternehmen werden psychisch krank. Dadurch wächst laut Experteneinschätzung auch die finanzielle Belastung der Firmen - in Milliardenhöhe.

Seit 1998 sei die Zahl der von psychischen Krankheiten verursachten Fehlstunden um 80 Prozent gestiegen, erläuterte das Centrum für Disease Management der TU München am Montag in Berlin. Durch psychische Erkrankungen entstünde jährlich ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens acht Milliarden Euro.

Hauptursache für den Anstieg seien Druck und Stress in vielen Jobs, etwa durch die ständige Erreichbarkeit mit modernen Kommunikationsmitteln, erläuterten Experten anlässlich des Kongresses "Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz".

Betroffen sind demnach vor allem Arbeitnehmer in Ballungsräumen. Hier seien Beruf, Familie und Freizeit oft besonders schwer unter einen Hut zu bringen, was wiederum Stress verursache.

Viele Unternehmen hätten das Problem aber inzwischen erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet, zum Beispiel in Form von Schulungen für die Führungskräfte und die Belegschaft. Die Teilnehmer lernen dort unter anderem, mit psychisch kranken Kollegen richtig umzugehen.

[24.11.2010, 11:06:52]
Dr. Anton Safer 
Arbeitsdruck ist die Hauptursache
Die Hauptursache ist der Arbeitsdruck in den Unternehmen.
Zuvorderst dabei stehen zahllose bürokratische Prozesse, häufige Änderungen im Betriebsablauf, Umorganisationen, strikte Zielvorgaben an die Mitarbeiter, "Leistungsvereinbarungen", Maximierung der Kontrollen, eine Mißtrauenskultur mit der Folge strikter Überwachung, und (verborgen hinter dem Mantel der Teamarbeit) Anstachelung des Konkurrenzgedankens. Wen wundert es, dass immer mehr Menschen diesem Druck nicht mehr Stand halten, und krank werden? Am Ende setzt man die Menschen "frei", und verlagert so die Kosten des verantwortungslosen Handelns an die Betroffenen und die Öffentlichkeit, und sozialisiert damit die Kosten
.
Das Problem ist seit Jahrzehnten wohlbekannt. Der falsche Umgang mit Mitarbeitern ist ebenfalls ein Problem, aber keineswegs die Ursache. Daher sind Schulungen ein Placebo: es hilft etwas, wenn man daran glaubt. Aber es ändert nichts an den Ursachen.

Tatsache ist: das Ziel maximaler Gewinn steht immer noch an der Spitze aller Unternehmensziele, egal wie und koste es was es wolle. Kein Wunder, denn entgegen die Spitzenmanager werden hauptsächlich danach bezahlt. Würde man sie hauptsächlich nach langfristigeren Erfolgen/Misserfolgen des Unternehmens bezahlen, und an den Kosten ihres Handelns beteiligen, zum Beispiel durch Einkommensabschläge bei der Quote erkrankter Mitarbeiter, so würden sie wahrscheinlich ihr sozial schädliches Verhalten ändern.

Wie sagte Herr Schrempp, als er Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz wurde? Ich kenne nur 3 Unternehmensziele: "1. Gewinn, 2. Gewinn, 3. Gewinn!". Das Ergebnis seines Handelns war ein nachhaltiges Desaster, sowohl finanziell für das Unternehmen, als auch für Tausende Mitarbeitern, deren Gesundheit und Psyche von einem unsinnigen Merger beschädigt wurde. zum Beitrag »
[23.11.2010, 12:30:26]
Susanne Heim 
Gegenmaßnahmen?
Mit psychisch kranken Kollegen "richtig" umgehen zu lernen, ist ja löblich. Aber warum kommt niemand mal auf die naheliegende Idee, die erkannten und benannten Ursachen anzugehen?! zum Beitrag »

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