Ärzte Zeitung online, 25.11.2010

Merz plant für die Zeit nach Memantine

FRANKFURT/MAIN (cw). Der mittelständische Pharmahersteller Merz arbeitet mit Hochdruck daran, unabhängiger von seinem Hauptprodukt Memantine zu werden. Das Alzheimer-Medikament trägt gegenwärtig mehr als die Hälfte zum Gruppenumsatz bei, verliert aber zwischen 2014 und 2015 den Patentschutz in wichtigen Märkten.

Bis 2018 will das Familienunternehmen vier Standbeine etabliert haben, kündigte Dr. Martin Zügel, Sprecher der Geschäftsleitung, bei einem Pressetermin in Frankfurt an. Sukzessive solle das Wachstum dieser Sparten - medizinische und ästhetische Dermatologie, OTC/OTX-Produkte, Neurotoxine - den starken Umsatzbeitrag von Memantine verwässern.

Herzstück dieser Strategie sind die diversen medizinischen und ästhetischen Anwendungsmöglichkeiten von Botulinumtoxin, kosmetische Filler, Apotheken-Marken wie etwa Contractubex® oder Pantogar® sowie die Expansion in Amerika, Asien und Osteuropa.

Einen großen Schritt auf diesem Weg habe man durch die Übernahme des US-Unternehmens BioForm Medical im Februar dieses Jahres gemacht, erklärte Zügel.

Rund 176 Millionen Euro hatte sich Merz den Hersteller eines Mittels gegen Gesichtsfalten kosten lassen und dafür auf einen Schlag eine US-Vertriebsorganisation für ästhetische Medizin bekommen.

Zügel rechnet damit, dass Merz innerhalb der kommenden vier bis fünf Jahre die Umsatzschwelle von einer Milliarde Euro erreicht. Wenn Memantine zwischen 2014 und 2015 den Patenschutz in Europa und den USA verliert, werde es zwar noch einen mehr oder minder starken Umsatzrückgang geben. Ab 2018 sollten die neuen Geschäfte aber in der Lage sein, diese Delle auszugleichen.

In diesen Überlegungen noch nicht berücksichtigt ist die Entwicklung des Tinnitus-Kandidaten Neramexane. Mittlerweile lägen Daten aus zwei Phase-III-Studien vor, teilte Zügel mit.

Die erste Studie mit 400 Patienten sei "gut und vielversprechend verlaufen". Dagegen habe die zweite Studie eine hohe Placebo-Response gezeigt. Die Daten würden jetzt ausgewertet und sollen im ersten Quartal 2011 veröffentlicht werden.

Die Entscheidung über die Zukunft des Wirkstoffs wird wohl erst die dritte Studie bringen. Deren Resultate könnten im 4. Quartal kommenden Jahres vorliegen. Demnach wäre der früheste Termin zur Einreichung der Zulassungsunterlagen 2012.

Neramexane, so Zügel weiter, stelle eine große Chance für Merz dar, berge aber auch noch viele Risiken. Der Merz-Geschäftsführer bekräftigte frühere Aussagen, wonach für den Wirkstoff erst dann ein Vertriebspartner gesucht werde, wenn die Phase III erfolgreich absolviert ist.

Merz im Geschäftsjahr 2009/2010 (zum 30.6.): Der Umsatz nahm um 14 Prozent auf rund 674 Millionen Euro zu. Anhaltend gutes Wachstum verbuchte Memantine. Die Lizenzeinnahmen von Forest und Lundbeck nahmen zweistellig zu, die im Heimatmarkt aus eigenem Produktvertrieb (Axura®) erzielten Erlöse um fünf Prozent. Vom Merz-Gesamtumsatz entfielen 348 Millionen Euro allein auf Memantine.

Während Merz im Ausland zweistellig zulegen konnte - um knapp 22 Prozent auf 489 Millionen Euro -, gingen die Verkäufe im deutschen Markt um 1,7 Prozent auf knapp 185 Millionen Euro zurück.

Die Ursache dafür lag vor allem im OTC-Geschäft, das nicht nur unter der Wirtschaftskrise litt, sondern auch mit einem unglücklichen Packungsrelaunch zu kämpfen hatte.

Vor Steuern verbesserte sich der Gewinn um 22 Prozent auf 151 Millionen Euro, von denen 106 Millionen (plus 16 Prozent) im Unternehmen blieben.

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