Ärzte Zeitung online, 29.06.2011

"Wir sind selber schuld"

FRANKFURT/MAIN (cw). Der Pharmagroßhandel steht unter Druck. Das ist eigentlich kein neues Phänomen, seit Jahren kämpfen die Grossisten gegen den Margenverfall. Doch selten wurde der Schuldige dafür so offen benannt wie jüngst von Anzag-Vorstandschef Dr. Thomas Trümper: "Wir tragen selbst die Schuld, nicht der Gesetzgeber".

"Wir sind selber schuld"

Anzag-Chef Trümper: "Betriebswirtschaftlich unsinnige Konditionen".

© Anzag

"Würden wir diese betriebswirtschaftlich unsinnigen Konditionen nicht geben", so Trümper am Mittwoch in Frankfurt am Main, "hätten wir ausreichend Ertrag". Offenkundig kann sich keiner der großen Player im Pharmahandel aus diesem Gruppenzwang lösen.

Auch die Stuttgarter Celesio hatte kürzlich den ruinösen Rabattwettbewerb in Deutschland beklagt, desgleichen die Münchener Sanacorp. Beide Häuser führten die Misere jedoch auf staatliche Maßnahmen zurück, Sanacorp sprach von "Effekten des AMNOG".

Dagegen appelliert Trümper, der auch Vorsitzender des Branchenverbandes Phagro ist, "an die Vernunft der Marktbeteiligten": "Wir müssen irgendwann mal wieder ein Prozent Marge sehen". Aktuell betrage die Rendite im Branchendurchschnitt lediglich 0,1 Prozent.

Trümper: "Damit sind wir dramatisch weit von dem Niveau entfernt, das wir als Handelsunternehmen bräuchten, um die Risiken unseres Geschäfts auszusteuern und darüber hinaus die Vorfinanzierung der Arzneimittel für die Apotheken zu übernehmen".

Hoffnung: Neue Großhandelsvergütung

Eine Chance für die beschworene Rationalität erhofft sich Trümper nicht zuletzt von der neuen Großhandelsvergütung. Ab 2012 erhalten die Händler eine fixe Packungsgebühr von 0,70 Euro plus einen Zuschlag von 3,15 Prozent auf den Herstellerabgabepreis (gedeckelt bei 37,80 Euro).

Da Rabatte an die Apotheken künftig nur aus diesem Zuschlag gewährt werden können, ist der ungebremsten Nachgiebigkeit gegenüber umsatzstarken Apothekenkunden eine gewisse Grenze gesetzt.

Ob das reicht, um die Grossisten der Sonne wieder näher zu bringen? Trümper jedenfalls rechnet nicht damit, dass künftige Gesundheitsreformen an seinen Leuten spurlos vorbeigehen. Vielmehr werde sich auch von dieser Seite "der Kostendruck im Distributionssystem für Arzneimittel in den kommenden Jahren verstärken".

Anzag will keine "brutalen Einschnitte"

Kurzfristig reagiert die Anzag darauf mit gezielten Sparmaßnahmen, mittelfristig sollen neue Geschäfte der Ertragslage aufhelfen - Zielgruppe sind Industrie und Patienten. "Wir werden jeden Stein rumdrehen", kündigte Trümper an. "Brutale Einschnitte" oder gar Massenentlassungen seien jedoch nicht geplant.

Durch die Zugehörigkeit zum internationalen Pharmahändler Alliance Boots - im vorigen Herbst übernahmen die Briten die Mehrheit - verbessere sich zudem das Standing der Anzag im Markt. Etwa gegenüber der Pharmaindustrie, der man zusätzliche Logistikdienstleistungen anbieten will.

Auch Konzepte für Patientenprogramme könnten von der Konzernmutter kommen. "Das sind die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen werden. Nur Arzneimittel einzukaufen und termingerecht auszuliefern, wird in Zukunft nicht mehr reichen".

Auch Industrie-Konditionen und Direktbelieferung der Hersteller drücken das Geschäft

Da die Anzag ihr Geschäftsjahr auf einen Quartalsrhythmus umgestellt hat, wurden jetzt die Zahlen für das Rumpfgeschäftsjahr (vom 1.09.2010 bis 31.03.2011) vorgelegt: Der Umsatz betrug in der Berichtszeit 2,5 Milliarden Euro, der Gewinn vor Steuern (EBT) 10,8 Millionen Euro.

Die Rohertragsmarge verschlechterte sich im Vergleich zum vorangegangenen vollen Geschäftsjahr 2010 um 0,6 Punkte auf 5,9 Prozent, die EBT-Marge ging von 1,17 Prozent auf 0,43 Prozent zurück.

Für Eintrübung sorgten neben dem scharfen Rabattwettbewerb auch schlechtere Industrie-Konditionen, die Zunahme der Direktbelieferung von Apotheken durch Hersteller sowie der seit Anfang 2011 geltende Großhandelsrabatt an die GKV (0,85 Prozent vom Herstellerabgabepreis).

Knapp 92 Prozent der Erlöse erzielte die Anzag im Heimatmarkt, den Rest über Tochtergesellschaften bzw. Beteiligungen in Rumänien, Kroatien und Litauen.

Sondereffekte - nicht abzugsfähige Abschreibungen auf Firmenwerte sowie eine Rückstellung für Betriebsprüfungen - erhöhten die Steuerquote von üblicherweise rund 30 Prozent auf diesmal 70,6 Prozent. Der Anzag blieb ein Überschuss von 3,2 Millionen Euro.

Für das laufende ebenso wie für das folgende Geschäftsjahr prognostiziert Anzag-Chef Trümper weiteren Gewinnrückgang: "Wir werden bemüht sein, keine Verluste einzufahren".

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