Ärzte Zeitung online, 28.10.2011

Merck: Galgenfrist und Frischzellenkur

"Weniger ist mehr" lautet die Devise von Merck-Chef Kley, wenn er auf Pharma zu sprechen kommt. Die Arzneimittelsparte des Darmstädter Traditionskonzerns soll auf Vordermann gebracht werden: Neben einer Pipelinebereinigung steht auch die Profitabilität der OTC-Unit auf der Tagesordnung.

Merck: Galgenfrist und Frischzellenkur

Will die Pharmaforschung effizienter machen: Merck-Chef Karl-Ludwig Kley.

© Merck KGaA

DARMSTADT (cw). Gerade mal acht Prozent des Pharmaumsatzes erzielt die Merck KGaA mit verschreibungsfreien Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln; darunter so bekannte Marken wie Cebion®, Kytta®, femibion®, Nasivin® oder in den angelsächsischen Ländern Seven Seas®.

Schon früher wurden immer wieder mal Stimmen laut, die die Zukunft der kleinen Sparte Consumer Health Care unter dem Merck-Dach bezweifelten. Doch stets beteuerte das Management, an dem Geschäft festhalten zu wollen.

Hat sich der Wind jetzt gedreht? Konzernchef Karl-Ludwig Kley hat eine Galgenfrist gesetzt. Zwei bis drei Jahre wolle man noch versuchen, aus dem Consumer-Business "was zu machen".

Geschäft hinkt Wettbewerb hinterher

Mit einer Bruttomarge zwischen 65 und 70 Prozent sei OTC zwar ein "strukturell schönes Geschäft". Allerdings hinke die Profitabilität deutlich dem hinterher, was in der Branche üblich sei.

Wettbewerber hätten zweistellige operative Renditen, teilweise bis zu 20 Prozent. Bei Merck beträgt diese Kennzahl nach den ersten neun Monaten dieses Jahres neun Prozent.

"Wir haben das Potenzial unserer Marken noch nicht in allen Märkten voll ausgefahren", gibt Kley die Richtung vor.

Ob die Sparte verkauft wird, wenn das in der vorgegebenen Zeit nicht funktioniert? Da will sich Kley noch nicht festlegen. Das letzte Wort hat in dem Familienunternehmen ohnehin der Gesellschafterrat.

Pipeline vor der Konsolidierung

Aber auch die Rx-Sparte Merck Serono wird einer Frischzellenkur unterworfen. Nach dem unfreiwilligen Aus für das orale MS-Mittel Cladribin im Juni - EMA und FDA hatten die Zulassung abgelehnt - wurden mehrere weitere Pipeline-Projekte eingestellt.

So etwa zwei Krebs-Kandidaten in frühen Entwicklungsstadien (IMO-2055 und EMD 1204831), die Indikationserweiterung für Erbitux® gegen Brustkrebs (in Phase II), eine neue Formulierung für den MS-Blockbuster Rebif® in den USA sowie ARX-201, ein neuartiges Wachstumshormon in Phase II.

Außerdem wurde der bereits in Phase III getestete Parkinson-Kandidat Safinamid an Lizenzgeber Newron zurückgegeben.

Kley will F&E beschleunigen

Weitere Entwicklungsprojekte sollen überprüft werden, beispielsweise Kandidaten gegen Lupus, Arthritis oder Alzheimer. Man wolle "alles rausnehmen, was keinen wirtschaftlichen Erfolg verspricht", so Kley.

Zudem sollen Forschung und Entwicklung schneller werden. Die frühen klinischen Phasen müssten kürzer und der Kontakt zu den Zulassungsbehörden besser werden.

Ungünstige Währungseffekte, hohe Ausgaben für klinische Studien in der späten Phase sowie Abschreibungen etwa wegen der Einstellung des oralen MS-Mittels Cladribin oder der Akquisition des Labordienstleisters Millipore haben der Merck KGaA in den ersten neun Monaten dieses Jahres sowohl operativ als auch nach Steuern einen zweistelligen Gewinnrückgang beschert.

Der Konzernumsatz stieg in der Berichtszeit um 13 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis sank um fast 30 Prozent auf 693 Millionen Euro. Nach Steuern blieben mit 482 Millionen Euro knapp 18 Prozent weniger in der Konzernkasse.

Das Rx-Geschäft Merck Serono setzte von Januar bis Ende September mit 4,4 Milliarden Euro rund zwei Prozent mehr um, der operative Sparten-Gewinn ging um fast 70 Prozent auf 176 Millionen Euro zurück.

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