Ärzte Zeitung online, 23.11.2011

Merz steckt Neramexane-Schlappe gelassen weg

FRANKFURT/MAIN (cw). Umsatz und Gewinn sind beim Familienunternehmen Merz im Lot. Da macht man aus dem Scheitern des interessantesten Pipelinekandidaten, des Tinnitus-Mittels Neramexane, kein Drama. Das Umsatzziel von einer Milliarde Euro werde auch so erreicht, ist sich Geschäftsführer Dr. Martin Zügel sicher.

Ein Erfolg mit Neramexane wäre ein schönes Add-on gewesen, gibt sich Zügel betont gelassen. Nach drei internationalen Phase-III-Tests kamen die Merz-Forscher zu der Erkenntnis, dass die Daten für eine Zulassung nicht reichen. Inzwischen hat Merz alle eigenen Aktivitäten mit dem Tinnitus-Kandidaten gestoppt.

Allerdings hat der japanische Entwicklungspartner Kyorin eine Phase-II-Studie basierend auf den früheren Erfahrungen von Merz aufgesetzte. Diese Studie wolle man noch abwarten und erst dann endgültig über Neramexane entscheiden.

Mehrere Gründe für das Scheitern der Phase-III-Studien

Laut Zügel gibt es mehrere Gründe für das Scheitern der bisherigen Versuche. So seien alle drei Studienarme mit durchschnittlich je 300 Patienten wohl zu gering besetzt gewesen.

Außerdem habe man den hohen Placeboeffekt unterschätzt, der beim Tinnitus etwa 40 Prozent betrage, was den Wirksamkeitsnachweis erheblich erschwere.

Ein weiterer Grund für die unbefriedigenden Ergebnisse sei der subjektive Faktor, mit dem der Schweregrad der Erkrankung korreliere. Es gebe Patienten, die Ohrgeräusche überhaupt nicht als störend wahrnähmen und solche die, so Zügel, "am liebsten aus dem Fenster springen würden".

Ein Instrumentarium, diese Patienten gezielt herauszufiltern, habe gefehlt. Zügel: "Wir müssen in der Diagnostik besser werden". Das werde bei dem jetzigen Test durch Kyorin berücksichtigt.

Auf dem Weg zu einem multinationalen Spezialisten

Anlass zur Sorge bereitet der Produktausfall aber nicht: Um 20 Prozent konnten die Konzernerlöse des hessischen Mittelständlers 2011/12 (zum 30. Juni) zulegen, und im aktuellen Geschäftsjahr sollen erneut mehr als zehn Prozent draufgesattelt werden; beim Vorsteuergewinn sogar mehr als 20 Prozent.

Man sei auf dem besten Weg, das Umsatzziel eine Milliarde Euro in den kommenden drei bis vier Jahren ebenso zu erreichen wie die für 2018 angepeilte Positionierung als multinational aufgestellter Nischenspezialist, erklärt Zügel. Derzeit dominiert zwar noch Memantine das Geschäft. 47 Prozent der Merz-Erlöse entfallen auf eigene Produktumsätze mit sowie Lizenzgebühren für den Alzheimerwirkstoff.

Botulinumtoxin A wird Umsatzausfälle kompensieren

Doch die Fortschritte mit Botulinumtoxin A für ästhetische, dermatologische und neurologische Zwecke lässt erkennen, wie Merz Umsatzausfälle kompensieren wird, wenn Memantine ab 2013 im Heimatmarkt und ab 2015 in den USA den Patentschutz verliert.

So hat die amerikanische Oberbehörde FDA das Neurotoxin unter dem Namen Xeomin® kürzlich gegen zervikale Dystonie und Lidkrampf zugelassen. Auch für die ästhetische Anwendung gab die FDA Grünes Licht.

Im europäischen Anerkennungsverfahren hat Merz für sein Botulinumtoxin als Bocouture® (ästhetische Anwendungen) während des vergangenen Geschäftsjahres elf weitere nationale Zulassungen erhalten.

Konzernumsatz stieg 2010/11 um 20 Prozent

2010/11 stieg der Konzernumsatz um 20 Prozent auf 780 Millionen Euro. Der Gewinn vor Steuern nahm um elf Prozent auf 166,6 Millionen Euro zu, der Jahresüberschuss um sechs Prozent auf 113 Millionen Euro.

Das Hauptprodukt Memantine erlöste für Merz mit 367,7 Millionen Euro knapp sechs Prozent mehr als im vorherigen Geschäftsjahr. Weltweit betrug der Marktumsatz von Memantine 1,9 Milliarden Dollar (+9,0 Prozent).

Umsatzwachstum verzeichnet Merz vor allem im Ausland, versichert Geschäftsführer Zügel. In Deutschland, wo der Mittelständler noch rund 20 Prozent erwirtschaftet, habe der von sechs auf 16 Prozent erhöhte GKV-Herstellerrabatt Stagnation bewirkt.

Stellenabbau in Deutschland

Die internationale Expansion aber auch die Konzentration des Vertriebs hierzulande auf Allgemeinärzte und Neurologen wird im laufenden Geschäftsjahr für Beschäftigungsabbau an den deutschen Standorten sorgen. 120 Mitarbeiter - rund zehn Prozent der inländischen Belegschaft - werden das Unternehmen verlassen, heißt es.

Dabei wechselt das Gros zu externen Dienstleistern, etwa Leasingaußendiensten oder Logistikunternehmen. Der Abbau erfolge im Einvernehmen mit dem Betriebsrat.

In den USA sowie einigen Emerging Markets plant Merz dagegen, Leute einzustellen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Warum der Dschihad Kriminelle anzieht

Aus Daten des Bundesverfassungsschutzes kann man die Blaupause eines typischen islamistischen Terroristen zeichnen. Welchen Typen Mensch zieht der sogenannte Gotteskrieg magisch an? mehr »

Diese Ärzte erhalten Bestnoten

Welche Arztgruppe hat die zufriedensten Patienten? Ein Arztbewertungsportal hat mehr als eine Million Online-Bewertungen analysiert. mehr »

Bisher kein nachweisbarer Nutzen

Acht Jahre nach Einführung des Hautkrebs-Screenings in Deutschland gibt es noch keine verlässlichen Daten über dessen Nutzen. Daran ändert auch eine aktuelle Analyse nichts. mehr »