Ärzte Zeitung online, 01.12.2011

Singapur lockt deutsche MedTech

Seit geraumer Zeit investiert Singapur massiv in die Weiterentwicklung des bereits sehr gut etablierten Healthcare-Sektors und setzt auf internationale Partner sowie Investoren. Auch Unternehmen aus Deutschland können in den Genuss staatlicher Förderungen kommen.

Von Matthias Wallenfels

Singapur lädt deutsche MedTech & Co. zur Kooperation ein

Wie wär`s mit Singapur? Für Gesundheits-Unternehmen aus Deutschland kann die Löwenstadt als Brücke zu den Märkten der Region dienen.

© Oksana Perkins/fotolia.com

SINGAPUR/FRANKFURT/MAIN. Von der Idee möglichst schnell in die Praxis, und damit in den Markt - davon träumen wohl alle Unternehmen der Medizintechnologie-, Pharma- sowie Biotechnologiebranche.

In Deutschland bestehen jedoch viele Hürden, bis eine Innovation aus diesen Branchen zum Einsatz am Patienten kommen kann - ganz zu schweigen von dem langen Weg in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung, und damit in die Erstattungsfähigkeit.

Um die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die damit einhergehende Situation bei Forschung und Entwicklung (F&E) vor allem kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) weiß auch Singapur und bietet sich als Plattform für das vernetzte Forschen und Entwickeln vor Ort an.

Stadtstaat forciert vernetzte Forschung und Entwicklung

Die 1965 von Lee Kuan Yew gegründete Löwenstadt, so heißt Singapur aus dem Sanskrit übersetzt, hat deutschen Unternehmen aus dem Healthcare-Sektor durchaus einiges zu bieten.

Kooperation mit Zukunftspotenzial

Deutschland spielt nach Angaben der Außenhandels-Agentur SPRING Singapore als Haupthandelspartner in Europa eine zentrale Rolle für den Stadtstaat am Äquator. Daher sei die enge Zusammenarbeit mit deutschen Firmen ein vorrangiges Ziel der Klein- und mittleren Unternehmen in Singapur.

Bei den bilateralen Geschäftsbeziehungen von zentraler Bedeutung ist das von SPRING Singapore unterstützte, 1994 gegründete German Singapore Business Forum (GSBF). Bei dem 2010 in Stuttgart abgehaltenen GSBF stand unter anderem die Medizintechnologie im Mittelpunkt.

So hat sich Singapur unter Lee, der bis 1990 als Premierminister fungierte, nicht zuletzt dank massiver staatlicher Wirtschaftsförderung zu einer bedeutenden Drehscheibe für den Zugang zu den Märkten in der Region entwickelt.

Bereits 1200 deutsche Unternehmen sind nach Angaben der Außenhandels-Agentur SPRING Singapore vor Ort vertreten, rund 7000 Deutsche leben dort nahe am Äquator.

Auch das singapurische Gesundheitswesen kann sich sehen lassen. Wie die Wirtschaftsförderer hinweisen, lassen sich jährlich aufgrund des umfangreichen und hochwertigen medizinischen sowie therapeutischen Angebots rund 400.000 Patienten aus aller Welt in Singapur behandeln.

Knapp 6 Millionen Euro Förderung

Außer dem boomenden Gesundheitswesen wachse auch die Biomedizin in Singapur rasant. So hat die Stadt nicht zuletzt mit der eigens eingerichteten Forschungsstadt Biopolis, in der sich alles um die Biotechnologie dreht, ein Zeichen gesetzt.

Das Investitionsvolumen für Forschung und Entwicklung in der Biomedizin belief sich 2008 laut SPRING Singapore auf umgerechnet rund 650 Millionen Euro.

Die F&E-Aufwendungen der Biomedizin kämen auf vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Stadtstaates.

Dass Singapur beim Werben um Partner und Investoren aus Deutschland im Gesundheitswesen auf Vernetzung setzt, zeigt das von SPRING Singapore ins Leben gerufene Programm "Clinician-Driven Innovation" (CDI).

Bis 2015 will die Außenhandels-Agentur etwa 20 CDI-Projekte unterstützen. Zehn Millionen Singapur-Dollar (rund 5,8 Millionen Euro) stünden dafür zur Verfügung.

Wissensaustausch zwischen Unternehmen und Anwendern

CDI-Projekte verfolgen das Ziel, die Kluft zwischen dem medizinisch Möglichen und dem tatsächlich Praktizierten möglichst gering zu halten.

Hintergrund ist, dass Klinikärzte oft gute Ideen haben, um Diagnostik und Therapie ihrer Patienten zu verbessern, jedoch nur über begrenzte Ressourcen verfügen, um diese umzusetzen.

KMU - rund 99 Prozent der singapurischen Wirtschaftsbetriebe sind dieser Gattung zuzuordnen - aus der Biomedizinbranche verfügen zwar über exzellentes technisches Know-how, haben jedoch nicht unbedingt den Bezug zur Klinikpraxis, um genau die Entwicklungen voranzutreiben, die den konkreten Marktanforderungen entsprechen.

Genau hier setzt das CDI-Programm an: SPRING Singapore fördert mit einem bunten Strauß an Maßnahmen den Wissensaustausch zwischen Unternehmen und Ärzten, etwa durch Networking-Veranstaltungen, eine virtuelle Austausch-Plattform oder die Präsentation von Best-Practice-Beispielen.

"Der direkte Austausch von Unternehmen und Ärzten soll den Impuls geben, Produkte und Technologien zu entwickeln, die sich mehr an den tatsächlichen klinischen Bedürfnissen orientieren als an den technologischen Fortschritten", erläutert Ted Tan, Deputy Chief Executive von SPRING Singapore.

Paradebeispiel Gen-Tests

"Davon profitieren letztlich alle Seiten: Die Produkte werden direkt auf die Zielgruppe zugeschnitten und können schneller auf den Markt gebracht werden", ergänzt Tan.

Als Praxisbeispiel für die in Singapur funktionierende Kooperation führt Tan die Verzahnung von Forschung und Medizin am Novena Heart Centre an.

Die 2007 gegründete kardiologische Privatklinik habe in Zusammenarbeit mit der National University of Singapore (NUS) einen neuartigen Gentest zur Bestimmung des Herzinfarkt-Risikos entwickelt.

Den Anstoß dazu habe die Tatsache gegeben, dass immer häufiger auch scheinbar fitte und gesunde Menschen in jungen Jahren einen Herzinfarkt erleiden.

Mittels des Gen-Tests könne jetzt selbst bei Neugeborenen mit 83-prozentiger Sicherheit vorhergesagt werden, ob sie zur Hochrisikogruppe mit hoher Anfälligkeit für ein Herzleiden gehören.

Für deutsche Unternehmen, die mit einem Partner in Singapur kooperieren und/oder sich dort niederlassen wollen, steht die in Frankfurt ansässige Außenhandels-Agentur SPRING Singapore mit zahlreichen Dienstleistungen zur Seite.

www.spring.gov.sg

Deutsche MedTech-Branche - innovationsstarker Partner

Die deutsche Medizintechnik-Industrie ist nach Angaben des Deutschen Industrieverbands für optische, medizinische und mechatronische Technologien (Spectaris) eine mittelständisch geprägte und innovative Branche. 94 Prozent der Unternehmen, so der Branchenverband, haben weniger als 250 Mitarbeiter.

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) spiegeln laut Spectaris die hohe Innovationsrate der Branche wider: Neun Prozent ihres Umsatzes  - doppelt so viel, wie der Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes - investieren die Unternehmen in F&E.

Die Innovationen der deutschen MedTech-Unternehmen resultieren unterdessen nicht nur aus dem Tüfteln im stillen Kämmerlein. Im Gegenteil: Die Kooperationen mit Experten, erfolgreiches "Netzwerken" und öffentliche Fördermaßnahmen sind laut Spectaris das Erfolgsrezept der Branche, wenn es um ihre Innovationsfähigkeit geht.

Das geht aus der von Spectaris mit herausgegebenen Untersuchung "Erfolg durch Innovation: Das Innovationsmanagement der deutschen Medizintechnikhersteller" hervor. Die bundesweite Befragung wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Forschungsprojekts "KnowMore" von der Universität Witten/Herdecke durchgeführt.

Zum Befragungszeitpunkt waren fast 72 Prozent der forschenden Unternehmen in F&E-Kooperationen involviert. Auch die staatliche Förderung hilft den innovativen Mittelständlern zum Erfolg. Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen erhalten staatliche Förderungen.

Als Innovationshürden führten laut Spectaris knapp die Hälfte der Befragten vor allem die Kosten der Produktentwicklung an. Eine eher untergeordnete Rolle spielen Probleme bei F&E-Kooperationen (15 Prozent) sowie fehlende Fördermittel von öffentlicher Seite (10,6 Prozent).

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