Ärzte Zeitung online, 29.12.2011

ratiopharm setzt auf Patentabläufe

Nach rund eineinhalb Jahren im Teva-Konzern will sich ratiopharm ein größeres Stück vom Pharma-Kuchen sichern - unter anderem dank auslaufender Patente auf Medikamente. Zugleich kritisiert Unternehmenschef Dethlefs Rabattverträge für Originalpräparate.

Von Johannes Wagemann

ratiopharm setzt auf Patentabläufe

ratiopharm-Zentrale: Blick auf neue Patentabläufe.

© dpa

ULM. Vor der Zentrale von Deutschlands führendem Generikahersteller weht neben der deutschen die israelische Flagge.

Entscheidungsfreude und Mut zum Risiko, das mache die Managementkultur der Muttergesellschaft Teva aus, die ratiopharm 2010 übernommen hat, sagt Firmenchef Dr. Sven Dethlefs.

Aber auch die Israelis haben von den Ulmern gelernt - so ist Produktionsleiter Walter Bühl mittlerweile für alle Teva-Werke in Europa zuständig. Nun sollen unter anderem auslaufende Patente das weitere Wachstum sichern.

Dethlefs ist rund eineinhalb Jahr nach der Übernahme zufrieden mit der Entwicklung bei ratiopharm, auch wenn er keine Zahlen nennen kann.

Die veröffentlicht Teva nicht für Deutschland, sondern nur fürs gesamte Europageschäft, das bislang rund ein Drittel der Gesamterlöse von Teva ausmachte - für die ersten neun Monate des Jahres 2011 waren das rund 4 Milliarden der 12,6 Milliarden Dollar (rund 9,6 Milliarden Euro) bei 2,3 Milliarden Dollar Gewinn (rund 1,7 Milliarden Euro).

Ein Gutteil des europäischen Umsatzes geht auf das Konto von Ratiopharm.

Cephalon-Stellen werden verlagert

"Die ratiopharm-Integration ist vollständig abgeschlossen. Wir sind jetzt schon dabei, Cephalon in den Teva-Verbund zu integrieren", erklärt Dethlefs. Der amerikanische Nicht-Generika-Konzern war der vorerst letzte große Zukauf der Israelis.

Für die deutsche Cephalon-Niederlassung läuft es freilich ähnlich wie schon zuvor für Teva Deutschland mit früherem Sitz im sächsischen Radebeul: "Den Standort München schließen wir komplett", sagt Dethlefs.

Das bedeutet das Aus für die dortigen mehreren Dutzend Stellen. Deren Bereiche würden nach Ulm, Frankfurt und Berlin verlagert.

Das Wirtschaftsmagazin "Brand eins" hat Teva als "Akquisitionsmaschine" bezeichnet - denn gewachsen waren die Israelis vor allem durch Zukäufe.

Doch kann auch diese Maschine ins Stocken geraten. Der Gewinnausblick für 2012 konnte Analysten vergangene Woche nicht komplett überzeugen. Dethlefs gibt sich für Ratiopharm dennoch zuversichtlich.

"In Deutschland sind wir dieses Jahr Marktführer, wir haben Hexal überholt", erklärt er, auch wenn die Hexalmutter Sandoz sich zuletzt immer noch klar als Nummer eins sah.

"Größe allein zählt nicht", sagt der 43-jährige Dethlefs. Es gebe kleinere Firmen, die sehr erfolgreich in einer Nische operierten.

Offener Wettbewerb statt Rabattverträge

Für den Generikariesen ist der Blick in die nähere Zukunft vor allem von auslaufenden Patenten geprägt, den Branchenkenner als Chance sehen. "Bis 2013 laufen Medikamentenpatente in einem Umsatzumfang von rund 3 Milliarden Euro allein in Deutschland aus", sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Verbandes Pro Generika.

"Das ist ungewöhnlich viel." Teva und ratiopharm setzen etwa auf den Blutdrucksenker Valsartan - bislang von Novartis unter dem Namen Diovan® vertrieben.

Doch allein auf die klassischen Generika zu setzen, genüge nicht mehr, erklärt Dethlefs. Zumal er Markthindernisse beklagt: "Nach einem Patentablauf und dem Eintritt der ersten Generika sollte für 24 Monate ein offener Wettbewerb gewährleistet sein", fordert der 43-Jährige.

Denn oft schlössen die Hersteller der Originalpräparate kurz vor Auslaufen eines Patents Rabattverträge mit den Krankenkassen. Andererseits gibt es laut einer aktuellen Deloitte-Studie zum deutschen Gesundheitswesen durchaus Patienten, die von sich aus nach günstigeren Nachahmer-Produkten fragen - bei verschreibungspflichtigen Medikamenten rund 9 Prozent.

Mehr Kompetenz im Ministerium gefordert

Neben den auslaufenden Patenten seien zum einen die frei verkäuflichen Arzneimittel wie Nasenspray ein weiterhin spannender Markt, so durch die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Konsumgüterkonzern Procter & Gamble.

"P&G bringt seine Marketingerfahrung ein, wir Forschung, Zulassung und Produktion", sagt Dethlefs. Ein anderes Feld sind Biosimilars, die viel komplexeren Nachahmer auf dem Feld der Biopharmazeutika, die nicht in Packungen verkauft werden, sondern direkt von Ärzten bei komplexen Behandlungen, etwa der Chemotherapie, eingesetzt werden.

Der ratiopharm-Chef bemängelt, dass gerade in Berlin nicht erkannt werde, welche wirtschaftlichen Chancen das Gesundheitswesen biete. "Da braucht es mehr wirtschaftspolitische Kompetenz im Gesundheitsministerium, um die Konsequenzen von Gesetzen auf die Industrie zu verstehen", sagt Dethlefs.

Zugleich sei bei ratiopharm mit rund 3000 Mitarbeitern in Deutschland, die Produktion "bis an die Kapazitätsgrenzen" ausgelastet, mit rund 400 Millionen Packungen nach 363 Millionen 2010. (dpa)

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