Ärzte Zeitung, 03.05.2012

Das Dilemma der Gesundheitsbranche

Ist die Gesundheitsbranche nur ein Kostenfaktor? Gesundheitsminister Bahr glaubt das nicht. Er kritisiert selbst, dass in anderen Branchen über steigenden Ausgaben gejubelt wird, während bei der Gesundheit nach dem Rotstift gerufen wird.

Gesundheitsbranche leidet unter Sparzwang der Politik

Bahr: Das VStG war gerade kein Kostendämpfungsgesetz.

© dpa

FRANKFURT/MAIN (ava). Die Gesundheitsbranche in Deutschland ist ein Jobmotor und ein Wachstumsmarkt. Diese Anerkennung gab es am Mittwoch auf der Frühjahrstagung der Gesundheitswirtschaft Rhein-Main von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP).

Er gab zu, dass die Gesundheitswirtschaft oft zu sehr unter dem Kostenaspekt gesehen werde - und das, obwohl die Branche mehr als 4,7 Millionen Menschen Beschäftigung bietet.

So werde er als Gesundheitsminister häufig gefragt, was er gegen die steigenden Gesundheitsausgaben zu tun gedenke. "Wenn die Tourismusbranche über steigende Ausgaben berichtet, freut sich jeder über sichere Arbeitsplätze," stellte Bahr fest.

Das Anfang des Jahres in Kraft getretene Versorgungsstrukurgesetz sei gerade kein Kostendämpfungsgesetz, sondern ein Gesetz, das Strukturveränderungen vorantreiben wolle, beispielsweise über die Aufhebung der Residenzpflicht und der Abschaffung der Budgetdeckel.

Bedeutung der Branche unterschätzt

Einen Wechsel der Perspektive beim Blick auf die Gesundheitswirtschaft hatte zuvor der Vorsitzende der Initiative Gesundheitswirtschaft Rhein-Main, Florian Gerster, bei der Frühjahrstagung des Vereins vor rund 150 Managern der Branche von der Bundesregierung gefordert.

"Noch immer steht bei Gesundheitspolitikern Kostendämpfung im Vordergrund, und im Wirtschaftsministerium wird die Bedeutung der Branche unterschätzt", so Gerster.

Ein Beispiel sei der steigende Fachkräftemangel bei Ärzten, Pflegekräften und Ingenieuren. Zwar habe die Bundesregierung die Einstiegshürden für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern erfreulicherweise gesenkt.

Dieser Schritt sei allerdings sehr spät gekommen. Gute Ärzte, Pflegekräfte und Ingenieure, aber auch der Orthopädie-Schuhmachermeister seien "die Leistungsträger einer erfolgreichen Gesundheitswirtschaft.

Sie entwickeln neue Produkte und Technologien oder setzen diese am Krankenbett, in der Werkstatt oder im Labor ein", so Gerster.

Neue Spitzentechnologien stärkten die internationale Wettbewerbsfähigkeit. In der Forschung sei Deutschland stark. Klinische Forschung, Pharmaindustrie und Medizintechnik seien im Augenblick noch Schrittmacher der Gesundheitswirtschaft.

Der wachsende Druck verschärfe aber gerade bei der forschenden Pharmaindustrie Abwanderungstendenzen, kritisierte Gerster.

Obwohl immer mehr Menschen bereit seien, für ihre Gesundheit einen wachsenden Anteil ihres Einkommens aus eigener Tasche zu bezahlen, komme der zweite Gesundheitsmarkt nicht in Schwung.

Damit vergebe Deutschland die Chance auf neue Arbeitsplätze und einen Prozess des Umdenkens in den Köpfen von Versicherungsnehmern, die auf diese Weise lernen könnten, dass eine gute gesundheitliche Versorgung auch Geld kostet.

Hemmnisse für Innovation

Professor Emanuele Gatti, Vorstand der Fresenius Medical Care AG aus Bad Homburg machte als zweiter Hauptredner der Frühjahrstagung die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft anhand von Zahlen deutlich.

So prognostiziert eine Roland Berger-Studie, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt wurde, für den Gesundheitsmarkt globale Wachstumsraten von sechs Prozent pro Jahr.

Bis 2030 könnte sich der Umsatz der Branche mehr als verdreifachen und dann bei rund 20 Billionen US-Dollar liegen.

Deutschland liege zwar bei Patentanmeldungen zu Medizintechnik weltweit in der Spitzengruppe, doch echte medizintechnische Innovationen dauern Gatti zufolge viel zu lange, bis sie Einzug in die Regelversorgung nehmen.

Um diese Hemmnisse abzubauen, forderte er dass die Medizintechnikbranche einen Platz im Gemeinsamen Bundesausschuss erhält.

Kritik musste sich Bahr von Gatti anhören über die deutsche Regulierungswut: So werde beispielsweise in den Dialysezentren von Fresenius Medical Care genau reguliert, wie viele Pfleger pro Patient eingesetzt werden müssen, wie groß ein Dialyseplatz sein und wie häufig ein Raum desinfiziert werden müsse.

Viel sinnvoller sei dagegen auf Parameter wie die Überlebenszeit von Dialysepatienten, die Zahl der Krankenhauseinweisungen oder die Häufigkeit von MRSA-Infektionen zu schauen.

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