Ärzte Zeitung online, 03.07.2012

Milliarden-Übernahme: Linde geht in die Vollen

Linde setzt große Hoffnungen auf den Gesundheitsmarkt. Für den Ausbau der Sparte greift der Gase-Spezialist nun tief in die Tasche. Für rund 3,6 Milliarden Euro wollen die Münchner den US-Konzern Lincare kaufen - und so einen Riesenschritt auf den Markt Nordamerikas tun.

MÜNCHEN (dpa). Linde baut mit einer milliardenschweren Übernahme sein Gesundheitsgeschäft kräftig aus.

Der Industriegase-Spezialist will den amerikanischen Sauerstoffgeräte-Hersteller Lincare für umgerechnet rund 3,6 Milliarden Euro übernehmen und mit dem kostspieligen Deal seinen Umsatz in der Healthcare-Sparte auf 2,8 Milliarden Euro verdoppeln.

Damit ziehen die Münchner im Geschäft mit medizinischen Gasen am Erzrivalen Air Liquide vorbei, dem in Medienberichten ebenfalls Interesse an Lincare nachgesagt worden war.

"Mit dieser strategischen Akquisition können wir den nächsten großen Schritt auf einem stabilen, zukunftsträchtigen und profitablen Geschäftsfeld machen", sagte Linde-Chef Wolfgang Reitzle am Montag in München.

Sowohl die Lincare-Aktionäre als auch die Behörden müssen noch zustimmen. Rückendeckung bekommt Reitzle vom Lincare-Management, dass den Anteilseignern das Angebot bereits empfohlen hat.

Das Geschäft soll schnell über die Bühne gehen

Linde will das Unternehmen als Tochter in den Konzern eingliedern. Lincare hat 2011 umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht und beschäftigt etwa 11.000 Mitarbeiter.

Analysten bewerteten das Geschäft als "strategisch sinnvoll", auch wenn einige Experten für die erwartete Übernahme mit einem geringeren Preis gerechnet hatten. Die Linde Aktie gab über den Tag zum Teil deutlich nach.

Gemessen am letzten Aktienkurs von Lincare vor den ersten Übernahme-Spekulationen zahlen die Münchner einen stattlichen Aufschlag von immerhin 64 Prozent für das Unternehmen aus Clearwater im Bundesstaat Florida.

Etlichen Analysten sei diese satte Prämie zu hoch ausgefallen, hieß es an der Börse. Linde will das Geschäft noch im dritten Quartal über die Bühne bringen.

Reitzle ist überzeugt, dass die Integration der neuen Tochter ebenfalls rasch gehen werde.

Linde ist bisher in den USA nur als Zulieferer präsent

Lincare ist auf die Behandlung von Patienten mit Atemwegserkrankungen in den eigenen vier Wänden spezialisiert. Linde selbst ist im Bereich Homecare in den USA bislang nur als Zulieferer präsent.

"Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist der Gesundheitsmarkt ein globaler Megatrend, an dem wir in der neuen Aufstellung noch stärker partizipieren werden", sagte Reitzle.

Linde - vor allem im klassischen Geschäft mit Industriegasen und dem Erdöl- und Gasgeschäft stark - setzt aufgrund der demografischen Entwicklung große Hoffnungen auf das Medizingeschäft, vor allem in den Industrieländern.

Reitzle sagte zuletzt auf der Hauptversammlung, er wolle hier zukaufen. Für den Manager ist das Geschäft sechs Jahre nach der Milliardenübernahme des britischen Gase-Spezialisten BOC noch einmal ein großer Wurf.

Bei medizinischen Gasen ist Linde einem Jahresumsatz von derzeit fast 1,2 Milliarden Euro der weltweit zweitgrößte Anbieter nach der französischen Air Liquide. Vor allem bei Beratung und Service will der Konzern aufstocken.

Vor wenigen Monaten kaufte Reitzle für fast 600 Millionen Euro das Heimmedizin- oder Homecare-Geschäft des US-Konkurrenten Air Products. Dabei geht es vor allem um die Pflege in den eigenen vier Wänden, außerhalb der Klinik.

Lincare: Rückkehr zu den eigenen Wurzeln

Gerade hier erwartet Linde deutliches Wachstum und die USA sind in Sachen Homecare mit einem Volumen von umgerechnet 4 Milliarden Euro der größte regionale Markt.

Historisch betrachtet kehrt Linde mit dem Kauf zu den eigenen Wurzeln zurück. Lincare startete aus dem Linde Homecare Medical Systems und ging Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Linde US-Geschäft hervor und wurde 1917 Tochter des US-Konzerns Union Carbide.

Linde, im Dax notiert, beschäftigt rund 50.500 Mitarbeiter und hat 2011 einen Umsatz von 13,787 Milliarden Euro.

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