Ärzte Zeitung, 19.07.2013

150 Jahre Bayer

Erste Experimente am Küchentisch

Der Chemie- und Pharmariese Bayer hat bereits 150 Jahre in den Branchen erlebt. Den Blick gen Zukunft gewandt, ruft der Konzern die Politik auf, ein besseres Umfeld für Innovationen zu schaffen.

Von Ilse Schlingensiepen

bayermobil-A.jpg

Aufsehenerregendes Werbemittel auf vier Rädern 1929: Das Schmerzmittel Aspirin® ist für Bayer auch noch heute "ein echter Weltstar" - für den Gerinnungshemmer Xarelto® erhofft sich der Konzern ebenfalls eine gute Fahrt.

© Bayer HealthCare AG

KÖLN. Schrecksekunde für den Arzt Dr. Dimitris Voliotis. Während einer Konferenz zu den Studien zum Krebsmittel Nexavar ® in einem New Yorker Hotel sagt ein Sprecher des Prüfkomitees: "Meine Damen und Herren, wir müssen die Testreihe stoppen."

Doch schnell folgt die Erlösung. "Die Ergebnisse sind positiv." Das Medikament soll so schnell wie möglich allen Patienten zugänglich gemacht werden.

Diesen Tag werde er nie vergessen, berichtet der Leiter der Klinischen Entwicklung für Krebsmedikamente bei Bayer in dem Buch "Das Erfinder-Unternehmen", das der Leverkusener Konzern anlässlich des 150-jährigen Jubiläums herausgegeben hat.

"Man muss sich vorstellen, dass der Druck vieler Monate, sogar Jahre, die Erwartung, die Anspannung, die Skepsis, die Zweifel in einem Moment von einem abfallen", sagt der Arzt, der in Köln Medizin studiert hat und heute im US-Bundesstaat New Jersey lebt.

Die Gewissheit, mit neuen Medikamenten Menschen helfen zu können sei für ihn jeden Tag aufs Neue ein Ansporn, so Voliotis.

Von Weltstars und Rückschlägen

Nexavar ®, das 2005 auf den Markt gekommen ist, ist eine der vielen Innovationen im Arzneimittelbereich, die zum Erfolg und zur weltweiten Bekanntheit von Bayer beigetragen haben.

An erster Stelle steht natürlich Aspirin ® aus dem Jahr 1899 - in den Worten von Bayer-Vorstandschef Dr. Marijn Dekkers "ein echter Weltstar". Jetzt ruhen große Hoffnungen auf dem Gerinnungshemmer Xarelto® aus dem Jahr 2008.

Ein anderes Medikament steht für einen der größten Rückschläge in der Geschichte des Konzerns: 2001 musste Bayer den Cholesterinsenker Lipobay ® vom Markt nehmen, weil er mit einer Reihe von Todesfällen in Verbindung gebracht wurde.

Das Unternehmen stürzte in eine Image- und Finanzkrise. Bayer reagierte mit einem Umbau und gliederte das operative Geschäft in die drei Teilkonzerne Health Care, Crop Science und Material Science.

Bayer beschäftigt heute mehr als 110.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit. 2012 erzielte der Konzern einen Rekordumsatz von 39,8 Milliarden Euro. Er gab drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus, das Investitionsvolumen betrug zwei Milliarden Euro.

"Es ist schwer, sich heute vorzustellen, wie unauffällig alles begann", sagte der Vorstandsvorsitzende Dekkers beim Jubiläums-Festakt in Köln. 1863 gründeten der Kaufmann Friedrich Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott die "Friedrich Bayer et comp.".

Sie wollten synthetische Farbstoffe aus Steinkohlenteer herstellen und experimentierten in der hauseigenen Küche. "Die Produkte kamen gut am Markt an, die Industrie wuchs und das Unternehmen entwickelte sich weiter", sagte Dekkers.

Wie 1863 gehe es auch heute noch um die Entwicklung von neuen Molekülen, betonte der Chemiker. Und es gehe darum, wer die besten Ideen hat und wirklich innovativ ist.

Die Stellschrauben für die Zukunft

Auf den Erfolgen dürfe sich Bayer nicht ausruhen. "Im Gegenteil, wir müssen in den kommenden Jahren noch einen Zahn zulegen." Gefordert sind nach seiner Einschätzung nicht nur neue Produkte, sondern innovative Prozesse, Ideen und bessere Dienstleistungen. Dafür sei die Innovationskultur von zentraler Bedeutung.

Hier sieht Dekkers aber nicht nur sein Unternehmen in der Pflicht. Die Politik müsse für innovationsfreundliche und stabile Rahmenbedingungen sorgen. Ebenso notwendig seien Wertschätzung und Anerkennung - Innovationen haben keine Chance, wenn die Gesellschaft sie nicht akzeptiert.

Risiken dürften natürlich nicht außer Acht gelassen werden, sagte Dekkers. "Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass so lange über die Risiken gesprochen wird, bis die Chancen komplett vertan sind."

Das Land Nordrhein-Westfalen wolle dazu beitragen, dass die Erfolgsgeschichte von Bayer auch in der Heimatregion weitergehe, versprach Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). "Wir wollen, dass Sie auch hier weiter wachsen und gedeihen können."

Immerhin arbeiten 30.000 der 110.000 Bayer-Mitarbeiter im bevölkerungsreichsten Bundesland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht sich um die Zukunft von Bayer - "ein Symbol für den Innovations- und High Tech-Standort Deutschland" - offenbar keine Sorgen.

"Ein Unternehmen, das auf eine 150-jährige Geschichte blicken kann, blickt auch weit in die Zukunft." Der Name Bayer habe einen festen Platz in der deutschen Industriegeschichte und stehe für den Erfolg.

Das Motto des Konzerns "Science for a better life" kommentierte Merkel mit einem Augenzwinkern. "Die Gründer sprachen noch deutsch - aber das macht nichts, wir werden ja alle globaler."

[19.07.2013, 10:50:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kernkompetenz und Markenkern von Schwarz-Gelb schwindet
Zum Beitrag von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) auf der 150-Jahr-Feier der Bayer-AG vgl. "Schätzlers Schafott":

http://www.springermedizin.de/das-merkel-wuerdige-verhalten-ausgewachsener-politiker-zur-bundestags-wahlzeit/4568058.html

Die befremdlich wirkende, ambivalente Attitüde unserer Kanzlerin, wenn es um die Pharma- und Großindustrie geht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

QuaMaDi wird fortgesetzt

Aufatmen im Norden: KV und Kassen haben sich auf den Fortbestand des Brustkrebsfrüherkennungsprogramm QuaMaDi geeinigt. mehr »

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »