Ärzte Zeitung online, 07.11.2013

Premiere

Boehringer bringt eigenes Krebsmittel in den Markt

Boehringer Ingelheim kann mit etlichen neuen Produkten in Zulassungsverfahren aufwarten. Im inländischen Drittgeschäft stehen die Zeichen nach den ersten neun Monaten 2013 auf Wachstum.

Von Christoph Winnat

Boehringer bringt eigenes Krebsmittel in den Markt

Pharmafertigung am Boehringer-Standort Dortmund. Hier werden Inhalatoren mit Wirkstoff befüllt.

© Boehringer Ingelheim

INGELHEIM. Mehr als 20 Jahre nach dem Einstieg in die Onkologie bringt Boehringer Ingelheim sein erstes Krebsmedikament in den Markt: Mitte November startet die bundesweite Ausbietung des Tyrosynkinasehemmers Afatinib (Giotrif®) gegen nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom.

Deutschlandchef Dr. Engelbert Günster zeigte sich bei einem Hintergrundgespräch in Ingelheim zuversichtlich, dass Afatinib die frühe Nutzenbewertung erfolgreich absolvieren werde. Die Substanz könne deutliche Vorteile zeigen. "Wir denken, eine gute Bewertung zu bekommen", sagte Günster.

Zwei weitere Krebsmedikamente stehen in der Warteschleife: Der Dreifach-Angiokinase-Hemmer Nintedanib und der Polo-like-Kinase-Hemmer Volasertib.

Für Nintedanib wurde kürzlich die Zulassung bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA beantragt, so dass - ein positiver Bescheid vorausgesetzt - mit einer Einführung bereits kommendes Jahr gerechnet werden kann.

Empagliflozin "natürlich auch in Deutschland"

Weitere Pipelinekandidaten, für die demnächst Zulassungen folgen könnten, sind etwa das Atemwegspräparat Olodaterol, ein langwirksames Beta-2-Sympathikomimetikum gegen COPD, für das erste nationale Marktfreigaben in Großbritannien, Island und Dänemark erteilt wurden.

Außerdem hat Boehringer mit Empagliflozin ein neues orales Antidiabetikum sowohl in den USA als auch in Europa eingereicht. Günster betonte, dass man "natürlich versuchen werde" Empagliflozin auch in Deutschland in den Markt zu bringen - trotz der schlechten Erfahrungen, die das Unternehmen mit der Nutzenbewertung von Linagliptin gemacht habe.

Der DPP4-Hemmer war zweimal vom Gemeinsamen Bundesausschuss mit der Begründung "Zusatznutzen nicht belegt" zurückgewiesen worden. Boehringer verzichtete daraufhin auf eine Vermarktung in Deutschland.

Günster ließ aber durchblicken, dass das letzte Wort in dieser Sache wohl noch nicht gesprochen ist. Nach der jüngst abgeschlossenen Bewertung anderer Gliptine des Bestandsmarktes müsse man nun abwarten, wie die Preisverhandlungen dazu verlaufen.

Sollte die Substanzklasse wider Erwarten doch einen fairen Preis bekommen, sei nicht auszuschließen, dass Boehringer Linagliptin auch hierzulande wieder anbieten wird. Günster: "Wir werden das genau beobachten und dann neu entscheiden".

Verhaltene Geschäftsentwicklung

Den Geschäftsverlauf von Boehringer Ingelheim Deutschland in den ersten neun Monaten dieses Jahres bezeichnete Günster als "verhalten". Mit knapp 1,8 Milliarden Euro - einschließlich konzerninterner Verkäufe - liege der Umsatz auf dem Niveau des Vergleichszeitraumes 2012 .

Starke Rückgänge musste das Geschäft mit biopharmazeutischer Auftragsfertigung hinnehmen.

Dagegen läuft es im genuinen Drittgeschäft mit Kliniken, Apotheken und Endverbrauchern recht gut: Mit verschreibungspflichtigen Produkten wurden 416 Millionen Euro erlöst (+3,0 Prozent), mit verschreibungsfreien 119 Millionen Euro (+11,0 Prozent). Der für das Gesamtjahr geplante Umsatz werde wohl erreicht, versicherte Günster.

Investitionen und Beschäftigungsaufbau

Der Landeschef nutzte die Gelegenheit, auf die wirtschaftliche Bedeutung des Familienunternehmens für die hiesigen Standorte hinzuweisen.

So habe der durchschnittliche Beschäftigungszuwachs in den Jahren 2005 bis 2012 vier Prozent betragen. Er liege damit noch deutlich über dem Beschäftigungsaufbau der gesamten inländischen Pharmabranche (+2,5 Prozent) und weit über dem der Gesamtwirtschaft (+0,9 Prozent).

Ende Juni dieses Jahres waren für Boehringer Ingelheim Deutschland 12.315 Mitarbeiter (+6,0 Prozent) tätig. Auch die Investitionen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sowie unternehmenseigenen Berechnungen überdurchschnittlich: Seit 2005 habe Boehringer pro anno 5,2 Prozent des Umsatzes in Deutschland reinvestiert.

Branchenweit seien in derselben Zeit 4,2 Prozent üblich gewesen; in der Automobilindustrie und im verarbeitenden Gewerbe dagegen nur jeweils 3,1 Prozent.

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