Ärzte Zeitung, 05.05.2014

Pharma-Fusionen

Strategie zählt mehr als schiere Größe

Kleine und mittelgroße Übernahmen und Fusionen gehören in der Pharmabranche zum Alltag. Pfizers Offerte für AstraZeneca hat Spekulationen angeheizt, auch unter den Marktführern könnte jetzt eine neue Konsolidierungswelle in Gang kommen.

Von Christoph Winnat

Strategie zählt mehr als schiere Größe

Auf AstraZenecas Pharmaforschung ist Pfizer besonders scharf: Hier die chemische Analyse im schwedischen Lund.

© AstraZeneca

Die Bestätigung Pfizers zu Wochenbeginn, sich um eine Fusion mit dem schwedisch-britischen Wettbewerber AstraZeneca zu bemühen, hat an den Börsen für kräftige Nachfrage nach den Aktien beider Unternehmen gesorgt. Nicht nur nach denen des potenziellen Übernahmeziels, was wenig verwunderlich wäre, sondern auch nach denen des Bieters.

In der Vergangenheit wurden Pharmaallianzen vergleichbarer Größenordnung von Investoren meist abgestraft. So um die Jahrtausendwende, als spektakuläre Verbindungen unter Weltmarktführern wie Glaxo mit SmithKline, Astra mit Zeneca, Hoechst mit Rhône Poulenc oder Pfizer mit Warner Lambert über die Bühne gingen.

Damals provozierten die Mega-Mergers nicht selten süffisante Bemerkungen, dass sich eher zwei Fußkranke zusammenschlössen, als dass eine schlagkräftigere, vor allem aber innovativere Einheit daraus hervorginge.

Auf den ersten Blick könnte man das auch bei der jetzt sich anbahnenden Elefantenhochzeit meinen: Pfizer hat noch immer mit dem Patentverlust seines Lipidsenkers Atorvastatin zu kämpfen, einst das meistverkaufte Medikament der Welt.

Und AstraZeneca ist derzeit wie kein zweites Unternehmen unter den Top Ten der Branche generischer Konkurrenz ausgesetzt. Seit 2011 gehen die Einnahmen zurück; bei der diesjährigen Bilanzpressekonferenz schwor Konzernchef Pascal Soriot die Aktionäre auf eine längere Durststrecke ein. Demnächst verliert das Magenmittel Esomeprazol die Marktexklusivität in den USA.

Und der Lipidsenker Rosuvastatin leidet unter dem ohnehin starken Wettbewerb im Statin-Geschäft; erste Patentausläufe kommen hinzu. 2013 standen allein diese beiden Produkte bei AstraZeneca für zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz.

Attraktive Krebs-Pipeline

Pfizer würde sich im Falle einer Übernahme also gleich noch einmal Umsatzerosionen beträchtlichen Ausmaßes ins Haus holen. Doch offenkundig schreckt das die New Yorker ebenso wenig wie die Anleger. Anders als noch vor einer Dekade scheint man den Pipeline-Anstrengungen der Dickschiffe jetzt wieder erheblich mehr zuzutrauen.

Das erklärt auch die selbstbewusste Reaktion der umworbenen AstraZeneca. Statt nach der 100 Milliarden-Dollar-Offerte - 30 Prozent in bar, 70 Prozent in Pfizer-Aktien - gleich einem rettenden Strohhalm zu greifen, wird kühl mit "unterbewertet" abgewunken. Und gleichzeitig zur Abgabe eines neuen Angebots ermuntert, das auch prompt eintrag.

Neben den Größen- und Steuervorteilen, die ein Zusammenschluss hätte, sind vor allem Astras Entwicklungsprojekte für Pfizer interessant. Allen voran die Krebs-Kandidaten, die den Großteil der Phase-III-Pipeline ausmachen.

So arbeitet AstraZeneca zum Beispiel mit einem weit fortgeschrittenen MEK-Kinasehemmer und einem PARP (Poly ADR-Ribose Polymerase)-Inhibitor an Therapieansätzen, die derzeit zu den vielversprechendsten in der onkologischen Forschung zählen.

Ebenfalls verlockend ist die noch junge Antidiabetika-Sparte, aus der der Joint-Venture-Partner Bristol-Myers erst kürzlich herausgekauft wurde.

Beide Indikationsgebiete, Onkologie und Diabetes, rangieren in einer Analyse des Beratungsunternehmens IMS Health unter den drei umsatzträchtigsten Pharma-Teilmärkten 2013: Krebs mit 67 Milliarden Dollar Arzneimittelumsatz an erster Stelle, Antidiabetika mit 54 Milliarden an dritter.

Beide Gebiete zeigen weit überdurchschnittliche Wachstumsraten. Experten rechnen nicht zuletzt wegen zunehmenden Wohlstands in den Schwellenländern damit, dass diese Entwicklung auch in den kommenden Jahren anhält.

Anders als in der Vergangenheit scheinen Pharma-Akquisitionen heute, selbst unter den ganz großen Playern, also eher strategischen Impulsen zu folgen als dem Drang nach schierer Größe.

 Das gilt beispielsweise auch für den kürzlich erfolgten Sparten-Deal zwischen GlaxoSmithKline und Novartis, bei dem die Schweizer unter anderem GSK's komplettes Krebsportfolio übernahmen und dafür ihre Impfstoffe abgaben.

An der Branchenspitze sind solche Deals, bei denen beide Seiten ihre Kernkompetenzen konsolidieren, in Zukunft vermutlich wahrscheinlicher als eine erneute Fusionswelle.

Astronomische Preise

Zwar wäre für weitere Konsolidierung sogar unter den Top Ten noch Luft. Laut IMS entfallen auf die Nummer Eins nach Arzneimittelumsatz, Novartis, gerade einmal knapp sechs Prozent des 875 Milliarden Dollar schweren Weltmarktes.

Doch die Bewertungen der Marktführer gehen mittlerweile stramm in die dreistelligen Milliarden - selbst für forschende Pharmakonzerne mit ihren üppigen Cashflows ein gewaltiger Brocken. Auch das zeigt die Pfizer-Offerte, insbesondere deren hohe Aktienkomponente.

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