Ärzte Zeitung App, 12.08.2014

Tabakindustrie

Auf der Suche nach den Rauchern von morgen

Raucher werden von immer mehr Orten verbannt, Schockbilder sollen sie abschrecken. Immer mehr verzichten lieber ganz auf Zigaretten. Die Tabakkonzerne reagieren: Sie drehen an der Preisschraube - und suchen neue Märkte.

Auf der Suche nach den Rauchern von morgen

Blauer Dunst ade? Da das Geschäft mit konventionellen Zigaretten schwieriger wird, setzen Tabakkonzerne zunehmend auf E-Zigaretten.

© gina sanders / fotolia.com

LONDON. "Dies ist ein Nichtraucherflug." Die Flugbegleiter wiederholen es beharrlich vor jedem Start. Dabei käme wohl kaum einer der Passagiere auf die Idee, sich eine Zigarette anzustecken. Raucherabteile im Zug sind ausgestorben, ebenso verqualmte Großraumbüros.

Viele Cafés, Kneipen und Clubs schicken Raucher bei Wind und Wetter vor die Tür. Und jetzt werden Zigaretten voraussichtlich noch mehr kosten. Das sind schlechte Nachrichten für Raucher - und ein Zeichen dafür, dass die Tabakkonzerne unter Druck stehen.

In den kommenden Wochen werden viele Packungen wieder einmal teurer, wie Dirk Pangritz vom Deutschen Zigarettenverband ankündigt: "Zum ersten Januar gab es wieder Steuererhöhungen. Ein paar kleinere Firmen haben seitdem schon um zehn, 20 Cent erhöht. Jetzt im August, spätestens September ziehen andere nach."

Trost für die Deutschen: Anderswo zahlen Raucher deutlich mehr. In Großbritannien kostet eine Schachtel etwa acht Pfund, mehr als zehn Euro. 1990 waren es laut britischem Tabakverband noch 1,65 Pfund.

Rückläufiger Tabakkonsum

Zudem arbeiten Regierungen daran, Zigaretten und ihre Verpackung möglichst unattraktiv zu machen. Spätestens 2016 warnen auch in der EU große Schock-Fotos vor fatalen gesundheitlichen Folgen des Qualms - Werbung für die Glimmstängel ist weitgehend verboten.

In Deutschland fiel der Tabakwaren-Verbrauch pro Kopf von jährlich rund 1700 Stück im Jahr 2000 um über 40 Prozent auf unter 1000 im vergangenen Jahr. EU-weit geht die Zahl der Raucher zurück.

In den USA rauchte bereits 2010 nicht mal mehr ein Fünftel der Erwachsenen Zigaretten. Die Tabakkonzerne beklagen die angebliche Regulierungswut. Schmuggel unversteuerter Zigaretten und Arbeitsplatzverlust seien die Folgen. Hat die Industrie tatsächlich Grund zur Sorge? PMI ("Marlboro") meldet genau so wie die europäischen Konkurrenten British American Tobacco ("Lucky Strike") und Imperial Tobacco ("Gauloises", "West") rückläufige Verkaufszahlen.

Und das nicht nur in Europa und den USA. Zuletzt haben sich Steuererhöhungen etwa im weitgehend unregulierten Raucher-Paradies Philippinen deutlich bemerkbar gemacht. Auch auf dem größten nationalen Markt in China rückt, wenn auch zögerlich, der Nichtraucherschutz in den Fokus.

In Not ist die Branche allerdings nicht. Seit 2009 steigerte etwa PMI den Gewinn von 6,3 auf 8,6 Milliarden US-Dollar. Mit Preiserhöhungen lässt sich einiges ausgleichen, denn viele Raucher geben ihre Leidenschaft - oder auch Sucht - nicht gleich auf, weil die Packung etwas mehr kostet.

"Klar stehen wir gut da", heißt es in Branchenkreisen. So deutlich zitiert werden will aber keiner, würde es doch die Argumente gegen Regulierung und mehr Steuern entkräften.

Heilsbringer E-Zigaretten?

Trotzdem ist klar, dass es im klassischen Geschäft mit der Zigarette vor allem im Westen nicht mehr viel zu gewinnen gibt. Auf dem Vormarsch sehen Analysten eine rauchfreie Alternative. Bis zu 200 Millionen Euro könne der Handel mit E-Zigaretten in diesem Jahr umsetzen, prognostiziert der Verband des eZigarettenhandels (VdeH).

Längst haben die großen Tabakkonzerne ein Auge auf die Konkurrenz geworfen. Das US-Unternehmen Lorillard kaufte die Marke "Blu". Die Altria Group ("f6", "L&M") hat sich mit "Green Smoke" im Februar die zweite E-Marke zugelegt.

Im Gegenzug machen die Regierungen sich zunehmend Gedanken über die Verdampfer. Nikotinhaltige E-Zigaretten sollen laut Tabakrichtlinie in der EU künftig als Tabakprodukte oder Arzneimittel behandelt werden und damit strengeren Verkaufsvorschriften unterliegen. (dpa)

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