Ärzte Zeitung, 03.09.2014

Patienten-Service

Künftig auch für Volkskrankheiten

Patientenprogramme zur Optimierung der Therapietreue werden dank digitaler Mobiltechnologien zunehmen. Ihr Erfolg steht und fällt künftig aber auch mit der Fähigkeit, statt Einzelindikationen multimorbide Problemstellungen anzusprechen.

Von Christoph Winnat

Künftig auch für Volkskrankheiten

Telefonkontakte sind eine Form der personalisierten Compliance-Förderung. Die meisten Patientenprogramme mit dieser Zielsetzung werden von Pharmaherstellern betrieben.

© pressmaster / fotolia.com

ELTVILLE. Vor allem im Marketing für hochpreisige Innovationen setzen Pharmafirmen schon seit etlichen Jahren auf Patientenservices. Bekanntestes Beispiel dürften die Schwestern-Außendienste sein, die mittlerweile fast schon zum Standardrepertoire bei der Begleitung von MS-Patienten gehören.

Welchen Stellenwert solche und andere Dienste zur Hebung der Therapietreue heute und in Zukunft haben und welche Herausforderung es bei deren Umsetzung künftig zu meistern gilt, das wollte das Expertennetzwerk "Healthcare Shapers" (www.healthcareshapers.com) wissen.

Im Frühjahr dieses Jahres wurden Vertreter von Kassen, Ärzteschaft, Patienten und Pharmaherstellern online befragt. 114 Teilnehmer kamen zusammen, die Hälfte allein von Pharmaunternehmen.

Service von Pharmafirmen

Das sei insofern nicht verwunderlich, als "Patientenprogramme aktuell fast ausschließlich von pharmazeutischen Unternehmen initiiert sind und sich die Befragung demzufolge schwerpunktmäßig an dieser Zielgruppe orientiert hat", heißt es in der Auswertung.

Unter dem Begriff "Patientenprogramme" werden sämtliche Maßnahmen verstanden, die darauf zielen, die Adhärenz zu erhöhen und damit die Behandlungsqualität zu verbessern.

Das reiche von der Indikationswebsite mit Verhaltenstipps über Broschüren bis zu individualisierter Unterstützung, also etwa Homecare, Callcenter-Kontakten oder sogar einem persönlichen Patientencoaching, erläutert Unternehmensberater Günther Illert, der für die Studie verantwortlich zeichnet. Dagegen würden leitliniengesteuerte Behandlungsprojekte wie DMP nicht als Patientenprogramme gewertet.

Von den über 40 Patientenprogrammen, die derzeit in Deutschland laufen, halten die Befragten rund zwei Drittel für erfolgreich.

Wesentliche Gründe des Misserfolgs sind nach Ansicht der meisten Befragten die fehlende Ausrichtung auf Patientenbedürfnisse sowie eine unzureichende Einbindung von Ärzten, Schwestern und Angehörigen.

Der Erfolg eines Patientenprogramms ist nach Ansicht der Befragten (90 Prozent) um so eher gewährleistet, als es individualisiert angelegt ist: beispielsweise praktische Hilfe im Alltag, persönliche Kontakte oder psychologische Unterstützung.

Zwei Drittel der Befragten nennen mangelnde Unterstützung durch Ärzte, Zweifel an der Rentabilität sowie die Erfolgsmessung als größte Herausforderungen im Management von Patientenprogrammen.

Neun von zehn Befragten rechnen damit, dass Adhärenzkonzepte in Zukunft von internetbasierten Angebote, sozialen Medien und Apps geprägt sein werden.

Herausforderung Multimorbidität

Außerdem erwarten die meisten Befragten (85 Prozent), dass Patientenprogramme künftig nicht mehr nur bei schweren und teuren Erkrankungen eine Rolle spielen, sondern auch auf große Indikationen wie etwa Diabetes oder Bluthochdruck zugeschnitten werden.

Doch wie wird der Herausforderung Rechnung getragen, auf die Adhärenz-Bedürfnisse zunehmend multimorbider Patienten einzugehen? Offenkundig kaum: Nur 30 Prozent der Befragten halten es für möglich, dass sich Pharmahersteller "zusammenschließen werden, um gemeinsam Patientenprogramme anzubieten".

Berater Illert sieht darin einen entscheidenden Erfolgsfaktor für die Emittenten von Compliance-Hilfen. "Multimorbide Patienten interessieren doch keine Programme, die auf vereinzelte Indikationen abstellen. Versandapotheken oder andere Dienstleister mit einem ganzheitlicheren Zugang sind hier eindeutig im Vorteil".

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