Ärzte Zeitung, 15.06.2016

Biomedizin-Innovationen

Wo Belgien die Deutschen schlägt

Dr. Richard Mason leitet die Johnson & Johnson Innovationsabteilung. Im Interview erklärt er, was Europa von den USA lernen kann und warum Belgien schon jetzt für die Biomedizin so attraktiv ist.

Prof. Richard Mason

Wo Belgien die Deutschen schlägt

© Janssen-Cilag GmbH

studierte Medizin und Immunologie am St. Bartholomew’s Hospital Medical College Cambridge.

Er arbeitete unter anderem als Internist im Klinikum; hatte leitende Positionen in der Biotechnologie Industrie wie der Entwicklungsabteilung am Cambridge Antibody Technology (CAT) inne und entwickelte bei verschiedenen pharmazeutischen Start-ups Strategien und Geschäftsmodelle.

Seine Geschäftsführerfunktion bei XO1, einem Spezialisten für pharmazeutische und Medizinprodukte, erregte die Aufmerksamkeit von Johnson & Johnson. 2015 kaufte Janssen XO1.

Im November 2015 trat Mason die Leitung der Johnson & Johnson Innovationsabteilung in London an.

Das Interview führte Thomas Friedrich

Ärzte Zeitung: In Europa mangelt es weitgehend an einer Risikokapital-Kultur wie wir sie aus den Vereinigten Staaten kennen. Woran liegt das?

Dr. Richard Mason: Ja das ist wohl richtig, dass wir nicht diese Menge von großen Mega-Funds haben wie in den USA. Es gibt eine unterschiedliche Kultur - selbst in Amerika. Boston stellt sicherlich den Hub für die Biotechnologie-Szene dar und das Silicon Valley zieht in verstärktem Maße Gelder für IT an.

In Europa stellen wir in der Tat eine geringere risikobasierte Venture-Capital-Bereitschaft fest. Hier sind die Start-up-Aktivitäten geografisch weiter gestreut und haben bisher nicht ein derartiges Ökosystem wie in den USA entstehen lassen. Dennoch bin ich sehr optimistisch, was Europa betrifft, denn gute Ideen werden auch hier finanziert.

Es ist richtig, dass wir in Zukunft für biomedizinische Innovationen im frühen Stadium mehr Venture Capital verfügbar machen müssen.

Zu viel Kapital kann aber auch einen gegenteiligen Effekt hervorrufen. Es ist nicht immer schlecht, weniger Gelder zu haben. Das setzt kreative Kräfte frei, darüber nachzudenken, wie man es besser machen kann, um mit wirklich brillanten Ideen aufzuwarten.

In Belgien - wo der zu Ihrer Holding gehörende Pharmakonzern Janssen nun eine Initiative für Start-ups ins Leben gerufen hat - gibt es, im Vergleich zu anderen EU-Staaten, eine lebhafte Bio- und Gentechnik-Szene. Was macht das Land von Pommes und Pralinen so attraktiv für die Forschung?

Mason: Ganz Europa wartet mit erstaunlichen biomedizinischen Innovationen auf. Aber in der Tat, in dem gut elf Millionen Einwohner zählenden Belgien - mit viel Sinn für Lebensqualität - ist eine pharmazeutische Industrie mit einem Exportvolumen von 41 Milliarden Euro beheimatet und trumpft damit in puncto biomedizinischer Wissenschaft und Innovation auf. In ganz Westeuropa schlägt seit der industriellen Revolution das Herz der Wissenschaft und Forschung.

Die belgische Regierung zeichnet sich darüber hinaus als besonders forschungsfreundlich für die pharmazeutische Industrie aus und weist eine sehr vorwärtsdenkende Patentgesetzgebung auf.

Nicht zuletzt verfügt Belgien über eine ausgezeichnete Lage im Herzen von Europa, in direkter Nähe zu Deutschland, Frankreich, den Niederlanden oder der Schweiz. Und auch in London oder Cambridge sind sie von der EU-Hauptstadt sehr schnell, dank exzellenter Infrastrukturen wie dem Euro-Star und vier internationalen Flughäfen. Alles Trümpfe, die zugunsten Belgiens stechen.

Im Vergleich zu den USA, Japan und neuerdings auch China, hinkt die EU bei den Patenten in der Bio- und Gentechnologie hinterher. Warum verlegen immer mehr Firmen ihre Forschungsaktivitäten ins außereuropäische Ausland?

Mason: Patente alleine sind keine Gewähr für Innovationen. Sie stellen lediglich einen Indikator für die Innovationsfähigkeit eines Landes dar. Ein wichtiger Faktor stellt für mich beispielsweise auch die Marktdurchdringung von innovativen Produkten dar.

In der Tat mussten wir feststellen, dass viele pharmazeutische Unternehmen in den beiden letzten Jahrzehnten ihre Forschung in die USA verlagert haben. Aber ich sehe da auch wieder eine antizyklische Welle zugunsten Europas.

Biomedizinische Forschung findet überall auf der Welt statt, ob in einem Universitätslabor in Paris, einer Garage in Palo Alto oder einem staatlichen Forschungsinstitut in Shanghai. Auch Johnson & Johnson ist weltweit aufgestellt, aber den größten pharmazeutischen Forschungscampus unterhalten wir im belgischen Beerse im Herzen Europas.

Die JLINX-Initiative soll in Beerse Akademiker, Industrieforscher und Risikokapital-Geber zusammenbringen. Wie soll das geschehen?

Mason: An erster Stelle bei JLINX steht Kooperation und wir sprechen da in gleichem Atemzug auch vom Inkubator als Leitidee. Wir wissen, dass in Europa Akademiker, Innovatoren und Unternehmer zwar mannigfaltige Ideen haben, aber oft Probleme damit, großartige Ideen in marktgängige Produkte zu überführen.

Haupthindernisse hierbei stellen in Europa der Zugang zu Kapital, Expertise und Fähigkeiten dar. Die JLINX-Initiative soll kreativen Unternehmerköpfen die Möglichkeit eröffnen, auf unserem F&E-Campus sehr schnell ihre Ideen zu entwickeln und von den erstklassigen Forschungsrahmenbedingungen und vorhandener Expertise zu profitieren.

Gleichzeitig sollen sie Zugang zu unseren Venture Capital Funds oder anderen Investoren erhalten. Wir bieten diese offene Kooperationspartnerschaft jungen Unternehmern an, ohne dass sie ihr geistiges Eigentum an Johnon & Johnson binden müssen.

Ein effizientes regulatorisches Umfeld nützt forschenden Pharmafirmen vor allem während klinischer Prüfungen und bei der Zulassung. Wie steht es damit in Belgien?

Mason: Wir sind sehr beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der die belgischen Genehmigungsbehörden vorklinische Studien bearbeiten.

Die Genehmigungsverfahren sind in Belgien sehr vereinheitlicht und dauern in der Regel nicht länger als vier Wochen. Dies ist mit ein Grund dafür, warum Belgien für die pharmazeutische Industrie ein hervorragender Standort ist.

Belgien ist also kein "failed state"?

Mason: Die Terror-Attentate in Brüssel sind sehr tragische Ereignisse, die uns alle geschockt haben. Sie beeinträchtigen aber in keiner Weise die starke Position Belgiens in der biomedizinischen Forschung und Innovation in Europa.

Als Exportland für pharmazeutische Produkte belegt Belgien aktuell den zweiten Platz in der EU, und das als geografisch gesehen relativ kleines Land. Unsere Pharmasparte Janssen hat ihren Ursprung in Belgien, das Unternehmen ist hier verwurzelt. Wir sind sehr froh, hier den größten Forschungsstandort von Johnson & Johnson zu unterhalten.

Ein Stichwort der Zukunft ist "Personalisierte Medizin". Welchen Part übernimmt Johnson & Johnson dabei?

Mason: Ich möchte den Ausdruck "personalisierte Medizin" als ein Schlagwort bezeichnen - in aller Munde zwar, aber an sich eine Worthülse. Richtig ist, dass wir viel weiter gekommen sind, seitdem wir die molekulare Basis komplexer Krankheiten verstehen und die komplexe Pathogenität von einzelnen untergeordneten Krankheitsbildern erkannt haben.

Wir werden in Zukunft bei der Entwicklung neuer Arzneimittel als Konsequenz neuer Therapieansätze auf das Verständnis der molekularen Ebene bei der Entwicklung von Arzneien aufbauen. Das bedeutet in der Konsequenz aber deutlich mehr, als die reine Sprachhülse von einer "personalisierten Medizin" aussagt.

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