Ärzte Zeitung, 26.11.2009

Bye-bye Fehmarn, ahoi Bornholm, Insel der bürokratiearmen Medizin

Ein Arzt von der Insel Fehmarn wandert aus. Ausschlaggebend waren nicht die finanziellen Aspekte, sondern die zunehmende Drangsalierung durch gesetzliche Rahmenbedingungen.

Von Dirk Schnack

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" Ich arbeite gerne als Arzt. Dafür sehe ich in Deutschland jedoch in den nächsten Jahren keine Zukunft."" Dr. Matthias Gerber Facharzt für Allgemeinmedizin und Dermatologie

Das weiße Haus in Burg auf Fehmarn ist eine Adresse, die Inselbewohner und Urlauber seit Jahrzehnten mit ambulanter Medizin verbinden. Seit Dr. Eberhard Gerber hier vor über 40 Jahren seine Praxis eröffnet hat, wurde das medizinische Angebot kontinuierlich erweitert. Neben mehreren Ärzten praktizieren auch verschiedene Therapeuten in dem von den Patienten gut angenommenen Haus.

Gerber praktiziert nur noch privatärztlich, er hat seine Praxis 2001 an seinen ältesten Sohn Dr. Matthias Gerber weitergegeben. Dessen Bruder Johannes arbeitet gerade als Praxisvertretung für eine Kollegin im Haus, deren Praxis er demnächst übernehmen wird. Derzeit arbeiten damit drei Ärzte aus einer Familie in einem Ärztehaus, das vom Vater gegründet wurde.

In Dänemark will Gerber als Dermatologe arbeiten

Das sind Seiten an seinem Leben, die Dr. Matthias Gerber zu schätzen weiß. Dennoch hat er sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, auszuwandern. "Ich habe viel Freude an meinem Beruf und dem Umgang mit meinen Patienten. Ich möchte auch weiterhin gerne ärztlich tätig sein. Dafür sehe ich in Deutschland jedoch in den nächsten Jahren keine Zukunft", so beschreibt Gerber auf einem Informationsblatt in der Praxis seinen Patienten den Schritt.

Zum Jahreswechsel packen er, seine Frau Martina und ihre neunjährigen Zwillinge die Koffer und ziehen auf die dänische Insel Bornholm. Dort wird der 46-Jährige zum Jahreswechsel von einem dänischen Kollegen eine dermatologische Praxis übernehmen. Zunächst stellt der Kollege Gerber für drei Monate an, dann umgekehrt, damit dem Zuwanderer die Einarbeitung erleichtert wird.

Leistungsausschlüsse ärgerten den Arzt

Die Entscheidung traf die Familie nach einem Besuch der Insel und intensiven Gesprächen mit dem Praxisinhaber und den Angehörigen zu Hause. Vorausgegangen waren jahrelange Überlegungen Gerbers über eine Veränderung, weil er sich im deutschen Gesundheitswesen zunehmend drangsaliert fühlte. Als Beispiele führt er in seiner Patienteninformation die Rabattverträge, die Praxisgebühr und Ausschlüsse aus dem Leistungskatalog an.

Bei seinen Gesprächen über das Thema hat er erfahren, dass selbst seine Patienten Verständnis für seine Entscheidung aufbringen. Auch in seiner Familie weiß man sehr genau, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat. "Die Gängelung durch die Politik, Krankenkassen und KBV", sagt sein Vater Eberhard, und ergänzt: "Er hat sich das reiflich überlegt. Ich habe nicht versucht, ihn umzustimmen."

Johannes Gerber (35) trägt sich zwar nicht mit Auswanderungsgedanken, kann aber schon als Praxisvertreter nachvollziehen, was seinen Bruder in ein anderes Gesundheitssystem treibt: Die zunehmende Regulierung im deutschen Gesundheitswesen führt nach Erfahrungen der Gerbers dazu, dass immer weniger Zeit für ihre Patienten übrig bleibt.

Matthias Gerber verspricht sich von seiner Arbeit auf Bornholm, sich in der Praxis ganz auf die Medizin konzentrieren zu können. Die Praxismitarbeiterinnen werden ihm die - im Vergleich zu Deutschland weniger aufwändige - Verwaltung abnehmen. Die komplizierte Honorarverteilung aus Deutschland wird für ihn der Vergangenheit angehören - die dänische Gebührenordnung passt auf wenige DIN A4 Seiten. Abgerechnet wird monatlich, nach Einzelleistungsvergütung. Und: Die Änderungen, die Gerber bislang an der dänischen Gebührenordnung beobachtet hat, waren nicht etwa Honorarkürzungen, sondern Honoraranhebungen.

Doch die finanzielle Seite, betont Gerber, war für seine Entscheidung nicht ausschlaggebend. Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Dermatologie kauft sich für rund 80 000 Euro in eine dermatologische Praxis auf der Insel ein. Seine Praxis liegt in einem Ärztehaus im größten Inselort, zusammen mit einem HNO-Arzt und zehn Allgemeinmedizinern. Über mangelnden Patientenandrang braucht er sich bei 45 000 Inselbewohnern und vielen Touristen keine Sorgen zu machen.

74-jähriger Vater übernimmt wieder die Kassenpraxis

Die Nachfrage nach seinen Leistungen war aber auch auf Fehmarn bei rund 800 bis 1000 Scheinen im Quartal nicht gering. Bei elf verbleibenden Allgemeinärzten auf der Ostseeinsel ist durch seine Auswanderung zugleich aber auch nicht mit Versorgungsengpässen für die 13 000 Einwohner zu rechnen. Wer allerdings die Lücke füllt, die Gerber als Dermatologe hinterlässt, ist ungeklärt.

Fest steht, dass die Inselbewohner auf einen neuen Arzt noch warten müssen - einen Praxisnachfolger hat Matthias Gerber nämlich bislang nicht gefunden. Um seine Praxis nicht einfach schließen zu müssen, wird sein Vorgänger auch sein Nachfolger: Vater Eberhard nimmt zum Jahreswechsel den Stab von seinem Sohn entgegen, den er vor acht Jahren an ihn übergeben hatte. Der 74-jährige Senior vollzieht damit auch den Wechsel vom Privat- zum Kassenarzt - und stellt sich erneut den Problemen, die seinen Sohn zur Auswanderung bewogen haben.

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