Ärzte Zeitung online, 01.12.2009

Schwangere nicht auf HIV getestet: Arzt muss 1,4 Millionen Euro zahlen

MÜNCHEN (dpa). Weil er bei einer HIV-infizierten Schwangeren keinen HIV-Test gemacht hat und das Kind wegen des Virus nun geistig und körperlich behindert ist, muss ein Arzt 1,4 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Die Beteiligten hätten sich auf diesen Betrag geeinigt, sagte ein Sprecher des Landgerichts München am Dienstag und bestätigte damit Medienberichte.

Das Gericht hatte den Münchner Mediziner bereits im Juni 2008 generell dazu verurteilt, Schadenersatz zu zahlen. Die meisten Frauenärzte bieten Schwangeren einen HIV-Test an. Das hätte auch der angeklagte Arzt tun müssen, urteilte das Gericht.

Das Verfahren lief seit 2004 und hatte nach Angaben des Gerichtssprechers unter anderem wegen der Argumentation des Frauenarztes für Aufmerksamkeit gesorgt: Er habe seine Patientin nicht gefragt, ob sie einen HIV-Test machen wolle, weil sie eine wohlhabende Person gewesen sei. Bei ihr sei keine HIV-Infektion zu erwarten gewesen. Sie hätte es als Affront empfinden können, nach einem Aids-Test gefragt zu werden. Die Frau hatte von ihrer Ansteckung nichts gewusst.

Das Geld geht an die Familie des Jungen, da dieser sein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein wird, sagte die Anwältin der Klägerin, Beate Steldinger. Die Folgen des versäumten Tests seien gravierend. Der Junge war im März 2001 in München zur Welt gekommen und hatte zunächst gesund gewirkt. Doch schon in den ersten Monaten wurde er immer wieder krank und hatte häufig Virusinfektionen. Ende Mai 2001 musste er wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus und dort künstlich beatmet werden. Die Ärzte stellten schließlich fest, dass der Säugling Aids hatte.

Das HI-Virus hatte laut Steldinger zu diesem Zeitpunkt schon Teile des Gehirns zerstört, sodass der Junge schwer geistig und körperlich behindert ist. Die Krankheit sei entweder bei der Geburt oder durch das Stillen auf ihn übertragen worden. Hätte der Arzt den HIV-Test gemacht und die Krankheit der Mutter festgestellt, wäre schon vor der Geburt eine Therapie begonnen worden, sagte die Anwältin. Auch hätte die Mutter dann nicht gestillt. Steldinger bezeichnete die Argumente des Arztes als "Skandal". HIV sei in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet.

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