Ärzte Zeitung, 07.09.2015

Digitale Gesundheitsmanager

Noch ein langer Weg in die Arztpraxen?

Wearable Devices sind in Deutschland auf dem Vormarsch, obwohl sie noch in den Kinderschuhen stecken. Nutzer gestehen ihnen vor allem in Gesundheitsbelangen großen Nutzen zu. Skepsis bleibt beim Datenschutz, so eine Studie.

Von Matthias Wallenfels

Noch ein langer Weg in die Arztpraxen?

Hüter medizinischer Daten: Wearables können Pulsfrequenz und andere persönliche Gesundheitsdaten des Trägers aufzeichnen.

© Milles Studio / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Sie haben das Potenzial, die Bereiche Fitness und Gesundheitsvorsorge kräftig umzukrempeln: Wearables als Durchbruch des Internets der Dinge.

Davon geht zumindest die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) in einer aktuellen Marktanalyse aus, die durch eine nach Unternehmensangaben repräsentative Online-Umfrage mit 1000 Teilnehmern über 18 Jahre ergänzt wurde.

Der weltweite Markt für Wearable Devices wird demnach in diesem Jahr auf einen Wert von 6,3 Milliarden Euro geschätzt und soll jährlich um 21 Prozent wachsen, so die Prognose.

Unter Wearables werden elektronische Technologien und Computer verstanden, die in Kleidungsstücke, Accessoires oder Medizinprodukte eingearbeitet sind und im oder am Körper getragen werden können.

Darüber hinaus sind sie direkt oder über andere Geräte mit dem Internet verbunden und dadurch in der Lage, Daten auszutauschen - zum Beispiel mit einer Arztpraxis.

Denn sie zeichnen etwa Daten zu Schlaf und Ernährung auf, tracken die körperliche Aktivität oder überwachen Blutdruck- und Zuckerwerte.

Beitrag zum Arbeitsschutz

Laut PwC besitzen bereits 17 Prozent der Deutschen einen oder mehrere dieser kleinen Helfer, die Arbeitswelt und Freizeit, Gesundheitsvorsorge oder Unterhaltung stärker vernetzen und damit viele Vorteile des Internets direkt an den Körper bringen.

"Wearables stehen kurz davor, sich in der deutschen Bevölkerung durchzusetzen. Sie werden großen Einfluss auf die Arbeitswelt und die Gesellschaft haben", kommentiert Werner Ballhaus, Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC.

Dabei würden die Geräte nicht nur für den privaten Nutzer in Lebensbereichen wie Gesundheitsvorsorge, Einkauf oder Freizeit eine wichtige Rolle spielen, sondern auch im Beruf: "Wearables machen das Arbeiten effektiver und sicherer.

Dank Datenbrille wird freihändiges Arbeiten zur Selbstverständlichkeit. Davon profitieren Such- und Rettungsteams genauso wie Lagerarbeiter oder Konstrukteure.

Vernetzte Funktionskleidung verspricht besseren Schutz für Berufsgruppen wie Feuerwehrleute", erläutert Ballhaus.

Schmerzgrenze liegt bei 100 Euro

Bei der privaten Nutzung von Wearables stehen laut Studie Fitness-Funktionen und Uhren mit Mehrwert im Vordergrund.

Wer noch kein Wearable besitze, interessiere sich vor allem für eine Smartwatch oder ein Fitnessarmband. Männer bevorzugten intelligente Uhren, Frauen favorisierten Fitnessarmbänder.

Für ein Wearable Device würden 71 Prozent der Befragten maximal 100 Euro zahlen. Gut ein Viertel wäre immerhin bereit, zwischen 100 und 300 Euro pro Gerät auszugeben. Mehr als 300 Euro würden nur zwei Prozent investieren.

Beim Kauf von Wearable Devices stehen drei Punkte im Mittelpunkt: Als wichtigste Argumente nannten die Umfrageteilnehmer ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, Datensicherheit und eine einfache Bedienung.

Die Erwartungen an die technischen Helfer sind entsprechend groß: Mit genauen Informationen erhoffen sich die Nutzer, bestimmte Lebensbereiche zu optimieren.

52 Prozent möchten dank Wearables effektiver trainieren, 46 Prozent medizinische Informationen nutzen und 44 Prozent ihre Aktivität aufzeichnen.

Daten gegen Cash - für viele eine Option

Egal, um welche Informationen es geht, der Schutz der persönlichen Daten ist fast allen wichtig: Nur fünf Prozent der Befragten hätten bereits einer Weitergabe von persönlichen Daten an Dritte zugestimmt.

32 Prozent wären jedoch bereit, für finanzielle Anreize ihre Daten weiterzugeben; 20 Prozent ließen sich zu einer Datenfreigabe bewegen, wenn sie dadurch mit einer bevorzugten Arzt-Behandlung rechnen könnten.

Mehr als die Hälfte sei aber unter keinen Umständen dazu bereit. Das deckt sich mit Ergebnissen einer kürzlich durchgeführten, ebenfalls repräsentativen Studie des Direktversicherers Hannoversche. Dort waren 59 Prozent der Befragten nicht bereit, app-gestützte Diäterfolge in einer Community zu teilen (wir berichteten).

Der größte Vorteil von Wearables ist für zwei Drittel der Befragten der Beitrag zur Gesundheitsvorsorge. 29 Prozent werten die Unterstützung, die eigene Zeit besser zu nutzen, als positiv.

Dagegen sehen nur sieben Prozent günstigere Konditionen bei Versicherungstarifen als Vorteil eines Wearable Device. Das wäre eine - wenn auch dünne - Basis für Versicherer wie Generali.

Die Assekuranz hat vor Kurzem seine umstrittenen Pläne für ein Bonusprogramm bei gesundheitsbewusstem Verhalten konkretisiert. Nächstes Jahr soll es losgehen (wir berichteten).

Als Nachteile empfindet die Mehrheit der Befragten die technologischen Möglichkeiten und die damit verbundenen Unsicherheiten: 62 Prozent fürchten ein Eindringen in ihre Privatsphäre.

57 Prozent sehen die Anfälligkeit für Sicherheitslücken als Problem.

Um das Marktpotenzial voll auszuschöpfen, müssen sich Hersteller künftig, so PwC, stärker die Erwartungen der Nutzer erfüllen: "Unsere Befragung zeigt, dass 22 Prozent der Nutzer von Wearables bisher noch nicht mit deren Funktionen zufrieden sind. Von der kommenden Generation der Wearables erwarten die Nutzer eine starke Akkuleistung, ansprechendes Design, nützliche Anwendungen, eine gute Benutzerführung und integrierten Datenschutz", so Ballhaus.

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