Ärzte Zeitung, 26.07.2012

Teure PKV: Versicherte zunehmend unzufrieden

Privatpatient: Immer noch sehen die meisten Versicherten einen großen Vorteil in der PKV. Doch das Bild wandelt sich langsam: Das Verständnis für die jüngsten Prämienerhöhungen sinkt.

Verständnis für Prämienerhöhungen in der PKV sinkt

Privatversichert: Finden die meisten PKV-Kunden immer noch vorteilhaft.

© dpa

KÖLN (iss). Immer weniger Kunden mit einer Vollversicherung verstehen die Gründe für Beitragserhöhungen. Das zeigt die Untersuchung "Kubus PKV" des Beratungsunternehmens MSR Consulting.

Danach konnten 61 Prozent der Versicherten die Erklärung des privaten Krankenversicherers für die Prämienerhöhung Anfang 2012 nachvollziehen.

Ein Jahr zuvor waren es noch 65 Prozent und 2010 73 Prozent, obwohl in beiden Jahren die Beiträge im Schnitt stärker gestiegen waren.

Die Meldungen über die Überschüsse in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hätten zu dem geringeren Verständnis beigetragen, sagt Torben Tietz, Partner bei MSR Consulting.

"Als die gesetzlichen Krankenkassen finanzielle Schwierigkeiten hatten und zum Teil Zusatzbeiträge nehmen mussten, haben die Privatversicherten Beitragserhöhungen leichter akzeptiert."

"Kubus PKV" ist eine Zufriedenheitsuntersuchung bei Kunden der neun größten PKV-Anbieter und Teil einer umfassenderen Befragung zum deutschen Versicherungsmarkt, in die jährlich 10.000 Interviews einbezogen werden.

Potenzial bei Zusatzversicherungen

Nach der aktuellen Erhebung sind die Vollversicherten unzufriedener mit der Abwicklung von Leistungsfällen geworden. Das hängt laut Tietz mit den Beitragsanpassungen zusammen.

Ärgert sich der Kunde über höhere Prämien, schlage sich das auch bei der Bewertung anderer Faktoren nieder. Auffangen könnten die Versicherer solche Effekte durch eine gute Betreuung der Versicherten, sagt er.

"Es ist wichtig, Neukunden aus der gesetzlichen Krankenversicherung an das System heranzuführen und ihnen das Leistungsangebot der Versicherung und die Services zu erklären."

Insgesamt sahen 74 Prozent der Befragten einen sehr großen oder großen Vorteil darin, privat versichert zu sein. 15 Prozent erkannten nur einen geringen Vorteil, elf Prozent keinen oder sogar Nachteile.

Gefragt, ob sie gern zurück zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln würden, antworteten 86 Prozent mit nein, 14 Prozent mit ja.

Bei den Zusatzversicherten hatten 71 Prozent eine Deckung für den Zahnersatz, 43 Prozent für Brillen und Kontaktlinsen und42 Prozent eine Deckung für die stationäre Versorgung.

"In der Zusatzversicherung liegt noch deutlich mehr Potenzial", sagt Tietz. So hatten 31 Prozent neben dem GKV-Schutz nur ein Risiko abgedeckt, 23 Prozent zwei Risiken.

[27.07.2012, 14:59:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
PKV – Seriosität vs. Liquidität
Die PKV hat nach Angaben ihres Bundesverbands für ambulante ärztliche Behandlungskosten der Arztpraxen in 2011 Geld gespart. Es waren zwar nur 0,9 % weniger als im Jahr 2010. Dies ist jedoch bemerkenswert vor dem Hintergrund der vielbeschworenen "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen durch Innovation, medizinischen Fortschritt und den demografischen Faktor.

Forciert wurde dazu ein subnormales PKV-Leistungsniveau unterhalb von GKV-Mindeststandards, wie vom PKV-Verbandsvorstand Reinhold Schulte (SIGNAL + Deutscher Ring) auf der Mitgliederversammlung der Privaten Krankenversicherer in Berlin für spezielle Leistungsbereiche öffentlich gemacht. Nicht nur ambulante Psychotherapie und Hilfsmittel, sondern auch häusliche Krankenpflege, Betreuung erkrankter privat versicherter Kinder, Anschlussheilbehandlung (AHB) und Rehabilitation (REHA) werden restriktiv gehandhabt. Originalmedikamente über GKV-Festpreisniveau bzw. Rabattvertrag werden lt. meinen PKV-Patienten nur mit Murren oder gar nicht mehr übernommen. Spektakulär ist der Fall, bei dem das OLG Hamm für die lebenserhaltende 24-Stunden-Pflege eines Privatversicherungsnehmers mit hypoxischem Hirnschaden eine einstweilige Verfügung durchsetzen musste. Vgl. Ärzte Zeitung
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/article/818901/intensivpflege-pkv-muss-zahlen.html

Logischer Weise müssten demnach Monatsbeiträge für die ambulanten Arzttarife gesenkt werden. Insbesondere vor dem Hintergrund eines Plus bei den Alterungsrückstellungen: Ende letzten Jahres sind diese auf 170 Milliarden Euro angestiegen und ergeben bei 9 Millionen Vollversicherungen rein rechnerisch 18.889 Euro je Versicherten, reduziert durch die Alterungsrückstellungen beim Teil- und Zusatzversicherungsgeschäft.

Es wirkt fatal, wenn bei gleichzeitig massiven Prämienerhöhungen ein PKV-Verbandsdirektor Dr. Volker Leienbach hilflos beteuert, "die Mindestleistungen werden sich nach unserer Erkenntnis nicht sehr kostenintensiv auswirken". Man fragt sich, warum die neuen Standards, an GKV-Mindestleistungen angelehnt, nicht schon längst kostenneutral und werbewirksam eingeführt wurden? Zusätzlich zu den von der EU-Kommission bereits mehrfach angemahnten, geschlechtsneutralen Prämien, die Frauen nicht mehr einseitig belasten dürfen?

Um von diesem Desaster abzulenken, versucht man lieber für Voll- und Zusatzversicherungen "Neukunden aus der gesetzlichen Krankenversicherung an das System heranzuführen und ihnen das Leistungsangebot der Versicherung und die Services zu erklären." Und wenn dann die ersten Leistungsanforderungen der erkrankten Patienten kommen, lässt man sich eben auch dafür Prämienerhöhungen durch die Bonner BaFin-Behörde (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) genehmigen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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