Ärzte Zeitung, 27.05.2016

Ebola in Westafrika

Von der regionalen Krise zum globalen Pandemie-Management

Pünktlich zum G7-Gipfel in Iseshima präsentiert die Weltbankgruppe den ersten Versicherungsmarkt für Pandemierisiken weltweit. Parallel dazu bekennt sich die WHO zum optimierten Pandemiemanagement. Ein Paradigmenwechsel zeichnet sich ab.

Ein Leitartikel von Matthias Wallenfels

Von der regionalen Krise zum globalen Pandemie-Management

Die WHO hält während der Ebola-Krise ein Behandlungszentrum in Monrovia vor.

© Ahmed Jallanzo / dpa

ISESHIMA. Epidemische Ausbrüche hämorrhagischer Fieber in Schwellenländern wurden in der Vergangenheit von Politik und Wirtschaft in der westlichen Welt eher beobachtet denn aktiv begleitet.

Der jüngste Ebola-Ausbruch in den westafrikanischen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone, der binnen zwei Jahren laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu 28.610 bestätigten Fällen geführt und 11.308 Todesopfer gefordert hat, könnte Auslöser für einen dringend benötigten Paradigmenwechsel im Pandemiemanagement gewesen sein.

Denn: Von politischer Seite wurde bereits schnell reagiert. Die WHO gestand Fehler im Krisenmanagement ein und hat einen Reformprozess gestartet.

Ohne die Rückendeckung der potenten Industrienationen, die einen maßgeblichen Teil an den Pflicht- und freiwilligen Beiträgen zur WHO-Finanzierung stemmen, wäre so ein Reformkurs sicher nicht einzuschlagen gewesen.

Nun kommt auch die private westliche Wirtschaft, die, abhängig vom Land eines Krankheitsausbruchs, essenziell bedroht sein kann, mit ins Boot - ein längst überfälliger Schritt. Bei ihrem Gipfel auf Schloss Elmau im Juni 2015 forderte die G7-Allianz die Weltbankgruppe auf, einen Finanzierungsschirm zum Schutz der ärmsten Länder vor Pandemien einzurichten.

Pünktlich zum G7-Gipfel, der derzeit auf der japanischen Halbinsel Iseshima stattfindet, hat die Weltbank geliefert. Bei dem Instrument mit dem Namen Pandemie-Notfall-Finanzierungsfazilität (Pandemic Emergency Financing Facility, PEF) handle es sich um den ersten Versicherungsmarkt für Pandemierisiken.

Japan, das die G7-Präsidentschaft innehat, verpflichtete sich zum ersten finanziellen Beitrag von 50 Millionen US-Dollar für die neue Initiative.

"Dadurch wird endlich das lange kollektive Versagen bei der Reaktion auf Pandemien angesprochen", frohlockt Jim Yong Kim, Präsident der Weltbankgruppe.

Im Rahmen der PEF sollen unter anderem Gewinne der von der Weltbankgruppe emittierten Katastrophenanleihen (Catastrophe Bonds) eingesetzt werden. In deren Rahmen sichern sich Länder gegen Naturkatastrophen ab. Tritt ein definierter Schaden ein, bekommt der Rückversicherer das Geld für die Schadensdeckung.

Bleibt er aus, profitiert der Investor von der Rendite. Zusätzlich stehen Staatsmittel bereit. Japan, das die G7-Präsidentschaft innehat, verpflichtete sich zum Beispiel zum ersten finanziellen Beitrag von 50 Millionen US-Dollar für die neue Initiative.

Krisen- und Folgekosten sollen reduziert werden

Bei einem Krankheitsausbruch schütte die PEF, die noch 2016 aktiviert werden soll, schnell Mittel an 77 Staaten, die für den Fonds der Weltbankgruppe als die ärmsten Länder gelten, und an bestimmte internationale Hilfsorganisationen aus.

So soll die Reaktion beschleunigt werden, um dadurch Leben zu retten und das Leid zu mindern. Für die ersten drei Jahre soll ein Volumen von 500 Millionen US-Dollar abrufbereit stehen.

Der Ansatz der Weltbank ist keinesfalls als altruistisch einzuschätzen, aber richtungsweisend. Denn durch die Mobilisierung einer früheren, schnelleren und besser geplanten und koordinierten Reaktion sollen die Folgen für die betroffenen Länder und deren Einwohner reduziert werden.

Die Kosten der Krise sollen so gesenkt, die Erholung nach der Krise beschleunigt werden - ein legitimes volkswirtschaftliches Kalkül.

Die PEF greift an einer wichtigen Stelle im multifaktoriellen Geschehen einer Epidemie an. Denn: Treten in Entwicklungsländern - und dafür stehen die betroffenen Staaten der jüngsten Ebola-Epidemie in Westafrika exemplarisch - erste Fälle von zum Beispiel hämorrhagischen Infektionen auf, so mangelt es meistens an einer qualifizierten medizinischen Infrastruktur - materiell wie personell -, in der die hochkontagiösen Patienten schnell, effektiv und effizient versorgt werden können.

Zudem fehlen oft behördliche Einrichtungen, die einen Notfallplan mit entsprechenden Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Schublade haben, der zudem auch noch durchgesetzt werden kann - Charakteristika der oft auch noch korrupten Systeme.

Wie die Vergangenheit bewiesen hat, sind es meist ärztliche Nichtregierungsorganisationen, die - oft aufbauend auf existierenden, eigenen Strukturen im Land - einen Großteil der medizinischen Versorgung der Patienten sowie der Aufklärung der Bevölkerung über Präventionsmaßnahmen übernehmen.

Globale Datenbank für essenzielle Informationen

In ihrer Eröffnungsrede zur 69. Weltgesundheitsversammlung sprach WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Montag in Genf explizit von Versorgungsversäumnissen im Zuge der Ebola-Krise und verwies auf das Fehlen jedweder Basisinfrastruktur und von Kapazitäten für die Überwachung, die Diagnostik, die Infektionskontrolle und die klinische Versorgung.

Am Mittwoch stimmten die Delegierten für WHO-Maßnahmen zum forcierten Datenaustausch zur Diagnostik sowie Prävention und Therapie. Des Weiteren soll die Leistungsfähigkeit der WHO im Krisenfall verbessert werden, wie es im Report des WHO-Sekretariats heißt, der als Beschlussgrundlage diente.

Dazu soll unter anderem eine globale Datenbank etabliert werden. Angefangen werde mit den hämorrhagischen Fiebern.

Der erweiterte Handlungsrahmen von Weltbank und WHO bezüglich des Epidemie- und Pandemiemanagements wird sich bei künftigen Infektionsausbrüchen bewähren müssen.

Auf jeden Fall bedarf es der wissenschaftlichen Evaluation. Nur so lässt sich klären, wie scharf die neuen Schwerter zur Bekämpfung von Seuchen tatsächlich sind.

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