Ärzte Zeitung online, 19.05.2017

Bürgerversicherung

Für Ärzte sechs Milliarden Euro weniger

Der allmählich anhebende Bundestagswahlkampf lässt das Schreckgespenst Bürgerversicherung wieder wach werden. Der PVS Verband rechnet die Einbußen vor, die Ärzte zu erwarten hätten.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Die Privatärztlichen Verrechnungsstellen (PVS) malen ein tiefschwarzes Bild der Folgen, die eine Bürgerversicherung – wie sie im Wahlprogramm der SPD steht – für die Zukunft der haus- und fachärztlichen Versorgung hätte. Die mit dem Ende der Dualität von gesetzlicher und privater Krankenversicherung unweigerlich verbundene einheitliche Gebührenordnung würde bei den niedergelassenen Ärzten zu Umsatz- und Gewinneinbußen von rund sechs Milliarden Euro jährlich führen, heißt es in einer aktuellen Untersuchung des PVS Verbands. Eine ähnliche Studie hatte der Verband auch schon zum Bundestagswahlkampf 2013 veröffentlicht.

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"Mit einer Bürgerversicherung hungern wir die ambulante Versorgung schlicht und einfach aus", so Dr. Hans-Joachim Kaiser, stellvertretender Vorsitzender des PVS Verbands und Autor der Broschüre "Experiment Bürgerversicherung". Die PVS widmen sich dem Thema nicht zufällig, hängt doch ihr Geschäftsmodell zum großen Teil von der Existenz der PKV ab.

In seiner Untersuchung stützt sich Kaiser vor allem auf Daten des Statistischen Bundesamtes und des Wissenschaftlichen Instituts der PKV. Danach beliefen sich die Einnahmen der Ärzte aus PKV, Beihilfe und Selbstbehalten 2014 auf 10,44 Milliarden Euro. Davon entfielen 5,99 Milliarden Euro auf den sogenannten Mehrumsatz, also die zusätzlichen Vergütungen, die Ärzte allein dadurch erzielen, dass Patienten nicht gesetzlich, sondern privat versichert sind.

Dieses Geld würde bei der Einführung einer Bürgerversicherung komplett verloren gehen, betont Kaiser. "Gemessen an den Gesamthonoraren aus GKV, PKV, Beihilfe und Selbstbehalten würden die Ärzte 13,7 Prozent ihrer Vergütungen in einer Bürgerversicherung einbüßen." Die von einem Teil der Verfechter eines neuen Systems in Aussicht gestellte Anhebung des EBM-Honorars bleibt bei der Betrachtung außen vor, da sie sich derzeit nicht beziffern lässt.

Laut Kaisers Rechnung würde sich bei einem Hausarzt der Umsatzrückgang pro anno auf durchschnittlich 22  216 Euro belaufen, was einem Anteil von 8,1 Prozent am Durchschnittshonorar in dieser Fachgruppe entspricht. Ein Kinderarzt würde 30.764 Euro weniger einnehmen (10,8 Prozent Einnahmenverlust). Fachärzte wären vom Wegfall des Mehrumsatzes deutlich härter betroffen. Bei ihnen reicht die Spanne von 41.054 Euro (16,6 Prozent) für Neurologen, Psychiater, Kinderpsychiater und Psychotherapeuten bis zu 269.937 Euro (29,3 Prozent) Einbuße für Radiologen und Nuklearmediziner. Relativ am stärksten betroffen wären Dermatologen mit 41,1 Prozent geringeren Jahreseinnahmen oder im Schnitt 158.530 Euro weniger.

Die Hautärzte gehören allerdings zu den Fachgruppen, die einen überproportionalen Anteil ihrer Einnahmen mit Selbstzahlerleistungen (IGeL) erzielen. Kaiser weist darauf hin, dass die Werte des Statistischen Bundesamtes auch die IGeL-Umsätze enthalten, der von ihm bezifferte Verlust durch die Bürgerversicherung bei den entsprechenden Fachgruppen sei deshalb "überzeichnet". Denn IGeL wird es auch unter den Bedingungen einer Bürgerversicherung geben.

Da sich durch den Wegfall des Mehrumsatzes die Praxis-Fixkosten nicht ändern, erwartet Kaiser, dass sich der Gewinn absolut gesehen in gleichem Umfang verringert. Umsatz und Gewinn aus privatärztlicher Tätigkeit, so Kaiser, versetzten Ärzte in die Lage, in Fachpersonal, neue Behandlungsmethoden und moderne Praxisinfrastruktur zu investieren. Davon profitierten auch GKV-Patienten. Genau diese Investitionen wären durch die Bürgerversicherung bedroht.

Sein Szenario: Die Fachärzte würden weniger in Medizintechnik investieren und weniger Personal beschäftigen. "Mit der Bürgerversicherung würden der hoch spezialisierten Facharztversorgung die finanziellen Voraussetzungen endgültig entzogen", so Kaiser. "Das Ziel: ein zentral gesteuertes, budgetiertes Gesundheitswesen unter staatlicher Aufsicht."

[21.05.2017, 15:28:12]
karla Gstaeckbun 
Leider kein Grundrecht auf Reichtum/ Sicherstellung der Versorgung rechtlich einfachst möglich
Der Reputationsverlust der Ärzte ( diese Zeitung berichtete über die Zunahme an Gewalt) dürfte bei breiter Prüfung auch auf die für die Bevölkerung schwer verständliche Einstellung zum Einkommen attribuiert werden können, die vermutlich eine andere Vorstellung von marktkontrolliertem freien Unternehmertum hat.
Ein massenweise Niederlegung der Arbeit ließe sich im Justizministerium einfach mit einer Novelle der unterlassenen Hilfeleistung in Verbindung des vom Berufsstandes nach außen getragenen Selbstbildes des ehrbaren Heilers verbinden. zum Beitrag »
[19.05.2017, 14:10:43]
Patricia Singer 
Ein Blick über den Tellerrand
Ein Blick nach Österreich hilft abzusehen, was wohl wirklich passieren würde - Kassenärzte haben weiterhin nur 3-5 Minuten pro Patient Zeit und volle Praxen. Diejenigen, die da nicht mitmachen sind privat niedergelassen (in Österreich "Wahlärzte") und betreuen Patienten, die bereit sind dafür aus eigener Tasche zu zahlen, dass sich ein Arzt Zeit nimmt. Die Kassen erstatten hierfür allerdings 80% der Leistung an den Patienten, die ein Patient bei einem Kassenarzt gekostet hätte (also ca. 16 Euro, glaube ich, wobei die meisten Patienten sich nicht die Mühe machen, das einzureichen, da ein Wahlarzt die Kosten für seinen Termin ganz ohne GOÄ bestimmen kann und somit eher bei 60-120 Euro liegt; dennoch eine gute Geste der KV). Wenn die KV Beiträge dann noch deutlich günstiger werden durch die Bürgerversicherung (Vergleich Österreich- die GKV kostet halb so viel wie in Deutschland, der Patient erhält aber etwas mehr Leistungen und der Arzt etwas mehr Bezahlung - und die Kasse eben etwas weniger), dann hat der Bürger ja eine Basisversorgung und kann sich von dem ersparten Geld im Bedarfsfall auch einen privaten Arzt leisten. zum Beitrag »

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