Interview

"Patienten brauchen bei der E-Akte freie Wahl"

Das Thema E-Patientenakte elektrisiert zurzeit die Diskussion im Gesundheitswesen. Über Wahlmöglichkeiten für Patienten und den Mehrwert für Ärzte und Patienten sprachen wir mit CGM-Vorstand Uwe Eibich, dessen Unternehmen seit zehn Jahren Erfahrungen mit der ePA sammelt.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:
Uwe Eibich, Vorstand CompuGroup Medical: Mit neuen Chips auf der eGK könnten Patienten ganz einfach auf ihre Daten zugreifen.

Uwe Eibich, Vorstand CompuGroup Medical: Mit neuen Chips auf der eGK könnten Patienten ganz einfach auf ihre Daten zugreifen.

© A. Büttner

Uwe Eibich

  • Aktuelle Position: Vorstandsmitglied der CompuGroup Medical SE. In dieser Position leitet er das Segment D-A-CH (Deutschland - Österreich - Schweiz).
  • Ausbildung: Uwe Eibich ist Diplom-Informatiker und studierte in Berlin und Bonn.
  • Werdegang: 1998 kam er zur CompuGroup und leitete langjährig den Geschäftsbereich Dentalsoftware. Ab 2004 begleitete er die internationale Expansion der CGM ins europäische Ausland und verantwortete den Bereich der ambulanten Arzt- und Dental-Informationssysteme in Deutschland. Seit 2007 ist er Vorstandsmitglied.

Uwe Eibich: Das kann ich mir nicht vorstellen, und es kann auch nicht sein. Entscheidend für den Patienten wird sein, welche Angebote er von seiner Patientenakte erwartet. Das wird je nach Lebenssituation unterschiedlich sein. Die junge Familie hat sicher andere Anforderungen, als chronisch kranke Menschen. Und da sind es doch die Ärzte, die im engen, persönlichen Kontakt zu ihren Patienten stehen und meine aktuellen Daten haben.

Denn in einer akuten Behandlungssituation zählen vor allem die Aktualität und die Qualität der medizinischen Daten in der eigenen Gesundheitshistorie. Als Patient möchte ich für meine Kasse auch nicht gläsern werden. Denn letztendlich ist es meine Entscheidung, welchem Arzt ich vertraue.

Nein, die Patienten werden den Anbieter für ihre Patientenakte auswählen, dem sie vertrauen und der ihnen die meisten Mehrwerte bietet. Genau deshalb sollten Kassen ihren Versicherten die Kosten für die Patientenakte ihrer Wahl erstatten, denn nur dann kann ein Wettbewerb um die besten Lösungen entstehen.

Ist die Speicherung von Patientendaten auf dem Handy von der Datensicherheit her bedenklich? Gesundheitsminister Spahn will ja eigentlich gerade eine Lösung, die auch über Smartphone zugänglich ist…

Eibich: Die Speicherung von Patientendaten auf dem Smartphone ist kritisch zu sehen. Denken Sie nur daran, dass ein Smartphone in die falschen Hände gerät oder verloren geht. Genauso bedenklich ist die Weitergabe von Metadaten des Patienten an internationale Server und sei es nur zu Analysezwecken. Denn dies lässt Rückschlüsse auf das Verhalten des Patienten zu und verletzt zudem seine Privatsphäre.

Zur Erinnerung sei gesagt, dass in der Telematikinfrastruktur derartige Rückschlüsse technisch verhindert werden. Konkret kann man nicht zurückverfolgen, bei welchem Arzt der Patient gerade seine eGK einsetzt. Das muss jede Patientenakte zweifelsfrei sicherstellen.

Und was ist mit dem Wunsch des Gesundheitsministers?

Eibich: Der Zugriff auf die Daten in der Patientenakte sollte dem Smartphone zugänglich sein, jedoch ohne Speicherung auf dem Smartphone. So habe ich das Anliegen von Herrn Spahn verstanden. Er hat lediglich dafür plädiert, den Patienten einen einfachen Einblick, zum Beispiel über das Smartphone, auf die Patientenakte zu ermöglichen. Das wäre mit der eGK schwierig, da nicht alle Patienten einen Kartenleser haben können und wollen.

Aber wenn jetzt die Ausgabe neuer Gesundheitskarten mit NFC Chips kommt (NFC steht für Near Field Communication, Anm. d. Red.), wie von der Politik bereits vorgeschlagen: Dann könnte jeder Patient sein Smartphone in die Nähe einer solchen eGK mit NFC bringen und so kontaktlos eine 2-Schlüssel-Authentifizierung mit seinem Smartphone durchführen. Das gleiche Prinzip kennen wir heute von Kreditkarten. Das ist eine clevere Idee in diesem Sinne.

Sie haben eine eigene Gesundheitsakte entwickelt. Was ist Ihr Konzept der Datensicherheit für diese Akte?

Eibich: Aus unserer inzwischen mehr als zehnjährigen Erfahrung mit elektronischen Patientenakten wissen wir um die hohe Bedeutung der Datenschutz und Datensicherheitsthema rund um diese Anwendung. Der Datenschutz der persönlichen Gesundheitsdaten und die Datensicherheit waren für uns die zentrale Anforderung bei der Entwicklung von CGM LIFE unserer elektronischen Patientenakte. Hier sind wir keine Kompromisse eingegangen und haben eigens hierfür eine spezielle, patentierte Technologie entwickelt.

Wenn hochsensible Daten gespeichert und zur Verfügung gestellt werden, müssen zwei grundlegende Dinge sichergestellt sein: Erstens der Bürger ist der alleinige Besitzer der Akte, und zweitens kann nur er über die Zugriffe auf die Daten der Akte bestimmen.

Daher verfügt ausschließlich der Patient über die Schlüssel zu seiner Patientenakte. Dazu werden sämtliche Daten bereits vor einer Übertragung aus der Praxissoftware des Arztes in die Akte oder auf das Endgerät des Versicherten hochsicher verschlüsselt und zudem digital signiert. Damit ist ausgeschlossen, dass Patientendaten auf den Servern entschlüsselt werden. Selbst ein Administrator oder staatliche Autoritäten sind so niemals in der Lage, die Patientendaten einzusehen. Selbst dann, wenn sie Zugang zu den Servern hätten. Wir nennen diese Eigenschaft deshalb auch "technischen Beschlagnahmeschutz".

Wo liegt ein echter Mehrwert der Akten für Patienten? Werden sich die jetzt in Scharen eine Gesundheitsakte besorgen?

Eibich: Wir stellen mit der CGM LIFE Plattform eine ePA zur Verfügung. CGM LIFE verbindet die Ärzte mit ihren Patienten über konkrete Mehrwertdienste. Zum Beispiel nutzen bereits mehr als eine Millionen Patienten unsere Services zur Online-Buchung von Arztterminen basierend auf der CGM LIFE ePA.

Viele Patienten interessieren sich heute für ihre Gesundheitsdaten und bringen sich stärker ein, um ihre Gesundheit bewusst zu erhalten. Dafür sind verlässliche Gesundheitsdaten hilfreich und notwendig. Und es gibt bei den Patienten und Bürgern die zunehmende Erwartungshaltung, dass die Kommunikation mit ihrem Arzt oder dem Krankenhaus auch bequem digital abgewickelt werden kann. So wie man es auch aus anderen Lebensbereichen kennt. Am Ende kommt es auf den Anwendungsfall an, der mit meiner Patientenakte verbunden werden kann.

Neben ihrer Gesundheitshistorie sind die Patienten vor allem an einer Unterstützung bei der Verwaltung ihrer Gesundheit interessiert. Sei es die Online-Terminvereinbarung, die digitale Rezeptbestellung, die Einnahmehinweise zu den eigenen Medikamenten via Smartphone oder die Kostenerstattung durch die Krankenkasse. Hinter all diesen Anwendungen steht CGM LIFE mit seiner Patientenakte.

Aber bei der E-Akte geht es doch nicht nur um Verwaltung...

Eibich: Natürlich nicht. Ein ganz wesentlicher und persönlicher Nutzen für die Bürger entsteht doch immer dann, wenn es um die nachweisliche Vermeidung von Leid oder Tod geht. Wirkstarke E-Health-Apps können nur entstehen, wenn tatsächlich strukturierte Daten in der ePA zur Verfügung stehen.

Nur auf dieser Basis können Mediziner verlässlich auf vorhandenes Wissen und lebensrettende Algorithmen in ihrem Behandlungsalltag zurückgreifen. Durch die damit mögliche Software Assistierte Medizin (SAM) bekommen Medizin, Pflege, Patienten und Angehörige echte Unterstützung in die Hand.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eibich: Im Arzneimittelkonto.NRW führt der Patient mit seinen autorisierten Gesundheitsprofis ein gemeinsames Verzeichnis seiner Medikamente. Dieses dient als Basis für intelligente Unterstützung zur Vermeidung von Kontraindikationen, Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und hilft damit nachweislich im Alltag.

Die wissenschaftliche Evaluation der Universität Bielefeld hat gezeigt, dass bei mehr als zwei Drittel der teilnehmenden Patienten die Medikamentenabgabe verändert wurde, um Risiken für die Patienten zu vermeiden. Dabei ging zudem die Anzahl der Verordnungen um 14 Prozent zurück. Das ist ein fantastisches Beispiel. So etwas wird nur möglich, wenn strukturierte Daten in Echtzeit und direkt aus zuverlässiger Quelle genutzt werden können.

Weil die Anwendungsfälle in der Medizin so vielfältig und zahlreich sind, bietet CGM LIFE eine offene, interoperable Schnittstelle zur Anbindung von Apps und Anwendungen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens. Mit unserem sogenannten PartnerReady-Programm bieten wir interessierten Anbietern die Möglichkeit zur Anbindung an die CGM LIFE Patientenakte. Ziel ist es, den Patientenmöglichst viele interessante Apps und Anwendungen bieten zu können.

Haben dann eigentlich auch andere Gesundheitsberufe Zugriff auf die Akte – können also zum Beispiel Apotheker die Selbstmedikation des Patienten eingeben?

Eibich: Grundsätzlich ja. Niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Ärzte in Kliniken und Krankenhäusern haben Zugriff auf die Patientenakte, wenn sie vom Patienten selbst zugelassen sind. So kann zum Beispiel jeder Apotheker die Medikation in der CGM LIFE Akte eines Patienten ergänzen oder aktualisieren. Voraussetzung ist natürlich, dass der Patient dem Apotheker hierfür zuvor seine Einwilligung erteilt hat und den Apotheker die Akte freigeschaltet hat.

Und was haben Ärzte davon – nur mehr Arbeit, weil sie Patientendaten in die Akte hochladen müssen?

Eibich: Die Ärzte erhalten Zugriff auf alle Informationen, die ihnen der Patient über die Patientenakte zur Verfügung stellt. Das können Befunde anderer Ärzte oder Kliniken, aber auch eigene Daten des Patienten, wie z.B. ein Schmerztagebuch sein. Vor allem aber können Ärzte in einen aktiven Dialog mit ihren Patienten eintreten und so auch Arbeit sparen.

Schließlich sind Behandlungsinformationen auf digitalem Wege schneller ausgetauscht, als per Kopie auf Papier. Aber auch beim Hochladen der Daten in eine CGM LIFE Patientenakte haben die Ärzte nicht mehr Arbeit. Nutzt der Arzt oder Apotheker ein Praxissystem aus unserem Hause, dann funktioniert der Datenaustausch sogar vollautomatisch. Und auch die Anwender anderer Softwaresysteme können in ihrer Praxis oder Klinik über eine Web-Applikation bequem mit CGM LIFE kommunizieren.

Was ist dann eigentlich der große Unterschied zur Patientenakte, die bis 2021 kommen soll, nach dem aktuellen Gesetzentwurf? Wenn jetzt schon mehrere Gesundheitsakten auf dem Markt sind – wo liegt dann das Problem bei der Patientenakte?

Nach meiner Auffassung erfüllt CGM LIFE schon heute alle Anforderungen an diese Patientenakte. Aber letztendlich kennen wir die Spezifikation noch nicht. Vor dieser Herausforderung steht die gematik aktuell und sie soll die Verbindung der Patientenakte mit der Telematikinfrastruktur und die Interoperabilität der Inhalte schaffen. Aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen in der TI bieten sich hier beste Möglichkeiten, einen sicheren Zugang zur Patientenakte zu schaffen. Bei der Interoperabilität gehen die Meinungen auseinander.

Hier sollte man sich die praxiserprobten Konzepte, insbesondere aus dem ambulanten Bereich, für den Datenaustausch zu Nutze machen. Hier bringt die Industrie viel Erfahrung aus der täglichen Umsetzung und den Erfahrungen ihrer Anwender in den Arztpraxen mit. Der E-Arztbrief mit strukturierten Daten ist ein gutes Beispiel für durch die Industrie geschaffene Interoperabilität.

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Wo sich sonst der „Fliegende Kuhstall“ dreht, wird jetzt geimpft: Karls Erlebnisdorf in Rövershagen.

„ÄrzteTag“-Podcast

900 Dosen AstraZeneca an einem Tag? Ein Hausarzt sagt, wie‘s geht

Eine der Zeichnungen aus dem Pernkopf-Atlas (1. Band, pp.290-291).

Wertvoll, aber bedenklich

Das moralische Dilemma mit dem Pernkopf-Atlas