Gastbeitrag

Impfstoffe für die Welt – eine Frage im ureigenen Interesse

Von Han Steutel

Während wir über die Corona-Impfpflicht diskutieren, stockt in ärmeren Ländern die Impfkampagne. Die Patente auszusetzen wäre kontraproduktiv, so vfa-Präsident Han Steutel . Besser sollten die bestehenden Initiativen gefördert werden.

Impfstoffe für die Welt – eine Frage im ureigenen Interesse

Han Steutel ist Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa).

© vfa

Die Welt geht in ihr drittes Jahr der Corona-Pandemie. Der mit der Entwicklung von Impfstoffen eingesetzte Optimismus auf ein schnelles Ende der Krise ist aber durch immer neue Infektionswellen und Varianten des Virus verflogen. Zwar schützen die Vakzine gegen Ansteckungen und verhindern vor allem schwere Krankheitsverläufe. Allerdings bleibt ein breiter Impfschutz in vielen ärmeren Ländern exklusiv für kleine Teile der Bevölkerung.

Eine Situation, die nur Verlierer kennt

Gerade auf dem afrikanischen Kontinent kommen die Impfkampagnen gegen COVID-19 derzeit nicht in Gang – die Impfquoten liegen vielfach deutlich unter zehn Prozent. Dies zu ändern ist nicht nur eine Frage globaler Gerechtigkeit, sondern auch im ureigenen Interesse all jener Länder, die bereits einen hohen Impfschutz erreicht haben. Denn dort, wo das Virus sich ungehindert verbreiten kann, werden sich immer neue Varianten entwickeln.

Um die Bevölkerung in den ärmsten Ländern auf der Welt schnell mit Impfstoffen zu versorgen, solle der Patentschutz für die Corona-Impfstoffe zumindest zeitweise ausgesetzt werden, lautet eine häufige Forderung. Nur so ließen sich rasch Mengen ausreichend für alle produzieren.

Doch dieser Weg führt nicht weiter. Die Herstellung von Impfstoffen ist alles andere als trivial. Ohne eine anspruchsvolle Infrastruktur, das Prozesswissen für die Herstellung und die notwendigen Lizenzen für wichtige Bestandteile der Impfstoffe ist das Patentwissen nicht viel wert. All dies können nur die Rechteinhaber beisteuern, denen jedoch im Fall einer Patentfreigabe das Interesse für eine solche Kooperation fehlen würde. Noch schwerer wiegt, dass ohne eine Ertragsaussicht Anstrengungen für eine Weiterentwicklung der Impfstoffe und Medikamente schlicht ausfielen. So würde die Welt in eine Situation geraten, in der es am Ende nur Verlierer gibt.

Hinter den Initiativen für eine Patentaussetzung steht aber noch eine weitere Annahme. Es wird auch davon ausgegangen, dass in den jeweiligen Ländern der fehlende oder zu teure Impfstoff ursächlich für die niedrigen Impfquoten sei. Doch auch diese Analyse ist zu kurz gesprungen. Bis Ende dieses Jahres dürften rund 24 Milliarden Corona-Impfstoffdosen produziert worden sein. Gleichzeitig fahren wegen ausbleibender Bestellungen einzelne Hersteller ihre Produktionskapazitäten runter. Zu hohe Preise fallen dabei als Hindernis aus, denn die Verträge über nicht nachgefragte Chargen sind über das COVAX-Hilfsprogramm lange geschlossen und finanziert. Ohnehin haben große Impfstoffhersteller zugesagt, die ärmsten Länder der Welt zu Herstellungskosten zu beliefern.

Anspruchsvolle Logistik

So gerät bei der Suche nach den Ursachen die Infrastruktur in den Blick. Sie ist wie die Herstellung der Impfstoffe selbst anspruchsvoll und fehlt in vielen Ländern. Dies reicht von der Logistik, lückenlosen Kühlketten bis zu entsprechenden Impfzentren oder dezentralen Angeboten, um auch die Menschen in entlegenen Regionen zu erreichen.

Man macht es sich also viel zu leicht, die globale Verteilungsfrage mit einer Freigabe der Patente beantworten zu wollen. Es steht zu befürchten, dass eher das Gegenteil dessen eintritt, was sich viele erhoffen. Der Anreiz würde genommen, sich weiter in der Forschung für einen umfassenden Impfschutz zu engagieren und Kooperationen in der Produktion anzustoßen.

Kein Almosen, sondern im eigenen Interesse

Dabei ist es richtig und wichtig, die Produktionen in ärmeren Teilen der Erde und die Logistik der Impfstofflieferungen zu erleichtern. Dies wird am schnellsten im Rahmen von Partnerschaften mit den etablierten Herstellern erreicht. Nur so kann Produktion schnell aufgebaut und die Qualität sichergestellt werden.

Dabei mangelt es nicht am Willen der Impfstoffunternehmen selbst. Weltweit gibt es mittlerweile rund 350 freiwillige Kooperationen. Knapp 90 Prozent dieser Vereinbarungen umfassen dabei den Wissenstransfer von der Impfstoffherstellung bis zur Abfüllung der Vakzine.

Die wohlhabenden Länder sollten diese Initiativen aktiv unterstützen – wenn notwendig auch logistisch und finanziell. Genauso wichtig ist es, den Aufbau der fehlenden Infrastruktur schnell in Angriff zu nehmen und massiv zu fördern. Dieses Geld wäre kein Almosen, sondern bestens angelegt im ureigenen Interesse.